Laverne Cox

Laverne Cox





Mehr als nur "Trans"

Derzeit gibt es kaum waghalsigeres Frauenfernsehen als die Netflix-Serie "Orange Is The New Black". In der wahlweise traurigsten Komödien- oder lustigsten Dramaserie der Welt geht es in ziemlich intelligenten Dialogen und Plots darum, was der Mensch war, ist und werden möchte. Ort der Handlung ist ein Frauengefängnis, Rückblenden auf das alte Leben der Insassinnen "draußen" gehören ebenfalls zum Konzept der mehrfach preisgekrönten Serie von Jenji Kohan ("Weeds"). Die 1984 in den Südstaaten mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geborene Laverne Cox ist einer der Stars des Ensembles. Zum Start der dritten "Orange is The New Black"-Staffel erzählt die Schauspielerin und Aktivistin, warum in Film und Fernsehen Transgender-Themen immer wichtiger werden und warum das alles gerade jetzt passiert.

teleschau: In "Orange Is The New Black"-Staffel spielen Sie eine Gefängnisinsassin, die früher im Körper eines Mannes lebte. Die dritte Folge der ersten Staffel erzählt ihre Geschichte.

Laverne Cox (lacht): Ja, die Episode "Lesbian Request Denied". Die hat definitiv meine Karriere verändert. Nicht nur weil deren Regisseurin Jodie Foster schon immer ein Vorbild für mich war. Als ich das Script gelesen hatte, rief ich sofort meinen Zwillingsbruder an. Ich sagte ihm: Das ist der Moment, auf den ich mein Leben lang gewartet habe. Der Moment, auf den ich mein ganzes Berufsleben hingearbeitet habe. Das muss wirklich gut werden! Ich glaube, es ist geglückt, auch weil mein Bruder, der gar kein Schauspieler ist, meine äußerlich männliche Version von früher spielte. Ich bekam eine Emmy-Nominierung für diese Folge, Jodie Foster ebenfalls. Ich bin wirklich stolz auf die Arbeit, die wir mit der Serie leisten.

teleschau: Sie sind eine der bekanntesten Transgender-Aktivistinnen in den USA. Was können Sie mit "Orange Is The New Black" konkret für Trans-Menschen tun?

Cox: Die Serie hat jetzt schon sehr viele Trans-Menschen in der ganzen Welt dazu inspiriert, authentischer und wahrhaftiger zu leben. Gleichzeitig hat sie Leuten, denen diese ganzen Trans-Themen fremd waren, geholfen, uns besser zu verstehen. Die Serie hat wirklich eine Menge bewegt. Das will man ja als Künstler: unterhalten und gleichzeitig Dinge bewegen. Mein Ziel als Künstlerin ist jedenfalls, dass Menschen anders als bisher über Dinge denken, die sie umgeben.

teleschau: Sie waren Emmy-nominiert und als erster Trans-Mensch auf dem Cover des berühmten "Time Magazine". Wenn Sie an Ihre Kindheit und Jugend zurückdenken - wie wahrscheinlich war es, dass Sie mal Sprecherin einer Bewegung werden?

Cox: Eines meiner größten Idole war immer schon die Opernsängerin Leontyne Price. In den frühen 60-ern wurde sie zur ersten weltberühmten afro-amerikanischen Primadonna. Durch das, was sie erreicht hat, wurde es für alle schwarzen Opernsängerinnen nach ihr sehr viel leichter. Ihre Geschichte habe ich mir zum Vorbild genommen. Eigentlich ist es doch ganz einfach: Indem du etwas schaffst, was noch keiner vor dir geschafft hat, tust du am meisten für jene, die dasselbe versuchen. Es geht mir darum, über die Medien möglichst viele Transgender-Geschichten zu erzählen. Das ist für mich Wissensvermittlung. Es gibt nicht die eine Transgender-Geschichte. Erst, wenn man viele Geschichten erzählt, verstehen die Leute unsere Situation besser. Als Schauspielerin ist es mein Beruf, Geschichten zu erzählen - deshalb bin in da in jeder Hinsicht an der richtigen Stelle.

teleschau: Haben Sie bereits schauspielerisch gearbeitet, als Sie noch ein Mann waren?

