Cro

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Stromlos und anders

Nur wenige von ihnen sind da - nur wenige von den jungen Mädels, die Cro in kürzester Zeit zu einem Superstar hochkreischten. Die Mehrzahl der Leute, die noch vor dem Lichtspielhaus Scala in Ludwigsburg ausharren, hebt den Altersdurchschnitt des Abends weit über den eines normalen Cro-Konzerts: eine der auffälligsten Anomalien der bevorstehenden Stunden. Die zwei Mädchentrauben nutzen die noch wenigen verbliebenen Minuten, um verstohlene Blicke über die eiserne Absperrung zu werfen, hinein in den Seitenhof des altehrwürdigen Kinos. Denn da bewegt sich etwas: Schwarzgekleidete Musiker und Techniker bilden ebenfalls eine Traube von Menschen, man schwört sich ein letztes Mal ein. Sie alle werden Cro bei seinem großen Abend unterstützen: Der 25-Jährige spielt gleich sein "MTV Unplugged" ein (TV-Premiere am 4. Juli, 20.10 Uhr, bei MTV, am 16. Juli, 23.35 Uhr auf ProSieben im Free-TV) - und macht dabei alles ein wenig anders als sonst.

"So, jetzt bewegen wir uns alle mal da hinein", ruft einer der Security-Männer in bemüht sauberem Deutsch. Wer ihn dabei anblickt, gehorcht. Ein wuchtiger Mann ohne Hals, mit dunkler Sonnenbrille und einem Stöpsel im Ohr. Es geht also los. Cro ist bereit für sein "Unplugged". Die zuvor gezeigte Zurückhaltung unter den Mädchen ist spätestens von da an Geschichte. Dass sie ihre Mobiltelefone im Foyer abgeben müssen, bleibt der Aufregung wegen nur ein kurzer Schock. Vielmehr freuen sie sich, im Kinosaal die vorderen Reihen einnehmen zu dürfen. Sie werden ganz nah dran sein an ihrem Cro.

Würde man diese Mädels fragen, ob der erst 25-jährige und gerade mal zwei reguläre Langspieler schwere Rapper bereits ein "MTV Unplugged" verdient hat, sie würden einstimmig dafür plädieren. Der stets gut gelaunte junge Mann aus der schwäbischen Provinz ist zweifellos einer der größten deutschen Stars der Gegenwart. Doch diskreditiert sich diese Musik-Institution mit der Nominierung eines vermeintlichen Greenhorns nicht selbst? Seit 1990 dürfen verdiente Künstler für den Musiksender stromlose Konzerte einspielen. Aerosmith waren damals die ersten, Paul McCartney folgte, dann R.E.M. (beide 1991). Die Auftritte von Eric Clapton (1992) und Nirvana (1993) gehören zu den Höhepunkten der Pop-Historie. Herbert Grönemeyer war 1995 erster deutscher Würdenträger. Auch nach den erheblichen Geltungsverlust von MTV in der heutigen Zeit ist die "Unplugged"-Reihe noch immer ein "Riesending", wie es Cro im Vorfeld ausdrückte.

Die Dimensiond es Ganzen dürfte auch einer der Gründe sein, warum Cro am Gala-Abend eingeschüchtert wirkt. Er schaut während seines Vortrags fast durchweg auf den Bühnenboden, man sieht mehr von seinen Panda-Ohren als von dem unrasierten Unterkiefer, der sonst als einziger Gesichtspart hervorblitzen darf. Auf einem Barhocker sitzend, gestaltet er den Auftritt sehr bedächtig, lässt sich kaum zu Interaktionen mit dem Publikum oder der Band hinreißen. Das hat sicherlich auch mit der Kulisse zu tun: Das Scala besticht durch seine dunkle Holzvertäfelung, dem Akzente-setzenden braunen Leder an Türen und Empore sowie den karminroten Kinosesseln. Die Bühne ist nur spärlich und stilecht mit stehenden Edison-Glühlampen beleuchtet. In dieser Umgebung und mit dem ungewohnten Stoizismus ihres Stars wissen die glücklichen Sieger einer Online-Verlosung, die sich in den ersten Reihen breitmachen durften, nicht, wie sie auf all die Hits reagieren sollen. Auch als Cro bei "Hi Kids" fast beiläufig vorausschickt, dass nun der Moment gekommen sei, "in dem alle natürlich mitmachen müssen", erheben die jungen Fans in der Front erstmals nur leicht ihre Stimme - aber kaum sich selbst.

Es dauert, bis sie etwas lockerer werden und sich von der intimen Stimmung nicht allzu sehr beeindrucken lassen. So ernsthaft kennen sie ihren Cro nicht. Heute geht es eindeutig mehr um gute Musik als um gutes Entertainment. Aber kann das Cro überhaupt? Wer sich jemals näher mit dem jungen Schwaben beschäftigte, weiß diese Frage mit "Ja" zu beantworten. Und das Gros des Publikums weiß Bescheid. In den weiteren Reihen sitzen Freunde von Cro, Kollegen, Leute vom Label, Presse-, Medien- und Promo-Partner. Alle Anwesenden sind dem Wahlstuttgarter durchaus gewogen, doch mehr als ein leichtes Kopfnicken ist von ihnen nicht zu erwarten. Bei einem gewöhnlichen Konzert wären sie allesamt biertrinkende Beobachter am anderen Hallenende.

