Becks letzter Sommer

Becks letzter Sommer





Doch lieber mit Musik

Der Schriftsteller Benedict Wells, geboren 1984, stieß mit "Becks letzter Sommer" (2008) in eine fast vergessene Riege vor. In die der Jungautoren. All jener, die mit Mitte 20 oder gar noch früher frei von der Leber weg tolle Geschichten erzählen können, vermeintlich ohne jegliche Lebenserfahrung von Wert. Man erinnert sich an Benjamin Lebert, der 16 war, als er 1999 mit "Crazy" die Bestseller-Listen im Sturm eroberte. Benjamin von Stuckrad-Barre erreichte 1998, als "Soloalbum" veröffentlicht wurde, sein 23. Lebensjahr. Doch wirkliche Nachfolger der beiden gab es kaum im deutschsprachigen Raum. Bis 2008 endlich jemand das Debüt von Benedict Wells vertreiben wollte. Er war damals 24. Nun wird sein literarischer Einstand auf der Leinwand erzählt.

Was bei Wells' Roman und schließlich dessen Verfilmung auf den ersten Blick verwundert: Es geht darin gar nicht - dem Alter des Autoren entsprechend - um das Erwachsenwerden. Zumindest nicht vordergründig. Beck, der Titelheld, wobei "Held" hier nicht annähernd passt, ist nämlich bereits erwachsen. Zumindest müsste er dies sein. Er ist Lehrer, Ende 30 und frustriert. Nicht, weil die Schüler ihm arg zusetzen, sondern weil das einfach nicht sein Ding ist. All das, vom frühen Aufstehen bis zum Vorbildsein, vom Umgang mit Kindern bis zum Vorgaukeln von Vernunft. Eigentlich ist Beck, Vorname Robert und gespielt von Christian Ulmen, Musiker. Rockstar, um genau zu sein. Zumindest war er das mal, in einem nicht zu unterschätzenden Ausmaß.

Nun aber eben Lehrer, der Beruf seines Vaters, der Beruf der Vernunft. Beck zeigt null Interesse an seinem Job. Die Kamera beobachtet ihn, wie er auf Folien aus dem Vorjahr das Datum ändert und sie abermals auf den Projektor legt. Krankmeldungen im Stile von "ich habe wohl etwas Falsches gegessen" sind nicht selten. Nicht einmal bei Ausreden gibt er sich noch Mühe. Genauso wenig wie im Privaten: Daheim stehen Bierflaschen rum, die Freundin ist davongelaufen: Schenkt endlich jemand diesem Mann Mitleid? Sein einziger Freund, sein ehemaliger Bandkollege Charlie (Eugene Boateng), taugt dafür schon mal nicht: Der Deutschafrikaner ist manisch-depressiv, drogenabhängig, neigt zur Hypochondrie und zum Peter-Pan-Tum.

Er ist es, der in die leise dramatische Komödie allein durch sein aufbrausendes Sein von Beginn an Tempo reinbringt. Humor bietet "Becks letzter Sommer" schon, wirklich zum Lachen bringt einen aber nur Charlie. Er ist auch der Initiator für den später in den Mittelpunkt rückenden Roadtrip, der eigentlich gar nicht in Becks Pläne passen mag. Denn wie von Geisterhand präsentiert sich dessen Schüler Rauli (Nahuel Pérez Biscayart) als Wunderkind. Der hagere Junge mit den hervorquellenden, stets fragenden Augen, der sich im Unterricht am liebsten unsichtbar machen würde, zeigt unverhofft das Potenzial zum Rockstar, einem solchen, der Beck eben mal war.

Mit ihm und der schönen Lara (Friedericke Becht), die er unvorhersehbar charmant für sich gewinnen kann, kommt frisches Leben in die Tristesse des Robert Beck. Zwar bleibt er - und das kann kaum jemand so glaubhaft vermitteln wie Christen Ulmen - ein kindisch-eigensinniger Mann, der stets jede Schuld von sich weist. Doch er sieht endlich wieder einen Weg, aus diesem Mittelmaß auszubrechen. Dass dieser aber nur über den jungen Rauli verläuft, bekommt sein Umfeld und vor allem Lara zu spüren. Aus dem kleinen Litauer muss ein Star werden - durch den er dann als Manager und Liedschreiber dem schnöden Alltag entrinnen kann. In bemerkenswert unpeinlich geschnittenen Konzert-Szenen wird ein erster Eindruck vermittelt, was aus dem Jungen werden könnte. Pop-Avantgardist Bonaparte alias Tobias Jundt übernimmt dann die musikalische Arbeit, was bei Biscayarts durchgängig gutem Mienenspiel aber nicht weiter auffällt.

In der Verfilmung des Romans (Regie: Frieder Wittich) wird an den richtigen Stellen bei der Charaktertiefe der Vorlage gekürzt. Das wird Fans des Buches natürlich stören, wie es bei solchen Adaptionen ja meistens der Fall ist. Doch nur so gelingt ein nie langweilig werdender Genremix aus Drama und Abenteuer gewürzt mit dezent eingesetzter Komik. Der Roadtrip nach Istanbul, den Kumpel Charlie einfädelt, ist genauso rasant wie der Charakterstudie dienlich. Nur wird man während des kurzweiligen Films dann doch nicht das Gefühl los, dass innerhalb von 100 Minuten ein versöhnliches Ende für alle gefunden werden will.

Quelle: teleschau - der mediendienst