Oliver Geissen

Oliver Geissen





"Bei mir liegen die 80-er vorne"

Auch wenn Oliver Geissen 1969 geboren wurde - der Hamburger Moderator sieht sich als Kind der 80-er. Kein Wunder, schließlich durchlebte er in dem quietschbunten Jahrzehnt seine Jugend. Und das wirkt bis heute nach: "Vor allem die Musik hat es mir angetan", sagt er im Interview und erklärt die 80-er zu seinem Sieger im "Duell der Jahrzehnte". Mit der neuen Show (Freitag, 31. Juli, 20.15 Uhr) versucht sich Geissen bei seinem Haussender RTL an einem neuen Format. In der ersten Ausgabe duellieren sich die 80-er und die 90-er, vertreten durch Prominente wie Thomas Anders und Arabella Kiesbauer. Ob es eine weitere Folge geben wird, entscheidet natürlich die Quote. "Das ist nur vernünftig", sagt Geissen, der im Übrigen nicht glaubt, dass Netflix und Co. in naher Zukunft dem Fernsehen den Garaus machen werden. Geissen muss es wissen, hat er doch so viel TV-Erfahrung wie kaum ein Zweiter bei den Privaten: Allein seine "Ultimative Chartshow" flimmerte bislang fast 140-mal über die Fernsehbildschirme.

teleschau: Herr Geissen, was ist Ihre früheste Erinnerung an die 80-er?

Oliver Geissen: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich den Jahreswechsel von 1979 auf 1980 zusammen mit meinen Eltern gefeiert habe. Ich dachte mir damals, dass beim Wechsel der Jahrzehnte etwas ganz Besonderes geschehen müsse. Aber dann die große Enttäuschung: Alles ist so geblieben wie zuvor! (lacht)

teleschau: Was waren Ihre persönlichen Höhepunkte in den 80-ern und 90-ern?

Geissen: In dieser Zeit hat sich natürlich sehr viel bei mir getan: Ich habe die Schule abgeschlossen, meinen Wehrdienst geleistet, habe zu Arbeiten angefangen, geheiratet, 1999 wurde dann mein erstes Kind geboren - das sind unübertroffene Erinnerungen, die hängen bleiben. Solche ersten, großen Momente, die wird es nicht noch einmal geben.

teleschau: 80-er oder 90-er - welches Jahrzehnt macht bei Ihnen das Rennen?

Geissen: Jedes Jahrzehnt hat etwas Besonderes - bei mir liegen aber die 80-er vorne. Vor allem die Musik hat es mir angetan: handgemachter Pop war das damals, Paul Young etwa. Natürlich erklärt sich meine Vorliebe für die 80-er auch daher, dass ich damals begonnen habe, bewusst Musik zu hören.

teleschau: Haben Sie in den 80-ern einer Jugendkultur angehört, wie den Punks oder den Poppern?

Geissen: Bei uns war es damals eher verpönt, sich zu einer Richtung zu bekennen. Ende der 80-er trugen meine Freunde und ich zwar alle diese Bomberjacken, das war damals unsere Uniformierung - aber zu einer der großen Gruppen wie den Poppern, Punks oder Mods haben wir uns nicht gezählt.

teleschau: Die 80-er waren das Jahrzehnt der schrägen Mode. Haben Sie noch alte Modesünden im Schrank hängen?

Geissen: Leider nicht! Meine Kinder fänden das aber sicherlich toll. Als ich neulich bei mir alte Superstar-Turnschuhe gefunden habe, war mein Sohn total begeistert. Die Mode wiederholt sich ja ständig. Meine Kinder finden zurzeit die 80-er toll: Neon ist wieder angesagt! Und neulich lief meine Tochter mit einer Frisur herum, wie sie Kylie Minogue in den 80-ern hätte tragen können! Ich persönlich würde heute allerdings nicht noch einmal ein 80er-Jahre-Outfit anlegen.

teleschau: Sie haben in den 90-ern ihre Fernsehkarriere begonnen. Was hat sich an Ihrer Arbeit seitdem verändert?

Geissen: Es wird alles moderner und schneller. Und alles muss günstiger produziert werden. Aber mir macht die Arbeit beim Fernsehen noch genauso viel Spaß wie am Anfang meiner Karriere.

teleschau: Die 90-er waren auch die Zeit der Nachmittags-Talkshows. Sie selbst moderierten "Die Oliver Geissen Show". Warum sind diese Formate verschwunden?

Geissen: In den 90-ern gab es bis zu zwölf Talkshows täglich, manche davon liefen sogar parallel. Irgendwann waren aber alle Geschichten erzählt, und dann waren eben die Gerichtsshows das nächste große Ding. Ich würde aber nicht ausschließen, dass die Nachmittagstalkshows eines Tages wiederkommen.

teleschau: Hätten Sie Lust, eines Tages wieder eine Talkshow zu moderieren?

Geissen: Das würde ich nicht kategorisch ausschließen. Aber ich müsste sehen, ob das in meinen Lebensrhythmus hineinpasst und ob mich die Themen interessieren.

teleschau: Sie haben vor kurzem ihren Vertrag mit RTL um zwei weitere Jahre verlängert. Haben Sie keine Lust, nach über 15 Jahren bei einem anderen Sender zu arbeiten?

