Michael Kessler

Michael Kessler





Gänsehaut-Momente mit "Effe" und Stefanie Hertel

Den besten Beleg dafür, dass "Kessler ist ..." zu den spannendsten Erfindungen des vergangenen Fernsehjahres gehört, spürt der aufmerksame Zuschauer spätestens am Ende jeder Folge am eigenen Leib: in Form einer Gänsehaut. Die halbe Stunde mit Michael Kessler (48) und jeweils einem prominenten Protagonisten ist eine originelle Mischung aus Talk, Porträt und Reportage und hat den Zuschauern schon faszinierende Einblicke in das Leben von Stars wie Michaela Schaffrath oder Heino gewährt. Denn dieser Kessler ist ... zunächst einmal ein wandlungsfähiger Schauspieler, ein neugieriger Journalist und ein geistreicher Comedian. Er wirft all das in die Waagschale, um dem Promi näherzukommen und zum Finale einen Moment von großer Intensität herzustellen: Kessler mimt in einer erstaunlich echten Maske und mit kunstvoll einstudierter Gestik und Mimik sein Gegenüber, es kommt zu einem Interview, bei dem der wirkliche Star seinem gefakten Spiegelbild die Fragen stellt. Klingt skurriler als es ist - "Kessler ist ..." muss man gesehen haben: Ab 23. Juli, 23.15 Uhr, schlüpft Kessler immer donnerstags im ZDF in die Haut von Horst Lichter, Stefan Effenberg, Michael Mittermeier und Kai Pflaume. Die Folgen mit Stefanie Hertel und Götz Alsmann sind nur bei ZDFneo zu sehen.

teleschau: Sie waren in Ihrer Sendung schon Heino, Joachim Llambi oder sogar Michaela Schaffrath. Trotzdem fällt es schwer, sich vorzustellen, wie Sie nun einem Stefan Effenberg als dessen Spiegelbild gegenübersitzen!

Michael Kessler: (lacht) Ich hatte auch meine Zweifel, ob die Nummer klappt. Zumal ich mit Fußball nichts am Hut und zwei linke Füße habe. Dennoch habe ich es einfach mal gemacht. Man wächst mit seinen Aufgaben, und meine Sendung lebt vom Mut, den beide Seiten aufbringen müssen: die Protagonisten genauso wie ich!

teleschau: Wie war es, sich dem "Tiger" anzunähern?

Kessler: Spannend! Die erste Begegnung war sehr merkwürdig, er war extrem skeptisch und einsilbig. Ich dachte mir: Oh Gott, das geht in die Hose! Doch dann lief es immer besser, und das Ganze entwickelte sich in eine ungeahnte Richtung. Ohne zu viel zu verraten: Effenberg zeigt sich von einer anderen Seite ...

teleschau: Wie brechen Sie das Eis?

Kessler: Ich habe keine besondere Taktik. Ich bin einfach der, der ich bin. Man muss sich erst kennenlernen, das ist normal, das macht das Format aus. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen.

teleschau: Wie lange arbeiten Sie an einer Folge?

Kessler: Mindestens zwei Wochen beschäftige ich mich mit einem Kandidaten. Allein für die Drehzeit sind vier Tage veranschlagt. Ein enormer Aufwand für 30 Minuten Programm, aber nur so kann die Intensität hergestellt werden, die es braucht.

teleschau: Mit Horst Lichter lagen Sie im Krankenhausbett und sprachen mit ihm über Tod und Krankheit. Wie spontan ist so etwas?

Kessler: Das entwickelt sich immer beim Drehen, bei den Begegnungen, die man in der Zeit hat. In diesem Fall ging die Idee auf: Das Gespräch, das wir im Krankenhaus drehten, gehört zu den intensivsten der Reihe. Ich bin gespannt, was die Fans davon halten, die Horst Lichter nur als den gut gelaunten Fernsehkoch mit dem lustigen Schnurrbart kennen.

teleschau: "Kessler ist ..." hat es ins ZDF-Hauptprogramm geschafft, das Medienecho auf die ersten Folgen im vergangenen Jahr war überwältigend. Hat Sie das überrascht?

Kessler: Und ob. Die Freude ist groß, denn in der Sendung steckt viel Mühe. Schön auch, dass mein Glaube an das Format bestätigt wurde - es war ja ein Risiko: Wir haben mit der Sendung Neuland betreten, so etwas gab es hierzulande noch nicht - für mich der ausschlaggebende Grund, das zu machen. Ich suche bei der Fernseharbeit immer das Neue, Formate, mit denen ich die Leute überraschen kann.

teleschau: Half Ihnen die Resonanz auf die ersten Folgen nun bei der zweiten Staffel dabei, geeignete prominente Protagonisten zu finden?

