Tina Hassel

Tina Hassel





Mit Optimismus und neuen Ideen nach Berlin

"'Straightforward' und auch ein bisschen zynisch", gehe es im politischen Betrieb Washingtons zu, berichtet Tina Hassel. Die WDR-Journalistin war seit 2012 als ARD-Studioleiterin in den Vereinigten Staaten tätig und hat vor Ort erlebt, dass es durchaus viele Parallelen gibt zwischen der legendären US-Serie "House of Cards" und der politischen Realität. "Der Politikbetrieb läuft komplett anders als bei uns", sagt die 51-Jährige, und nicht alles sei schlechter. Jetzt gibt Tina Hassel "den coolsten Job im Ausland für den coolsten Job im Inland auf" und kommt mit amerikanischem Optimismus und einer Mengen Ideen nach Berlin: Ab 1. Juli 2015 steht sie als Studioleiterin und Chefredakteurin Fernsehen an der Spitze des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin. Als erste Frau in dieser Position moderiert sie auch den "Bericht aus Berlin", das wöchentliche Magazin zur Bundespolitik im Ersten. Die WDR-Journalistin folgt damit auf Ulrich Deppendorf, der in den Ruhestand ging. Was sie sich für diese große Aufgabe alles vorgenommen hat, verrät sie im Interview.

teleschau: Kennen Sie die Serie "House of Cards"?

Tina Hassel: Natürlich. Ich bin ein großer Fan. Daran wird sich auch nach meinem Umzug nach Berlin nichts ändern. Man hat ja ein Netflix-Abo.

teleschau: Wie gefühlt jeder in den USA, oder?

Hassel: Genau. Ich kenne hier tatsächlich niemanden, der ohne auskommt (lacht).

teleschau: Sagt die ARD-Frau - und sorgt sich um die Zukunft des deutschen Fernsehens?

Hassel: Nein, nein. Unser System ist sehr stabil, und das ist auch gut so. Man kann die Situation in Deutschland nicht mit der in den Vereinigten Staaten vergleichen. "Die ARD-Frau" findet vieles befremdlich in Amerika - vor allem, dass 70 Prozent des Kabelfernsehmarktes von sechs Firmen kontrolliert werden. Das hat Auswirkungen, die wir uns in Deutschland gar nicht vorstellen können. Wenn wir zum Beispiel über Qualitätsjournalismus sprechen: Zuschauer, die FOX-News schauen, leben in einer völlig anderen Welt als Menschen, die Nachrichten auf MSNBC sehen. Denn in den USA wird mit einer Wagenburgmentalität und mit völlig unterschiedlicher Fokussierung berichterstattet. Die Sender sind nicht neutral, sondern politisch klar positioniert. Das irritiert uns Europäer doch sehr und lässt viele amerikanische Kollegen neidisch auf unser Fernsehsystem blicken.

teleschau: Also liefert das deutsche Fernsehen die besseren Nachrichten frei Haus?

Hassel: So pauschal kann man das auf keinen Fall sagen. Ich habe in meinen drei Jahren in Washington vieles gelernt, das mir künftig bestimmt auch in Deutschland weiterhilft. Die amerikanischen Kollegen sind "straightforward": frischer und taffer. Dort wird nicht um den heißen Brei herumgeredet. Der Schlagabtausch funktioniert direkter als bei uns. Manchmal ist es allerdings auch giftiger, ja brutaler. Das muss man ja nicht unbedingt eins zu eins nach Deutschland transferieren. Aber es gibt schon Themen, bei denen wir Nachholbedarf haben. Stichwort Social Media: In den USA kommt schon lange kein Journalist mehr ohne Twitter aus. Dort redet man über so eine Selbstverständlichkeit nicht mehr.

teleschau: Sie sind selbst sehr aktiv auf Ihrem Twitter-Account und kündigten bereits an, dass Sie den Kollegen im ARD-Hauptstadtstudio jetzt das Twittern verordnen wollen.

Hassel: Viel muss ich da nicht verordnen, denn die meisten Kollegen sind bereits aktiv. Ich will nur noch stärker das Gefühl einbringen, dass so etwas selbstverständlich zum Job gehört. Bei meiner Arbeit in den USA habe ich wirklich schätzen gelernt, mit Twitter zu arbeiten. Deshalb bin ich jetzt dabei, mit den Kollegen in Berlin ein neues Social-Media-Konzept aufzustellen.

teleschau: Wollen Sie also die Politikberichterstattung ein klein wenig amerikanischer machen?