Cox: Nun, ich war nie ein Mann. Ich hatte männliche Geschlechtsmerkmale, als ich geboren wurde. Trotzdem habe ich mich immer als Mädchen gefühlt. Mein ganzes Leben lang. Ich musste eben einen anderen Weg als den üblichen einschlagen, um meine Weiblichkeit zu erkennen und nach ihr zu leben. Mein Hauptfach am College war Ballett. Ich wollte professionell tanzen und begann deshalb auch mit Schauspielunterricht. Meine erste Filmrolle war dann so ein Drag-Charakter. Ich würde sagen, alle Rollen, die ich in meinem Leben spielte, hatten zumindest etwas mit "Trans" zu tun. Um Ihre Frage zu beantworten: Nein, ich habe - auch bevor ich körperlich zur Frau wurde - nie eine klassisch männliche Rolle gespielt.

teleschau: Hatten Sie trotzdem Angst, nach Ihrer körperlichen Transformation weniger Rollenangebote zu bekommen?

Cox: Als ich meine Geschlechtsumwandlung hatte, gab es noch keine Transgender-Schauspielerinnen, die Erfolg beim Mainstream-Publikum hatten. Ich dachte natürlich darüber nach und hatte Sorgen, was aus mir werden soll. Deshalb bin ich auch eine Weile zur Modeschule gegangen - weil Trans-Menschen in dieser Szene sehr viel etablierter sind. Bald merkte ich allerdings, dass Schauspiel mein Ein und Alles ist. Ich nahm also weiter Schauspielunterricht, ging zu Castings und so weiter. Trotzdem hatte ich natürlich Ängste. Wenige Monate, bevor ich das Angebot bekam, bei "Orange Is The New Black" mitzumachen, dachte ich daran, an die Uni zurückzugehen und irgend etwas anderes zu studieren, mit dem man eventuell Geld verdienen kann. Ich habe oft im Leben übers Aufgeben nachgedacht. Nun hoffe ich, dass ich den Rest meines Lebens Schauspielerin bleiben kann.

teleschau: Gegenwärtig scheinen Transgender-Themen in den Medien sehr angesagt zu sein. Woher kommt das?

Cox: Ich weiß nicht, wie es in Deutschland aussieht. In den USA ist es so, dass Trans-Menschen zwar schon lange in der Gesellschaft sichtbar waren, aber in den Medien kaum vorkamen. Vor allem in den letzten Jahren ist das nun mehr geworden. Meistens wurde jedoch eher oberflächlich über Transgender berichtet. Was Serien wie "Orange Is The New Black" schaffen, ist, dass Trans-Menschen facettenreicher dargestellt werden. Wir sind ja nicht nur komische Leute, die Geschlechtsumwandlungs-OPs hatten und Hormone einnehmen. Wir haben komplett menschliche Biografien. Wir erleben alles, was auch andere Menschen in ihrem Leben erfahren. Transsexualität ist nur eines unserer Merkmale.

teleschau: Gibt es andere Serien oder Filme, die Sie empfehlen?

Cox: Ebenfalls bei Netflix ist gerade "Sense8" gestartet. Darin spielt eine wunderbare Trans-Frau namens Jamie Clayton eine Rolle, mit der ich früher schon einmal gearbeitet habe. Die Rolle wurde von einer anderen Trans-Frau zu Papier gebracht, der Regisseurin Lana Wachowski (früher: Larry Wachowski, "Matrix", Anmerk. d. Red.). Dieses Beispiel zeigt, dass "Transgender"-Themen den Mainstream mittlerweile erreichen. Die Amazon-Serie "Transparent" finde ich ebenfalls ganz großartig.

teleschau: Aber gibt es einen Grund, warum gerade jetzt so viele Transgender-Stoffe realisiert werden?

Cox: Das Thema war einfach überfällig. Ich glaube, dass in demokratischen Gesellschaften das Pendel langfristig immer mehr in Richtung Gerechtigkeit und damit Gleichberechtigung ausschlägt. Dass Trans-Menschen und ihre Themen mehr Beachtung finden, war einfach an der Zeit. Für mich ist es natürlich toll, dass es gerade jetzt passiert. Und dass ich ein Teil dieser Geschichte bin.

teleschau: Was können "normale" Männer und Frauen von Trans-Menschen lernen?

