Refused

Refused





Der Ruf der Freiheit

Entspannt wirken die beiden Gesprächspartner. Der eine, David Sandström, ist Drummer, sitzt locker mit Hut im Sessel und könnte auch in einem Straßencafé für Dichter und Denker zu finden sein. Der andere, Dennis Lyxzén, ist Sänger und gleicht erwartungsgemäß äußerlich schon eher einem Rockstar. Man trifft die beiden Mitglieder von Refused anlässlich der Veröffentlichung des ersten Band-Albums seit 17 Jahren in einem Szene-Hotel im Berliner Stadtteil Friedrichshain. "Freedom" heißt das gute Stück und ist der Nachfolger von "The Shape Of Punk To Come", mit dem die Band einst für gehörigen Wirbel sorgte. Allerdings erst, nachdem sie sich aufgelöst hatte. Ein seltsames Schicksal, über das es sich ebenso ausgiebig zu plaudern lohnt wie über die Gefühle, welche die Wiederauferstehung einer schwedischen Hardcore-Punk-Legende begleiten.

Tot zu sein ist nicht unbedingt schlecht. Diese etwas skurrile Erfahrung mussten oder durften Refused machen. Der Bericht, den Lyxzén zur einstigen Situation der Band abgibt, wirkt alles andere als euphorisch: "In den 90-ern waren wir nicht mehr als eine normale Hardcore-Band", erklärt er. Als "The Shape Of Punk To Come" herauskam, seien nicht viele daran interessiert gewesen: "Wir tourten und dachten 'Keiner mag das Album so wirklich'. In Berlin spielten wir damals vor 200 Leuten, und das war für uns immer noch eine gute Show." Die Konsequenz folgte stehenden Fußes. Ein Schlussstrich wurde gezogen, eine letzte offizielle Presseerklärung veröffentlicht; ein "Manifest", in dem sie unter anderem erklärten, dass sie keinen "dummen Journalisten mehr Interviews geben würden" und die Zeitungen aufforderten, "alle Bilder der Band zu verbrennen".

Was dann passierte, klingt aus den Mündern der beiden Musiker ein bisschen so, als könnten sie es immer noch nicht glauben: "Ich ging heim und fing mit meiner neuen Band an, während David und Chris nach Amerika zogen", erklärt Lyxzén. "Plötzlich riefen mich die Leute an und sagten: 'Sie zeigen euren Song 'New Noise' auf MTV. Und ich antwortete: 'Wie bitte?'" Zum letzten Konzert von Refused kamen zuvor 60 Leute. "Die nächste Show - abgesehen von ein paar geheimen Konzerten - fand vierzehn Jahre später auf dem kalifornischen Coachella Festival vor 20.000 Leuten statt. Wir waren von einer Garagenband zu einer großen Rockband mutiert."

Die beiden grinsen, als sie an das "Manifest" erinnert werden. Aber wer konnte schon ahnen, dass "The Shape Of Punk To Come" quasi posthum durch die Decke gehen würde? "Das war ein bisschen so, als wenn du im Lotto gewinnst", zieht Sandström den Vergleich. Doch die Medaille hatte auch ihre Kehrseite, was am Beispiel von Kristoffer Steen deutlich wird. Der Bandgitarrist wurde in der Folge Opernregisseur: "Er inszenierte zum Beispiel 'La Bohème', eine brillante, richtig große Produktion" erinnert sich Sandström. "Doch selbst als er im Kulturteil der großen Tageszeitungen zu dieser Oper interviewt wurde, tauchte immer wieder der Name Refused auf. Daher war es in gewisser Weise auch eine Erleichterung, nun zurückzukommen." Auch Lyxzén atmet spürbar auf: "Zum ersten Mal seit 17 Jahren kann eine Platte, in die einer von uns involviert ist, tatsächlich mit Refused verglichen werden."