Hassel: (lacht) Wenn sie es so ausdrücken wollen. Mir geht es darum, dass wir als wichtiges Medium unseren Beitrag leisten, die Menschen im Land wieder mehr für Politik und ihre Hintergründe zu interessieren. Offenbar fühlen sich viel zu viele nicht mehr mitgenommen, wie nicht zuletzt die PEGIDA-Bewegung gezeigt hat. Fakt ist: Politik wird in den USA weit weniger als langweilig empfunden, als es in Deutschland und Europa der Fall ist. Das liegt zum einen an den Medien, aber zum anderen auch an den Politikern und der politischen Kultur in den USA.

teleschau: Wo wir wieder bei "House of Cards" wären ...

Hassel: Genau. Das ist zwar nur gut gemachte, überzeichnete Fiktion. Im Kern ist der Plot aber dicht dran an der Realität. Der Politikbetrieb in Washington läuft komplett anders als bei uns: schon in etwa so, wie es in der Serie geschildert wird, eben "straightforward" und auch ein bisschen zynisch. Weil zwischen den beiden politischen Lagern Sprachlosigkeit herrscht, fällt die klassische Debatte, wie wir sie kennen, als Bühne weg. Also suchen sich die Politiker andere Wege.

teleschau: Wie sieht das konkret aus?

Hassel: Politik spielt sich nicht nur im Raumschiff Washington ab. Die Politiker gehen raus ins Land, in die Staaten und Kommunen, tragen ihre Themen direkt zu den Menschen. Und das Zusammenspiel mit den Medien ist dabei sehr ausgeklügelt. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Das hat bis hin zur Zurschaustellung des Familienlebens absoluten Showcharakter, was auf uns Europäer allerdings manchmal auch peinlich bemüht wirkt. Kurzum: Nicht alles finde ich sinnvoll und für deutsche Verhältnisse anwendbar, aber ein bisschen mehr Charisma und Entertainment kann bei uns bestimmt nicht schaden.

teleschau: Ist es für einen deutschen TV-Journalisten in den USA besonders schwierig, erfolgreich mitzumischen?

Hassel: Sagen wir so: Wir Europäer sind bei Interviews und Rechercheanfragen nicht gerade die Nummer Eins auf der Liste der Amerikaner. Amerikaner denken pragmatisch: Sie fragen sich, was es ihnen bringt, wenn sie die Geschichte mit dir machen. Man bekommt grundsätzlich mehr Absagen als Zusagen. Aber: Das deutsche Fernsehen, vor allem die große öffentlich-rechtliche ARD, hat zusammen mit der BBC einen Sonderstatus. Deutschland wird unbestritten als wichtigster europäischer Partner angesehen. Bei allen großen Themen - von der Ukraine bis zum NSA-Skandal - drehen sich die wichtigen Schleifen immer über Berlin. Uns werden mehr Türen geöffnet als den meisten anderen europäischen Kollegen. Man kennt uns und weiß, dass wir seriös arbeiten und ein entscheidendes Medium sind. Das hilft.

teleschau: Wo liegen in der alltäglichen Arbeit die wesentlichen Unterschiede?

Hassel: Man kann in den USA nicht einfach zum Hörer greifen und denken, dass man die erste Garde erreicht und sofort die Auskunft bekommt, die man gerne hätte. Sondern man muss bei jeder Anfrage erklären, warum sie relevant ist. Das hat zur Folge, dass man sich intensiver um Kontakte bemühen muss, dass Netzwerken weit oben auf der persönlichen Agenda zu stehen hat und dass man an die zweite Reihe rankommen muss: an Menschen, die im Hintergrund die Strippen ziehen, wie man es in "House of Cards" sehr schön sieht. Der Zugang zu Informationen und zu den handelnden Personen ist für Journalisten in den USA ein Wettkampf, der auf allen Ebenen ausgetragen wird, nicht zuletzt auch via Social Media. In Deutschland ist die Sache gegenteilig gelagert. Der Zugang ist in Berlin nicht das Problem.

teleschau: Sondern?

Hassel: Da geht es darum, den nötigen Abstand zu wahren, zur richtigen Zeit einen Schritt zurückzutreten und die vielen Informationen gut zu bewerten und zu filtern.

teleschau: In Deutschland kommt man als Politikjournalist der ersten Garde also leichter näher?