Kessler: Ja, es war leichter. Vor einem Jahr, als keiner die Sendung kannte, dachten manche, dass der Kessler von "switch" sie einfach mal gepflegt durch den Kakao ziehen will. Wobei viele Prominente noch große Ehrfurcht vor dem öffentlichen Seelenstriptease haben. Die meisten sagen immer noch: "Prima Sendung, aber nichts für mich!"

teleschau: Verständlich?

Kessler: Absolut. Es geht schon ans Eingemachte. Darauf muss man sich einlassen wollen.

teleschau: Was hat ein Star davon, wenn er bei "Kessler ist ..." mitmacht?

Kessler: Sie meinen außer, dass er sich vielleicht das Geld für ein paar Stunden auf der Couch des Psychologen erspart? (lacht) Er hat eine großartige, sehr persönliche Programmplattform - 30 Minuten, in denen er sich mal von einer anderen Seite zeigen kann. Und er kann sich darauf verlassen, dass ich fair mit ihm umgehe. Hier wird keiner entlarvt oder ausgezogen, wir verraten keine persönlichen Geheimnisse. Diese Sendung lebt davon, dass jede Folge von mir und dem jeweiligen Prominenten gemeinsam erarbeitet wird. Nur so kann das Experiment gelingen.

teleschau: Sie bezeichnen "Kessler ist ..." selbst als Experiment?

Kessler: Ja, natürlich. Wenn ich anfange, für eine Folge zu drehen, weiß ich nicht, was am Ende herauskommen wird. Es ist eine gemeinsame Reise. Ein anderer Unterschied zur Talkshow: Bei mir wird keine CD, kein Film oder irgendein anderes Produkt beworben, sondern es geht wirklich um den Menschen, und den muss man sich erschließen, das geht nicht in zehn Minuten Smalltalk. Ich glaube, dass wir auch deshalb so viel Anerkennung erfahren: Die Zuschauer merken, dass nicht alles bis ins Detail abgesprochen ist. Die Tränen, die manch ein Star am Ende, wenn ich ihm als sein Spiegelbild gegenübersitze, verdrückt, sind echt.

teleschau: Was genau beeindruckt Ihre Protagonisten derart, dass sie sogar weinen?

Kessler: Ich denke, sie sind von sich selbst überrascht und vom Moment überwältigt, wenn sie mit ihrem Innersten oder ihrem zweiten Ich konfrontiert sind. Wir alle sind doch Weltmeister im Verdrängen, wenn es dann doch dazu kommt, dass etwas Verborgenes an die Oberfläche gewühlt wird, dann rührt uns das. In diesen Augenblicken spielt dann auch die Kamera keine Rolle mehr. Hinzu kommt: Man sieht und hört sich selbst. Diese Konfrontation mit dem eigenen Spiegelbild beinhaltet Momente, in denen man vor dem Fernseher den Atem anhält.

teleschau: Glauben, Sie das jeder von uns ein zweites Gesicht hat?

Kessler: Ja, definitiv. Wir alle spielen und taktieren: Wer ist auf der Arbeit schon genauso wie zu Hause? Der Prominente hat es natürlich selbst in der Hand, wieviel er preisgeben will. Dass es sich für die Stars lohnt, sich zu öffnen, hat mir etwa das Beispiel Heino gezeigt. Nach der Sendung mit ihm bekamen wir viele positive Reaktionen. Der Tenor war: "Heino fand ich schon immer schrecklich, aber jetzt sehe ihn mit anderen Augen." Genau das habe ich mir gewünscht: dass es mir gelingt, die Menschen zum Nachdenken zu bringen. Toll - in Zeiten der vorgefertigten Meinungen, in denen wir binnen Sekunden alles und jeden einer Schublade zuordnen.

teleschau: Höhepunkt jeder Sendung ist das Spiegelbild-Interview. Wann fühlen Sie sich dafür bereit?

Kessler: (lacht) Eigentlich nie. Aber der Termin ist gesetzt, dann wird live gedreht, ohne Proben und Absprachen. Ich muss mir die Rolle des Protagonisten bis dahin einverleibt haben, so gut es eben geht. Eine extrem aufregende, spontane Situation für beide Seiten, total strange, und eigentlich bin ich nie zufrieden. Es gelingt mir mal mehr, mal weniger gut.

teleschau: Tun Sie sich mit der Rolle von Männern leichter?

Kessler: Ja, die Frauen sind schon sehr schwierig. Ich trage sonst nun mal keine hohen Schuhe und habe keinen Busen. Ich habe keine Ähnlichkeiten mit einer ehemaligen Pornodarstellerin, und ich sehe auch nicht unbedingt aus wie Stefanie Hertel (lacht). Man wird sicher erst mal schmunzeln, wenn man mich nun so sieht.

teleschau: Reicht eine gute Maske, oder braucht es mehr für die Verwandlung?

