Amy

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Tragödie eines Stimmverlusts

Dokumentationen über einzelne Personen sind dann besonders gelungen, wenn sie einen vielseitigen Blick auf ihren Protagonisten gewähren. Denn wer ist schon gänzlich anständig, wer nur schlecht? Und gibt es das überhaupt? Gut und Böse? "Amy" könnte man vorwerfen, die Welt um die britische Soul- und Jazzsängerin Amy Winehouse nur zweiseitig sehen zu wollen: Hier die gute Amy und dort ihr böser Vater, ihr böser Ex-Mann, die böse Plattenindustrie und die böse Gesellschaft sowieso. Doch Regisseur Asif Kapadia schafft es, das traurig kurze Leben des 2011 verstorbenen Popstars eben genauso darzustellen. Nach dem Kinobesuch hört man sich selbst fluchen. Über diesen Vater, den Ex-Mann, die Plattenindustrie und die Gesellschaft sowieso.

Als am 23. Juli 2011 die Nachricht vom Tode Amy Winehouse' weltweit die Runde machte, blieben sie kaum aus, die gehässigen Kommentare: Sie habe es ja nicht anders verdient, hieß es nicht selten; wer so mit seinem Leben spiele, setze es eben auch aufs Spiel. Dabei konnte man all den Profi- und Laien-Kommentatoren gar nicht böse sein. Ein Großteil von ihnen beschäftigte sich wohl genausowenig mit der Person Amy Winehouse, wie die Klatschreporter, die fast tagtäglich neue Sensationsmeldungen von einem offenbar gescheiterten Individuum herausbliesen. In den letzten Monaten vor ihrem Alkoholtod war Winehouse kaum noch in Musik-Fachmagazinen von Bedeutung, dafür war sie umso präsenter in der Yellow Press und in den Regenbogen-Formaten.

Dieser Film wird ihnen nun allen Schmerzen bereiten, den sensationslüsternen Berichterstattern, den Betonköpfen von Kommentatoren und wahrscheinlich uns allen. Warum interessierte es uns, als die Sängerin besoffen und auf Crack durch Londons Straßen irrte, warum kauften wir die Zeitschriften, in denen sie so abgebildet war, warum schauten wir die TV-Sendungen? Unweigerlich werden diese Fragen beim Zuschauer aufblitzen. Und eigentlich wussten wir es doch alle: Stets war von Depressionen die Rede, von Magersucht, von schlechten Einflüssen, einer frühen Drogenkarriere und einem viel zu sanften Gemüt für das Pop-Business. Doch dies ließ sich zu einfach zur Seite schieben. Der Tod Kurt Cobains lag seinerzeit eben fast schon 20 Jahre zurück ...

Was die Dokumentation auch aufs Neue vor Augen führt: Amy Winehouse besang ihre Qualen stets selbst - und das viel eindeutiger als ihr amerikanischer "Klub 27"-Kollege, viel greifbarer und offener. Asif Kapadia geht in seiner Doku chronologisch vor. So taucht man nach und nach ein in das Leben eines Naturtalentes und kriegt auch in Musikform die Erklärungen für alles serviert, was da von Anfang an schiefzulaufen schien. Fast jeder ihrer Songs, jeder ihrer großen Hits ist autobiografisch. Und wenn diese Lieder dann den Kinosaal erfüllen und gleichzeitig die Lyrics eingeblendet werden, ist es egal, wie oft man sie zuvor schon gehört hat. Eingebettet in ihre Lebensgeschichte entwickeln sie eine unglaubliche Kraft - allein deshalb ist "Amy" eine Dokumentation fürs Kino oder zumindest für technisch gewappnete Wohnzimmer.

Glaubhaftigkeit erlangt der bei den diesjährigen Grammys prämierte Film auch durch seine Nähe zu Amys Liebsten. Man will ihre Sandkastenfreundinnen Juliette und Lauren einfach nur in den Arm nehmen, wenn sie von nächtlichen, verstörenden Anrufen des Multimillionen-Stars erzählen, von einer aufgezwungen Distanz, die Dritte wie Winehouse' Vater Mitch zu verantworten haben. Der kommt aber genauso zu Wort wie On-Off-Freund und -Ehemann Blake Fielder, wie auch die überforderte Mutter und alle, die eben nah dran waren oder dran sein wollten an einer der größten Künstlerinnen des jungen neuen Jahrtausends. Am Anfang ist auch Amy Winehouse selbst zu hören, sie redet über ihre Träume, aber auch über ihre Ängste. Später reden nur noch andere über das Scheidungskind. Man sieht dabei zu, wie das Talent nach und nach die Stimme verliert, auch weil Amy kaum jemand eine eigene Stimme zutraut. Doch was ist eine Soul-Sängerin schon ohne eigene Stimme?

Quelle: teleschau - der mediendienst