Big Business - Außer Spesen nichts gewesen

Big Business - Außer Spesen nichts gewesen





Wie toll ist doch Berlin

Wie furchtbar niveaulos ist das denn, möchte man aufstöhnen. Zwar ist "Big Business: Außer Spesen nichts gewesen" weder pornografisch noch eine Sex-Komödie, aber doch in Wort und Bild geradezu zwanghaft explizit - so als wäre schon Scham an sich ganz falsch. Mit peinlicher Überschwänglichkeit macht Geschäftsmann Dave Trunkman (Vince Vaughn) seinem Geschäftspartner Bill auf der Toilette einer Schwulenbar ein Kompliment über sein bestes Stück. Aber es kommt noch derber: Trunkmans debiler Kollege Mike (Dave Franco) gleitet aus und will sich an den Penissen festhalten, die aus Löchern in den Kabinentüren hängen und auf anonyme Befriedigung warten. Dass so ein Film auch noch etwas Interessantes zu bieten hat, mag man kaum glauben. Ist aber so.

Dave Trunkman aus St. Louis handelt weltweit mit Metallspänen. Den Handschlag für einen wichtigen Deal, der ihn vor dem Ruin retten würde, hatte er schon so gut wie sicher. Doch im letzten Moment weicht Verhandlungspartner Jim Spinch (James Marsden) aus. Plötzlich ist sogar ein Konkurrenzangebot von Trunkmans ehemaliger Chefin und jetziger Rivalin Chuck Portnoy (Sienna Miller) im Spiel. Schließlich soll die Entscheidung von der Konzernzentrale getroffen werden - in Europa.

Dave, Mike und Timothy (Tom Wilkinson) reisen nach Hamburg und Berlin. Weil in der Hauptstadt riesige Schwulenparty, Marathon und ein G8-Gipfel anstehen, sind die Hotels ausgebucht. Mike und Timothy kommen im Schlafsaal eines Hostels unter, Trunkman in einem begehbaren Kunstmuseum. Dort ist er als "American Businessman 42" Tag und Nacht in einem verglasten Appartement zu bestaunen.

Wahrscheinlich muss man bis in die 1920er-Jahre zurückgehen, um auf ein ähnlich vitales Kino-Berlin wie in "Big Business" zu stoßen. Herrlich widersprüchlich und bis zum Bersten temperamentvoll, wird die Spreemetropole als eine Art multikulturelle Punkhauptstadt der Jugend und des Globalisierungsprotests präsentiert: Sie ist für alle sexuellen Orientierungen und bewusstseinserweiternden Drogen offen, tanzt 24 Stunden durch und vereint auch noch avantgardistischen Kunstgeschmack mit klugem Geschäftssinn.

Bei näherer Betrachtung möchte man sogar annehmen, der hochversierte Drehbuchautor Steve Conrad ("Das Streben nach Glück") habe sich von Prinzipien typisch deutscher Reformpädagogik leiten lassen. Alle reden hierzulande von Inklusion - "Big Business" macht darüber die bisher frechste Komödie: mit dem leicht zurückgebliebenen Mike, dem sexuell obsessiven Best-Ager Timothy, ganz zu schweigen von Trunkmanns in der Schule gemobbtem, übergewichtigem Sohn Paul (Britton Sear) und seinem prügelnden Töchterchen Bess (Ella Anderson).

Natürlich redet Vince Vaughn wieder zu viel, glaubt, dass sein Geschwafel nicht nur wegen seines überbordenden Umfangs, sondern auch inhaltlich witzig sei. Aber für das Deutschlandbild ist man doch besonders dankbar. Während Amerika kaltherzig ausgrenzt - egal, ob geistig Behinderte oder zu alte Arbeitnehmer - ist Berlin hier tolerant bis zum Abwinken.

Der amerikanische Kapitalismus erscheint als Auslaufmodell, in Gestalt von Dave Trunkman von Ausstellungsbesuchern bald neugierig, bald gelangweilt begafft - ein Inszenierungseinfall, den man genial nennen möchte. Die soziale Marktwirtschaft, verkörpert von Uwe Ochsenknecht, hat demgegenüber einen warmen Handschlag zu bieten. Solche Schmeicheleien lässt man sich gefallen, auch wenn sie sich wohl deutscher Filmfinanzierung verdanken.

Quelle: teleschau - der mediendienst