Numan Acar

Numan Acar





So tickt die "Familie 'Homeland"

Til Schweiger soll zu ihm gesagt haben: "Du hast einfach eine geile Fresse". Die ausgeprägte Aura wie auch sein feines Spiel haben dem zuvor relativ unbekannten Deutsch-Türken Numan Acar eine erstaunliche internationale Karriere beschert. In Staffel vier der herausragenden US-Serie "Homeland" (ab 10.07., freitags, 20.15 Uhr, kabel eins) verkörpert der Berliner Schauspieler den Top-Terroristen Hassan Haqqani. Jenen Gegenspieler Amerikas, der in intensiven Szenen das von Claire Danes, Rupert Friend und Mandy Patinkin schauspielerisch vertretene Amerika auf perfide Weise in Frage stellt. Numan Acar, 40, kam mit acht Jahren aus der Türkei ins hessische Wiesbaden. Er lernte Maurer, spielte auf hohem Niveau Fußball und schloss ein Studium zum Bauingenieur ab. Erst relativ spät kam er zur Schauspielerei. Vor seinem Durchbruch mit "Homeland" sah man ihn in deutschen Filmen wie "Kebab Connection" oder "Kokowääh" - meist in Nebenrollen. Mittlerweile kann sich Acar vor internationalen Angeboten kaum retten.

teleschau: Wie kommt man als relativ unbekannter deutsch-türkischer Schauspieler zur Rolle des Top-Bösewichts in "Homeland"?

Numan Acar: Das Ganze fing vor etwa vier Jahren an. Da habe ich immer wieder Anfragen aus dem Ausland bekommen, zum Beispiel aus Griechenland und Zypern. Damals habe ich erst verstanden, was international zu drehen, für mich bedeuten könnte. Ich habe mir dann einen internationalen Agenten in Amerika gesucht. Es ist sehr schwierig, dort jemanden zu finden. Die Suche hat auch ein Jahr gedauert. Als ich es geschafft hatte, funktionierte jedoch gleich das erste Projekt. In "Rosewater", dem Debütfilm des amerikanischen Komikers und Talkmasters Jon Stewart, hatte ich meine erste US-Rolle. Letztes Jahr kam dann die Anfrage von "Homeland".

teleschau: Wie kam der Kontakt zustande?

Acar: Es gab erst mal keinen großen Kontakt. Wahrscheinlich war ich einer von vielen, die sich mit einem selbst aufgenommenen Video für die Rolle bewarben. Ich wusste auch nicht, wie groß die Rolle war. Alles, was ich hatte, war ein Text, den ich aufsprechen sollte. Eine Woche oder zehn Tage dauerte es, dann bekam ich ein Feedback. Das war natürlich sehr positiv! Sie wollten mich direkt für die Rolle haben, was sehr ungewöhnlich ist. Normalerweise gibt es in solchen Situationen ein zweites Casting, für das man dann vielleicht nach New York oder London eingeflogen wird. Das fiel jedoch weg. Die Produktion fragte, wie es bei mir zeitlich aussieht und besorgte dann mein Visum für Südafrika. In Deutschland musste ich zwei Sachen absagen, um da hinfliegen zu können.

teleschau: Wussten Sie denn, welche Rolle Sie spielen sollten, als Sie das Bewerbungsvideo abschickten?

Acar: Nein, ich wusste nur, dass es ein Anführer oder General ist. So ein Tape aufzunehmen, ist sehr, sehr schwierig, weil man keine Regieanweisung hat. Es ist ein großes Risiko. Über die Rolle hieß es nur, dass er ein hartnäckiger und rücksichtsloser Charakter sei. Ich habe mich dennoch entschieden, ihm eine gewisse Würde und Menschlichkeit zu geben. Schon am zweiten Tag in Südafrika kam der Autor auf mich zu und meinte, dass sie alle unheimlich aufgeregt und glücklich seien, weil ich die Rolle so toll angelegt hätte. Das hat natürlich sehr gut getan (lacht).

teleschau: Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Acar: Ich habe mir Bilder von Terroristen in Familiensituationen rausgesucht und über sie gelesen. Ich wollte den Menschen verstehen, um dem Terroristen nahezukommen. Einen reinen Bösewicht zu spielen, fand ich uninteressant. Als ich später in der Maske war, die mich ja zehn bis 15 Jahre älter gemacht hat, hingen dort teilweise die gleichen Bilder, mit denen auch ich mich beschäftigt hatte. Ich war beeindruckt! Schließlich hatte ich sehr lange in drei Sprachen - auf Deutsch, Türkisch und Englisch - recherchiert, um diese Bilder und Geschichten zu finden. Aber das macht eben die Qualität von "Homeland" aus. Alle recherchieren sehr genau und sind, wenn es ernst wird, super vorbereitet.

teleschau: Die vierte Staffel von "Homeland" wurde in Südafrika gedreht, obwohl sie vorwiegend in Pakistan spielt ...