Doch diese Menschen wissen wohl am besten, dass auch hinter dem neu konzipierten zweistündigen Set nicht wenig von Cros Kreativität stecken wird. Der Gold- und Platin-Abräumer ist stets für den Großteil seiner Songs selbst verantwortlich. Er schreibt die Texte, komponiert die Musik, baut Beats, rappt und singt darauf. Selbst beim Abmischen hat er seine Finger im Spiel. Und auch das extra geschaffene, großartige Orchester-Arrangement ertönt nun nicht ohne seine Handschrift. Federführend steht dafür Lilo Scrimali, der bereits die Stromlos-Ausflüge von Max Herre (2013) und der Fantastischen Vier (2000) mit seinen Ideen befeuerte. Im Bonusteil der nun erscheinenden Blu-ray-Disc- und DVD-Veröffentlichung Cro-"Unplugged" zeigt der Stuttgarter sich "dankbar" für die Vorlagen: In Cros Beats stecke so viel Soul, die Instrumentierung könnte klarer nicht sein. Was im Making-of ebenfalls zu sehen ist: Cro erlaubt sich durchaus, dem erfahrenen Komponisten mit seinen eigenen Ideen reinzugrätschen - und Scrimali gibt sich erstaunt, wie viel Talent und Ahnung in seinem Auftraggeber doch stecken.

"In meinen Kopf klang das schon immer genau so", erklärte Cro im Vorfeld. "So muss es klingen, genau so", ruft er dann der 22-köpfigen Kapelle zu, nachdem die ihn beim ersten Hit "Easy" unterstützte. Das Publikum ist endlich aufgetaut. Das taktbewusste Fingertippen und Stuhlwackeln von Fußball-Star Sami Khedira, der oben auf der Empore Platz genommen hat, steht stellvertretend dafür. Immer öfter stehen die ersten Reihen auf, klatschen im Takt. Dann bittet Niko Papadopoulos vom Cro-Label Chimperator zur Pause. Als nach einem Sturm auf Toiletten und auf kühle Getränke wieder zum Platznehmen aufgefordert wird, schockt Cro das sitzende Volk: Elf Lieder müssen nochmals gespielt werden. Die Aftershow-Party samt Buffet schien doch schon so nah.

Doch das Publikum nimmt es sportlich, am Ende gar dankbar. Endlich löst sich die Stimmung. Man steht, klatscht, tanzt sogar - auch in den hinteren Reihen. Der Jubel wird von Lied zu Lied lauter. An der Stimmung habe es aber gar nicht gelegen, dass so viele Lieder nochmals performt werden mussten: "Wir setzten uns in der Pause mit den 'Unplugged'-erfahrenen Kollegen von der Regie zusammen und gingen alle Songs durch", erklärte Sebastian Schweizer, ebenfalls von Chimperator, nach dem Konzert. "Bei ein paar Songs waren die Kamerafahrten nicht ganz optimal, bei anderen verspielte sich jemand oder Cro hatte einen kleinen Texthänger." Bei aller auch in Ludwigsburg abermals offenbarten Lockerheit in Cros Label-Lager geht man eine solche Geschichte doch sehr professionell an. "Wir haben in den letzten Jahren - gerade wegen Cros Erfolgen - schon echt viel erlebt, aber 'MTV Unplugged' war eine besondere Herausforderung. Die vielen Kameras, gleichzeitig die Soundaufnahme im Blick zu haben: Da musste alles passen!", so Schweizer, einer der Gründer des Erfolgsunternehmens, weiter.

Mit Schweizer, Papadopoulos und Co. sprach sich Cro über das Projekt von Anfang an ab. Nachdem man sich den Kopf zerbrach, was denn als Nächstes noch kommen könnte, fragte man bei MTV an. Die sagten ähnlich flott zu, wie alle gewünschten Gäste: Max Herre, Die Orsons, Cros Kinderzimmer-Favoriten Die Prinzen - sogar Haftbefehl fuhr mit seiner Posse in zwei schwarzen Mercedes-G-Klassen vor und drängte sich im Seitenhof an dem riesigen Übertragungswagen der Regie vorbei. Als die Männer und Frauen darin endlich auch Feierabend haben, die Kamerafahrten nach der zweiten Runde passen, treffen sich Zuschauer und Konzertgeber in unmittelbarer Nähe des Monstrums. Khedira plaudert hier mit dem maskenlosen Cro, dort tanzt Kaas von den Orsons nach der Musik aus seinem mitgebrachten Ghettoblaster - nicht nur die angenehmen Temperaturen sorgen für eine ausgelassene und angenehm familiäre Stimmung. Plötzlich joggt Cro los, hüpft über eine Absperrkette und nimmt nacheinander eine Gruppe weiblicher Fans vor dem Lichtspielhaus Scala in den Arm. Die Maske wird erst bei Selfie-Fotos mit dem Star aufgesetzt. Die Mädchen, die kein Ticket besaßen, sind hin und weg ob der Nähe zu ihrem Helden. Es wird gekichert und gekreischt, Cro ist das ja gewohnt.

Quelle: teleschau - der mediendienst