Cox: Was ich von Leuten, deren Geschlechtsidentität mit ihrem Körper übereinstimmt, am häufigsten gehört habe, war der Satz, dass sie durch die Beschäftigung mit Transgender-Themen gelernt haben, insgesamt authentischer zu leben. Wir wollen alle als das gesehen und verstanden werden, was wir sind. Das ist ein tiefes, menschliches Bedürfnis! Die Suche, auf der sich Trans-Menschen befinden - damit kann jeder etwas anfangen, denke ich. Jeder Mensch muss seine Geschlechtsidentität für sich finden, egal ob er "transgender" ist oder nicht. Es gibt auf diesem Gebiet kein richtig oder falsch. Nichts, das verboten oder minderwertig wäre. Jedes Geschlecht ist okay. Ich kann nur jeden dazu ermutigen, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen.

teleschau: Trans-Menschen in den USA sind doppelt so oft arbeitslos wie der Bevölkerungsschnitt. Wenn man schwarz ist, erhöht sich dieser Wert aufs Vierfache. Außerdem werden schwarze Trans-Menschen extrem oft Opfer von Gewaltverbrechen. Sind Sie nicht wütend, wenn Sie solche Statistiken lesen?

Cox: Natürlich bin ich wütend. Wer da nicht wütend wäre, würde wahrscheinlich verrückt werden - aufgrund dieser Ungerechtigkeit. Jene Statistik, die Sie da zitieren, stammt aus den USA des Jahres 2011. Trans-Menschen erfahren Benachteiligungen in allen Bereichen des Lebens: bei der Gesundheitsversorgung, im Job, bei der Wohnungssuche, in Sachen gewalttätige Übergriffe, polizeiliche Willkür und so weiter. Natürlich bin ich traurig, wenn ich solche Fälle mitbekomme. Andererseits ist es für mich sehr wichtig, hoffnungsvoll zu bleiben. Meine Lebensphilosophie ist die der Liebe. Eines meiner Lieblingszitate stammt von dem schwarzen Theologie-Professor Cornel West. Er sagte einmal: "Gerechtigkeit darf man sich wie Liebe im Gemeinwesen vorstellen." Ohne eine hoffnungsvolle, liebevolle Einstellung den Menschen gegenüber, wird man für die Gesellschaft kaum etwas Sinnvolles erreichen. Egal wie ungerecht sich die Situation für manche Bevölkerungsgruppen momentan darstellt.

teleschau: Kennen Sie eine Gesellschaft - sei es in der Gegenwart oder der Vergangenheit -, in der Trans-Menschen akzeptierter sind oder waren, als es in unserer Kultur der Fall ist?

Cox: Ich finde es interessant, dass vor der Kolonialzeit in vielen Gesellschaften der Welt neben Frau und Mann weitere Geschlechter existierten. In Amerika gab es das auch. Noch bekannter sind allerdings die Hijras in Indien. Die Hijras segneten zum Beispiel neugeborene Kinder oder sie wurden bei Hochzeiten eingesetzt, um zukünftiges Glück zu beschwören. Wenn man all diese Phänomene vergleicht, wird deutlich, dass diese unklaren Geschlechter meist sehr geachtet waren oder sogar als heilig galten. Ich möchte diese Gesellschaften keineswegs idealisieren - aber Fakt ist, dass mit dem Kolonialismus all diese Phänomene gegeißelt wurden und verschwanden. Das Patriarchat westlicher Gesellschaften, ihr Kolonialismus und Sexismus - das hängt schon alles ziemlich deutlich zusammen.

teleschau: Kommen wir zurück zu Ihnen. Was wäre der größte Traum, den Sie sich als Schauspielerin noch gerne erfüllen würden?

Cox: Einfach weiterarbeiten zu dürfen, das wäre mein größter Traum. Mit tollen Schauspielern und Regisseuren. Es gibt viele Geschichten, die ich gerne noch erzählen würde. Und ich will besser werden.

teleschau: Aber wäre es nicht ein Traum, Charaktere zu spielen, die zwar "transgender" sind, deren Geschlecht aber nicht im Mittelpunkt der Geschichte steht? Wäre das nicht ein Zeichen tatsächlicher Emanzipation?

Cox: Ich habe bereits solche Rollen gespielt. Mir geht es um die Herausforderung, einen interessanten Menschen darzustellen. Eigentlich spielt es für mich keine Rolle mehr, ob eine Rolle im Script explizit "trans" ist oder nicht.

Quelle: teleschau - der mediendienst