Hassel: Ja, das ist gar kein Vergleich. In den USA werden beim Pressekorps im Weißen Haus alle Fragen vorab eingereicht. Außerdem gibt es innerhalb der White-House-Journalisten klare Hackordnungen und Kodizes. Ein Journalist, der von sich behauptet, er habe den direkten Zugang, würde lügen. In Berlin kann es passieren, dass man sich mit einem Spitzenpolitiker binnen Stunden im nächsten Lokal zum Gespräch verabredet.

teleschau: Trotzdem: Sie verlassen gerade einen Job, den wir uns nicht erst seit "House of Cards" als eine der coolsten Aufgaben für Journalisten überhaupt vorstellen mögen.

Hassel: (lacht) Ja, da ist auch was dran. Aber ich sehe es so: Ich gebe den coolsten Job im Ausland für den coolsten Job im Inland auf. Was ich künftig vermissen werde, ist das Filmemachen und Reisen. Ich bin gerne unterwegs und setze mich genauso gerne nächtelang in den Schneideraum - als Chefin in Berlin werde ich dazu erst einmal nicht mehr kommen.

teleschau: Gibt es noch etwas, das Ihnen in Deutschland fehlen wird?

Hassel: Das amerikanische Mindset. In den USA ist das Glas wirklich immer halbvoll. Und es ist auch nicht schlimm, wenn man mal scheitert. Das "Comeback-Kid" ist kein abstraktes Klischee, sondern Teil der amerikanischen Mentalität. Das macht das Arbeiten angenehmer. Man tut sich leichter, Verantwortung zu übernehmen und Risiken einzugehen. Dennoch: Ich bin ein Politik-begeisterter Mensch und habe das Gefühl, in Berlin mehr bewegen zu können.

teleschau: Woran denken Sie da?

Hassel: Ich will dazu beitragen, die Menschen wieder mehr für Politik zu begeistern. Ich komme mit einigen Ideen und freue mich riesig darauf, diese mit meinem jungen, engagierten Team in die Tat umzusetzen. Ich will die Berichterstattung nicht nur vom Berliner Studio aus angehen, sondern manches auch draußen, vor Ort, stattfinden lassen. Gerne würde ich das Publikum miteinbeziehen - die Zuschauer über Twitter und Co. fragen, was sie von uns erwarten, welche Fragen sie stellen würden. Und wo es Sinn macht, will ich auch unbekanntere Personen aus dem Politbetrieb in den Fokus rücken. Denn oft sind die Geschichten aus der zweiten Reihe die spannenderen. Aber natürlich werden wir weiterhin auch die Prominenz vor der Kamera haben.

teleschau: Am Sonntag, 12. Juli, eröffnen Sie die ARD-Sommerinterview-Reihe mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Welche Themen stehen auf der Agenda?

Hassel: Wir sind noch in der Vorplanung. Aber neben den großen aktuellen Themen möchte ich bei dem Gespräch, das ich zusammen mit Rainald Becker führe, gerne die Fragen stellen, die mich besonders interessieren: Wie steht es um die Spannungen in den deutsch-amerikanischen Beziehungen? Wie können wir Politik attraktiver vermitteln und die Menschen wieder mitnehmen? Die Kunst wird sein, das Interview über die rund 20 Minuten spannend zu halten und die Fragen so zu stellen, dass am Ende möglichst viel herauskommt. So etwas ist nicht bis ins Detail planbar. Und wir wissen auch: Bei Politikern ist keine Antwort manchmal auch eine Antwort.

teleschau: "Eine starke Frau für einen starken Job", kommentierte WDR-Intendant Tom Buhrow Ihre Personalie. Spüren Sie auch Druck?

Hassel: Druck nicht, aber ich habe schon Respekt vor dieser Aufgabe. Ich bin nicht naiv, es gilt, ein Studio zu leiten, und die Themen auf der politischen Agenda sind bekanntlich nicht gerade unkompliziert. Aber ich habe mich nie von großen Aufgaben einschüchtern lassen. Ich habe Riesenlust, es überwiegt die Vorfreude. Und: Ich mag es gerne sportlich im Leben!

teleschau: Wird man in eine solche Aufgabe gerufen, oder haben Sie sich mit der Bewerbung einen Traum verwirklicht?

Hassel: Nun, ich habe nicht, wie einst Gerhard Schröder am Gittertor vorm Kanzleramt, an der ARD-Hauptstadtstudio-Tür gerüttelt und gerufen: "Ich will hier rein!" Ich bin gefragt worden, und ich wollte schon immer gerne nach Berlin. Jetzt freue ich mich riesig über das Vertrauen, dass Tom Buhrow mich vorgeschlagen hat und dass die Entscheidung im Gremium der Intendanten einstimmig getroffen wurde. Nun muss ich nur noch meine Kinder überzeugen, die würden so gerne in Amerika bleiben.

Quelle: teleschau - der mediendienst