Acar: Ja, die haben das natürlich hammermäßig hinbekommen, auch, was die Komparsen betrifft. Dass die so viele zusammenbekommen und die Motive so gut aussehen, hätte ich nicht gedacht. In Südafrika leben sehr viele Menschen aus Nordindien und Pakistan. Der Mix der Hautfarben und Ethnien ist schon gegeben. Trotzdem mussten sie natürlich ganz schön suchen, um die vielen Straßenszenen voll mit Menschen gut aussehen zu lassen.

teleschau: Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen "Homeland" und einer deutschen Produktion?

Acar: Die Tiefe der Recherche und Vorbereitung. Das ist bei "Homeland" alles super detailliert. Recherche hat Authentizität zur Folge, sowohl im Vordergrund des Bildes, wie auch im Hintergrund. Authentizität hilft auch dabei, dass man als Zuschauer richtig in die Geschichte eintauchen kann. Das Budget spielt natürlich ebenfalls eine Rolle. Wobei "Homeland" sicher nicht so teuer ist wie zum Beispiel "Game Of Thrones". Trotzdem erzählen auch hier die Motive schon ein Stück weit die Geschichte mit.

teleschau: Mit wem hatten Sie am Set zu tun?

Acar (lacht): Ich war knapp vier Monate da, deshalb hatte ich mit allen zu tun. "Homeland" ist wie eine Familie. Dass sie jetzt in Berlin drehen, ist natürlich eine tolle Sache. Wir treffen uns oft, gehen zusammen essen und so weiter. Ich freue mich, dass viele deutsche Schauspieler jetzt in diese Produktion reinriechen können. Dass eine internationale Qualitätsserie wie "Homeland" hier entsteht, wird auch Berlin und Deutschland als Standort richtig gut tun, da bin ich mir sicher.

teleschau: Haben Sie sich mit jemandem aus dem Cast besonders gut angefreundet?

Acar: Mandy Patinkin ist ein guter Freund geworden. Mit ihm hatte ich auch die meisten Szenen. Wir sind uns sehr nahegekommen, hatten tolle Gespräche. Danach drehte ich mit ihm in Aserbaidschan und Istanbul sogar noch einen Film. "Ali und Nino" heißt der, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Kurban Said.

teleschau: Haben Sie auch Claire Danes kennengelernt?

Acar: Ja, es war mit allen ziemlich eng. Wir saßen immer wieder zusammen. Claire, Alex Gansa, der "Showrunner", natürlich auch die Regisseure. "Homeland" funktioniert wie eine Familie. Es hat mich verblüfft, dass alle Schauspieler sehr bodenständige Leute waren, die gar keine Allüren hatten. Ich wurde auf Augenhöhe behandelt. Alle waren sehr respektvoll zu mir. Es herrschte eine durch und durch relaxte Atmosphäre. Auch diese Dinge tragen dazu bei, dass diese Serie so erfolgreich ist, denke ich.

teleschau: Was hat sich für Sie nach "Homeland" geändert? Kamen viele Angebote aus den USA?

Acar: Nicht nur aus den USA, auch aus Deutschland und anderen Ländern. Für mich ist das natürlich toll. Ich habe, wie gesagt, in Aserbaidschan einen amerikanisch-englischen Historienfilm gedreht, der noch in die Kinos kommt. Jetzt bin kurz davor nach China zu fliegen, um mit Zhang Yimou ("Hero", d. Red.) zu drehen - für mich einer der größten Regisseure der Welt. Der Film heißt "The Great Wall", Matt Damon und Willem Dafoe spielen mit. Das sind natürlich schöne Projekte, die mir so wahrscheinlich nicht angeboten worden wären, hätte ich nicht Hassan Haqqani in "Homeland" gespielt.

teleschau: Kommt Ihnen die ganze Geschichte manchmal wie ein Märchen vor? Vor dieser Rolle waren Sie selbst in Deutschland nicht sonderlich bekannt ...

Acar: Da haben sie Recht, das breite Publikum kannte mich eher nicht. Trotzdem habe ich als Schauspieler, Autor und Filmemacher schon viel auf die Beine gestellt. Ich war immer sehr aktiv und empfinde das jetzt auch ein bisschen als Würdigung der bisher geleisteten Arbeit. Meine Arbeitsweise wird sich durch diese neuen Entwicklungen trotzdem nicht ändern. Gerade arbeite ich an meinem nächsten eigenen Film hier in Deutschland, einer islamischen Weihnachtskomödie.

Quelle: teleschau - der mediendienst