Geissen: Ich habe bei RTL als aufkeimender Moderator begonnen, im Laufe der Zeit sind die Beziehungen zwischen mir und dem Sender stetig gewachsen. So haben wir gemeinsam etwas geschaffen, das uns verbindet. Etwa "Die Ultimative Chartshow": Als wir damit vor zwölf Jahren begonnen haben, hätten wir nie gedacht, dass das Format so lange laufen würde. Ich bin bei RTL sehr glücklich und bekomme alles, was ich brauche. Außerdem bin ich ein Gewohnheitstier. Ich kann mir nicht vorstellen, bei einem anderen Sender zu arbeiten.

teleschau: Sie sind eines der dienstältesten TV-Gesichter bei RTL. Wie haben Sie es geschafft, so lange dabeizubleiben?

Geissen: Das kann man selbst kaum beeinflussen. Man kann sich zwar Mühe geben - letztendlich entscheidet aber der Zuschauer. Und wie der Zuschauer denkt, sieht man jeden Morgen an der Quote. Stimmt die Quote nicht, wird das Arbeitsverhältnis nicht verlängert. Da helfen auch Beziehungen und Seilschaften nichts. Völlig zu Recht. Wenn dem Zuschauer nicht gefällt, was man macht, dann hat man beim Fernsehen nichts zu suchen. Das gilt auch für "Das Duell der Jahrzehnte". Ich würde mir wünschen, eine weitere Ausgabe machen zu können, gerne wieder über die 80-er und die 90-er, in der ersten Ausgabe können wir vieles ja nur anreißen. Aber wir werden die Quote abwarten und uns den genauen Kurvenverlauf anschauen, um zu sehen, was dem Zuschauer gefallen hat und was nicht.

teleschau: Hat sich der Quotendruck in den vergangenen Jahren erhöht? Früher liefen manche Shows über Jahre, heute werden sie oft nach einer Sendung abgesetzt.

Geissen: Wieso solle ich eine Sendung in zehnfacher Ausführung vorproduzieren, wenn man nach der ersten Ausgabe merkt, dass sie beim Zuschauer nicht ankommt? Dank der Quotenerfassung kann ich nach der Ausstrahlung genau erkennen, ob die Sendung dem Zuschauer gefallen hat oder nicht. Wie ein Appetizer - wenn es gefällt, gibt es mehr. Das ist nur vernünftig. Alles andere wäre herausgeschmissenes Geld. Ich kenne das von Kollegen: Da werden Sendungen produziert, die floppen und dann in kleinen Schwestersendern untergebracht werden, wo Werbespots nichts kosten und man kaum Geld verdienen kann.

teleschau: Netflix-Gründer Reed Hastings sagte kürzlich in einem Interview, das lineare Fernsehen sei in 15 Jahren tot. Glauben Sie das?

Geissen: Die aktuelle Entwicklung ist sehr spannend. Ich glaube aber nicht, dass es in 15 Jahren kein Fernsehen mehr geben wird. Netflix hat natürlich den Vorteil, dass es für den internationalen Markt produzieren kann. So entstehen Serien wie "House Of Cards", das ich übrigens sehr gerne sehen. So etwas kann kein Fernsehsender der Welt leisten. Die Sender hierzulande müssen schauen, dass sie den Geschmack speziell der deutschen Zuschauer bedienen. Deutsche Serien etwa werden wohl kaum bei Netflix produziert werden. Und Shows, so wie ich sie mache, wird es auch immer im Fernsehen geben. Nur der Marktanteil wird angesichts der Konkurrenz natürlich geringer werden.

teleschau: Stefan Raab hat vor Kurzem verkündet, zum Jahresende beim Fernsehen aufzuhören. Können Sie diese Entscheidung verstehen?

Geissen: Diese Entscheidung kann ich 100-prozentig nachvollziehen, Hut ab! Ich kenne Stefan und weiß, dass er genau das Richtige getan hat. Vor allem für seine Familie freut mich diese Entscheidung. Stefan hat das Fernsehen geprägt wie kaum ein Zweiter. Dafür wird er, da bin ich sicher, dieses Jahr bei sämtlichen Preisverleihungen für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden. Und ich bin mir auch sicher, dass Stefan nicht zurückkommen wird. Er ist noch jung genug, um das ganze Geld, das er verdient hat, auszugeben! (lacht)

teleschau: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um abzutreten?

Geissen: Das ist eine ganz individuelle Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss.

teleschau: Soll man gehen, wenn es am schönsten ist?

Geissen: Zu gehen, wenn es am schönsten ist, ist natürlich auch am schwierigsten. Nicht für einen selbst, sondern für seine Geschäftspartner. Aufzuhören, wenn man endlich schwarze Zahlen schreibt, nachdem man gemeinsam den Weg von ganz unten bis ganz oben gegangen ist, ist egoistisch.

teleschau: Haben Sie den Höhepunkt ihrer Karriere schon erreicht oder kommt er noch?

Geissen: Ich hatte schon viele Höhepunkte in meiner Karriere, etwa als ich die Goldene Kamera für "Die 80er Show" bekam. Aber ich bin gespannt, was noch alles kommen wird!

Quelle: teleschau - der mediendienst