Kessler: Es passiert sehr viel in mir drin. Denn mithilfe der Maske kann ich mich nur annähern. Die Optik hilft, tritt dann aber durch die Dynamik des Gesprächs in den Hintergrund. Der finale Moment hat einfach eine unglaubliche Spannung. Durch die Maskerade, aber etwa auch durch die Stimme, ist da aber sicherlich eine gewisse Limitierung gegeben. Bei Frauen ist es eine Gratwanderung für mich - man ist schnell bei "Charleys Tante" oder "Ein Käfig voller Narren". Gerade vor der Parodie will ich mich ja hüten, das darf nicht albern wirken, es muss glaubwürdig sein. Ich finde, bei Michaela Schaffrath habe ich das gut hinbekommen, auch mit Stefanie Hertel bin ich zufrieden. Lassen Sie sich überraschen.

teleschau: Es ist eine Sendung, die von Ihrer Empathie lebt. Hat man die - oder kann man sich so etwas aneignen?

Kessler: Nein, trainieren kann man das wohl nicht. Ich bin einfach schon immer ein sehr neugieriger Mensch. Ich werde auch oft gefragt, ob ich psychologisch geschult bin.

teleschau: Verständlich, die Sendung und Ihre Fragen haben einen sehr psychologischen Ansatz.

Kessler: Ja, aber das ist eher Intuition, meine Neugier, mein Interesse und die Lust, den anderen kennenzulernen. Das Konzept der Sendung würde ich vielmehr menschlich, denn psychologisch nennen. Ich kann gut zuhören - etwas, das im Journalismus leider selten geworden ist. In den meistens Talkshows werden doch nur noch Fragezettel abgearbeitet. Die Antwort ist eigentlich egal, und zugehört wird schon gar nicht mehr.

teleschau: Geben Sie selbst in der Sendung eigentlich auch ein zweites Gesicht preis?

Kessler: Oh ja. Der Spaßmacher Kessler macht auf einmal so etwas Seriöses und Intensives - ich denke, dass viele davon überrascht sind. Aber deswegen mache ich so etwas wie beispielsweise auch meine Reisereportage "Kesslers Expedition": Ich will immer gegen Schubladen angehen.

teleschau: Aber was ist die Intention dabei?

Kessler: Ich mache das, weil ich dem Zuschauer den Glauben an das gute, alte Fernsehen zurückgeben möchte. Klingt ein bisschen paradox, ich weiß. Aber ich meine das ernst: Ich würde gerne wieder ein wenig Begeisterung fürs Fernsehen entfachen. Denn es kann so viel mehr als es heute anbietet, und es ist immer noch viel besser als sein Ruf. Das Verhältnis des Publikums zum Medium Fernsehen ist nicht mehr das Beste. Viele junge Menschen haben sich abgewendet, deswegen ist es wichtig, vieles anders zu machen, Neues zu wagen.

teleschau: Sie haben das Fernsehen also noch nicht abgeschrieben?

Kessler: Nein. Es gibt noch Hoffnung (lacht). Das Problem liegt ja nicht bei all den neuen Alternativangeboten und auch nicht bei den Zuschauern, die vielleicht nicht mehr in so großer Zahl schauen. Nein, das Problem ist hausgemacht: Zu viele Fernsehmacher glauben trotz gegenteiliger Bekenntnisse, dass es reicht, in den alten Strukturen zu denken, die herkömmlichen Konzepte nur anzupassen und ansonsten einfach so weiterzumachen wie bisher. Natürlich sagen alle, dass Sie die Innovation suchen, aber sie wiederholen im Grunde oft nur das alte Zeug. Mir reicht das nicht. Ich weiß, wir erfinden das Rad auch nicht neu, aber wir können durchaus für Überraschungen und Emotionalität sorgen - das können wir im Fernsehen immer, wenn wir nur wollen. Dazu braucht es mehr Risikobereitschaft bei den Verantwortlichen.

teleschau: Würden Sie sich freiwillig für eine Sendung zur Verfügung stellen, in der Ihnen, sagen wir, ein Max Giermann als Ihr Spiegelbild gegenübersitzt?

Kessler: (lacht) Geniale Idee! Ja. Ich fände das total spannend. Wir haben ernsthaft auch schon darüber nachgedacht, ob wir mal eine Folge mit dem Titel "Kessler ist ... Kessler" drehen. Welche meiner vielen Persönlichkeiten da wohl zum Vorschein käme? Ein spannendes Experiment!

Quelle: teleschau - der mediendienst