Desaster

Desaster





Chaos und Langeweile im Schicki-Paradies

Die Gangsterkomödie steckt momentan in einem gewaltigen Tief. Längst vergangen sind die Zeiten, in denen Filme wie "Snatch - Schweine und Diamanten" oder "Bube Dame König GrAs" das Genre belebten. Auch in Deutschland bediente man sich damals in den 90er-Jahren erfolgreich der Melange aus derben Sprüchen, schwarzem Humor und "echten Typen": Noch immer gelten "Bang Boom Bang" und "Knockin' On Heavens Door" als Referenzen. In letzterem spielte 1997 ein junger Jan Josef Liefers befreiend auf. Der "Tatort"-Star versucht sich 18 Jahre später wieder als Gangster: "Desaster" ist die zweite Kinoregiearbeit von Justus von Dohnányi, der selbst eine Hauptrolle übernimmt und sonst auf die Besetzung seines Erstlings "Bis zum Ellenbogen" setzt. Sein neues Werk will das Genre auf groteske Weise wiederbeleben - führt aber eher dessen Krise vor.

Gewagt ist es ja, dieses Setting: Eine deutsche Gaunerkomödie mal nicht im Pott oder in Berlin spielen zu lassen, zeugt von Mut. Schließlich bevorzugt der deutsche Kinozuschauer auch bei den abgefucktesten Geschichten am liebsten die Gemütlichkeit heimischer Gefilde. Nun aber also Saint-Tropez: Im Schickimicki-Paradies an der Côte d'Azur siedelt Justus von Dohnányi seine Komödie "Desaster" an, und kontrastiert die Luxus-Szenerie mit dem von ihm selbst gespielten Vollpfosten-Charakter Ed. Jener ist nicht nur ein frauenfeindlicher Proll, sondern zudem Profikiller. Der gleichen Profession geht der weitaus zivilisiertere Mace (Jan Josef Liefers) nach, der in früheren Zeiten zwar Leute tot biss, nun aber eher dem gediegeneren Töten frönt.

Beide Auftragsmörder haben ihre besten Tage hinter sich, und müssen nun mehr oder minder freiwillig zusammenarbeiten: Sie sollen den Schweizer Anwalt Würsch (Stefan Kurt), genannt "der Doktor", beschützen. Denn der wiederum ist ins südfranzösische Domizil des deutschen Ganoven Mischa (Milan Peschel) geladen, um für eine Menge Geld geheime Informationen zu übermitteln. Allerdings ist besagter Mischa gar nicht zu Hause - seine Ehefrau Lydia (Anna Loos) soll das Geschäft übernehmen. Allein: Fair zu spielen - das hat in dieser Konstellation keiner vor.

Und so nimmt in der mediterranen Hitze das "Desaster" seinen Lauf - bisweilen leider auch filmisch. Zwar macht es Spaß, Trottel Ed dabei zuzuschauen, wie er durch heilloses Chaos die ausgefuchsten Vorhaben der anderen durcheinanderbringt. So stößt er Mischas Mutter (Angela Winkler) von der Villen-Mauer und löst damit eine Kette komischer Unvorhersehbarkeiten aus. Nur: Charme und Witz bleiben Mangelware. Über weite Strecken wirken Drehbuch und Dialoge wie die schlechte Übersetzung eines abgelehnten amerikanischen oder skandinavischen Gangsterkomödien-Skripts. Liefers betreibt enervierendes Overacting, wie man es von ihm aus "Tatort" und Co. gewohnt ist, während von Dohnányi den unsympathisch-sympathischen Prollo-Touch seiner Figur bald gegen Axel-Steineskes Gejammere eintauscht.

So treiben Handlung und Gespräche witz- und lustlos dahin, die mittelmäßige Story wird eigentlich nur von den gelegentlichen Szenen unterboten, in denen sich jener peinliche Un-Witz Bahn bricht, wegen dem das deutsche Kino oft als ironie- und humorbefreit gilt. Dennoch: es gibt sie, die Lichtblicke. Beispielsweise, wenn die flimmernde Schwere des Mittelmeer-Settings auf eine wunderbare Lakonie trifft, die gar keine schlechte Pointe benötigt. Oder wenn der schwarze Humor locker und unverkrampft in Gestalt zahlreicher unterhaltsamer Tode zum Tragen kommt. Am Ende, so könnte man jenen Versuch des Neustarts der deutschen Gangsterkomödie positiv deuten, hallt in "Desaster" nicht nur der langweilige Status Quo des Genres nach, wir sehen seine vielversprechende Zukunft auch schon am Horizont aufblitzen.

Quelle: teleschau - der mediendienst