Am grünen Rand der Welt

Am grünen Rand der Welt





Eins, zwei oder drei?

Die Personenkonstellation klingt wie aus einer Fernseh-Dating-Show: Drei Männer buhlen um die Gunst einer Frau. Es geht ums Heiraten und ihr großes Vermögen. Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg verfilmte mit "Am grünen Rand der Welt" einen Roman des Schriftstellers Thomas Hardy aus viktorianischer Zeit. Und er zeigt damit, dass ein schön ausgestatteter Kostümfilm auch jenseits von romantischer Schwülstigkeit begeistern kann - als zeitloses Melodrama mit einer starken Frau im Mittelpunkt.

Vielleicht ist es der dreifach männliche Blick auf diese nach Autonomie strebende Frau, der diese Klassikerverfilmung so frisch wirken lässt. Der als Autorenfilmer bekannt gewordene Vinterberg ("Das Fest", "Die Jagd") konnte sich als Regisseur einer Studioproduktion ganz auf die Hardy-Vorlage und das Drehbuch des britischen Autors David Nicholls ("Große Erwartungen") verlassen.

Thomas Hardy galt in seiner Zeit als "Frauenversteher" - und das war damals kein Kompliment. Mit seinen "Wessex"-Romanen erreichte der Autor dennoch ein Massenpublikum. Dafür ließ er im südwestlichen Teil Englands die gleichnamige Grafschaft als fiktiven Sehnsuchtsort auferstehen. Das Leben in einer von den Herausforderungen der Natur geprägten menschlichen Gemeinschaft in einer traumhaften ländlichen Umgebung bestimmt auch "Am grünen Rand der Welt". Vinterberg beschwört dieses Leben mit seinen Bildern.

Durch eben jenes Traumland jagt Bathsheba Everdene (Carey Mulligan) im Herrensitz auf ihrem Pferd. Völlig frei, und das soll auch so bleiben. Für immer. Finanziell hilft Bathsheba dabei ein ebenso unerwartetes wie großes Erbe. Wo Schönheit und Reichtum sich vereinen, sind auch die Männer nicht weit. In Bathshebas Fall stehen drei hartnäckige Anwärter vor der Tür, von denen jeder auf seine Art etwas zu verlieren hat.

Den Schäfer Gabriel (Matthias Schoenaerts) lernte Bathsheba kennen, als sie selbst noch nicht ahnte, dass sie einmal vermögend sein würde. Er dagegen nannte eine kleine Farm sein eigen, und traute sich der faszinierenden Frau, die täglich vor seinen Augen herumritt, einen Antrag zu machen. Geschmeichelt und doch nicht bereit, ihre Unabhängigkeit aufzugeben, lehnte Bathsheba ab. Auf ihrem Gut gibt es ein Wiedersehen mit vertauschten Rollen, denn das Schicksal ließ Gabriel alles verlieren. Er tritt in ihren Dienst und unterstützt sie mit großer Loyalität und Tatkraft bei ihrem Vorhaben, alle zum Staunen zu bringen.

Einen Scherz, den sie sich mit einem Valentinstagkärtchen erlaubt, führt zu einem Antrag des gut situierten, aber einsamen älteren Nachbarn William Boldwood (Michael Sheen). Er ist das, was man eine angemessene Partie nennt. Doch materielle Sicherheit interessiert Bathsheba nicht. Nachdem sie nun einen treuen Freund und einen ausdauernden Antragssteller um sich herum versammelt, fehlt nur noch der feurige Liebhaber. Beim Anblick des Offiziers Frank Troy (Tom Sturridge) geht es ihr wie den jungen Mädchen, die sie immer verachtet hat: Der Verstand setzt aus. Eine prickelnde Verführungsszene später, bei der Troys Säbel eine wichtige Rolle spielt, ist es um Bathsheba geschehen. Sie heiratet den Mann, vor dem ihre Mutter und alle Freunde sie warnen würden.

Es folgen Schicksalsschläge und dramatische Verwirrungen, die die eigensinnige und emotional wenig zielgerichtete junge Gutsherrin reifen lassen. Noch immer will sie ihren Weg gehen, aber nicht unbedingt allein. Die Frage, wie viele Kompromisse eine Frau bei einer Beziehung eingehen muss, gehört zu den zeitlosen Themen.

Die unaufdringlichen Orchesterarrangements des Grammy-Gewinners Craig Armstrong spiegeln Leidenschaft und Drama elegant wider. Traditionelle Stücke wie die schöne Ballade "Let no man steal your thyme", gesungen von Hauptdarstellerin Carey Mulligan und Michael Sheen, sorgen für einen maßvoll eingesetzten folkloristischen Touch.

Einen besonders starken Eindruck hinterlässt Carey Mulligan ("Drive"), die Bathsheba Everdene, nach der auch die Heldin der "Tribute von Panem" benannt wurde, zum Verlieben schön spielt. Matthias Schoenaerts beeindruckt als Mann mit modernen Qualitäten: Er kann Frauen zuhören, sich zurücknehmen und dabei trotzdem attraktiv und maskulin wirken. Auch dank der Besetzung überzeugt dieses wunderbar erzählte Melodram mit feministischen Untertönen auch Romantik-Skeptiker.

Quelle: teleschau - der mediendienst