Die Zielsetzung für "Freedom" war dabei klar: "Refused haben eine eigene Identität. Und auch wenn es ein sehr facettenreiches Album ist, so bewegt es sich doch innerhalb des Umfangs, welchen die Band definiert", sagt Lyxzén. Die Leute sollten Refused wiedererkennen: "Es ist wie ein alter Freund, den du nach langer Zeit wieder siehst. Er betritt das Zimmer und du weißt: 'Das ist er. Er ist ein bisschen älter geworden, aber er ist immer noch mein alter Freund." 17 Jahre sind eine lange Zeit. Besonders für ein solch emotional explosives Gemisch, wie es sich Refused verordnet haben. Inklusive einer "Sturm und Drang"-Mentalität, der eigentlich in eher jüngeren Jahren gefrönt wird.

Eine Thematik, der sich die Jungs - pardon, Herren - durchaus bewusst sind. Lyxzén: "Wenn du eine junge Person bist und du Protestmusik machst, dann rechnen die Leute damit. Aber wir sind 40-Plus." Trotzdem wurde die Platte kompromisslos. Das entspreche nicht der Erwartungshaltung. "Denn die meisten Menschen in unserem Alter haben aufgehört, revolutionär zu denken", klagt der Sänger und Shouter. Sein Bandkollege ergänzt: "Ich und auch Dennis waren immer schon so. Wir hatten nie richtige Jobs, wir haben musiziert, verrückte Sachen gemacht und immer am Rande der Verhaltensweisen gelebt, welche erwartet wurden." Als die Zeit für ein neues Refused-Album gekommen war, habe man erst noch eine Sprache gestalten müssen, die zu ihrem jetzigen Stadium passe: "Das war knifflig. Wir haben über jedes einzelne Wort auf der Platte gesprochen."

Was hätten sie auch machen sollen? Über beginnende Rückenprobleme und Midlife-Crisis schreiben? Nein. "Freedom" verhält sich, wie es sich für das Genre gehört: "Radikal" sollte es sein, und zwar nicht nur textlich, sondern auch musikalisch, wie Sandström erläutert: "Wir haben unsere Wurzeln im Punk und Hardcore, aber wir kommen auch vom Metal. Ich spielte früher in Death-Metal-Bands." Doch die Einflüsse des neuen Langspielers sind auch woanders zu suchen: "Sich in unserer musikalischen Welt nach Künstlern wie Michael Jackson und Prince umzusehen, nach Hard Funk und Disco-Vibe der frühen 80-er, ist riskant", so Sandström. Ihnen sei bewusst, dass Hardcore-Fans für gewöhnlich harte, brutale und verzerrte Gitarren mögen und sich nicht unbedingt um Ästhetik scheren: "Doch wir wollten mutig sein und solche Sachen ausprobieren."

Zwei Nummern auf "Freedom" wurden sogar von Shellback (Taylor Swift, Pink) produziert. Ist das auch radikal? In diesem Fall weniger. Schließlich kümmerte sich der Hit-Lieferant um Songs, die kaum nach Hit-Potenzial besitzen. Ist hier womöglich eine bewusste Provokation mit im Spiel gewesen? Die beiden lachen. "Ja. Wir lieben es, dass die Leute es als Ausverkauf wahrnehmen wollen." Eigentlich wurden die Albumaufnahmen von Nick Launay (Midnight Oil, Nick Cave) in Los Angeles bewacht: "Aber als wir heimkehrten, gab es zwei Songs, mit denen wir nicht wirklich zufrieden waren. Und so kam Shellback ins Spiel. Er ist ein alter Fan der Band. Als er aufwuchs, spielte er diese Art Musik selbst", erläutert Lyxzén.

Also ist am Ende alles im Lot. "Freedom" wird die alten Fans abholen und hoffentlich neue hinzugewinnen. Denn eines der ureigensten Charaktermerkmale des Genres und der Band tritt nach wie vor deutlich zu Tage: "Kreative Arbeit hat auch damit zu tun, Hürden für sich selbst aufzustellen und dann zu versuchen, diese zu überwinden. Zu schauen wie weit man gehen kann", so Frontmann Lyxzén. Refused gingen verdammt weit. Sie erklärten einst ihr Ende - und kommen nun zurück. Mit einem Ruf nach Freiheit, der weit über die Grenzen hinaus gehört werden kann.

Quelle: teleschau - der mediendienst