Liebe auf den ersten Schlag

Liebe auf den ersten Schlag





Die Kopfnüsse verteilt

Vor Madeleine (Adèle Haenel) sei gewarnt: Die junge Dame im Mittelpunkt von "Liebe auf den ersten Schlag" ist für heftige Überraschungen gut. Vor allem dann, wenn sie irgendwelchen Konventionen gehorchen soll, die sie einfach nicht ernst nehmen kann. Das ist dumm für einen männlichen Altersgenossen, der glaubt, er könne ihr bei einem Vorbereitungskurs für die Armee Befehle erteilen. Einmal kurz den Kopf vor- und zurückbewegt, und er liegt da, von der Kopfnuss niedergestreckt. Doch hat Madeleine das aus persönlicher Wut getan oder nicht doch, um ihren Verehrer Arnaud (Kévin Azaïs) zu schützen? Vor dem Hintergrund französischer Krisenstimmung spannt diese Komödie mit der Frage auf die Folter, ob die Frau für den Mann zärtliche Empfindungen hat oder nicht.

Zumindest der Anschein spricht dagegen. Denn Madeleine hat nur eins im Kopf: überleben! Das Wirtschaftsstudium hat sie geschmissen, weil sie sich die Zukunft nicht anders als in den schwärzesten Farben ausmalt. In dem ruhigen Ort an der französischen Atlantikküste, wo sie bei ihren Eltern wohnt, bereitet sie sich in diesem Sommer auf die Aufnahmeprüfung bei den Fallschirmspringern vor. Sie ernährt sich von Aal, taucht im Swimmingpool mit Dachziegeln im Rucksack und ringt Arnaud gleich bei ihrer ersten Begegnung locker nieder.

Das alles weiß man nur, weil es Arnaud gibt. Der Sprössling einer Schreinerfamilie beobachtet Madeleine zwischen Irritation und Hingerissenheit, während er für ihre Eltern ein Gartenhäuschen zusammenzimmert. Ganz und gar unentschlossen, was er selbst mit seinem Leben anfangen soll, imponiert ihm Madeleines Zielstrebigkeit. Im selben Maße erschüttert ihn ihre Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst. Um in ihrer Nähe zu sein, bucht er denselben Vorbereitungskurs der Armee. Dieser verschlägt die beiden ganz abenteuerlich in einen riesigen Wald, der zunächst geradezu paradiesisch anmutet - und dann den Überlebenswillen der Protagonisten auf eine unerhörte Probe stellt.

Seit die Franzosen in der wirtschaftlichen Talsohle stecken und sich mit sozialen Missständen plagen, bringen sie äußerst publikumswirksame Komödien hervor. "Liebe auf den ersten Schlag", das Spielfilmdebüt von Thomas Cailley, hat ebenfalls diesen Background. Man muss nur einmal sehen, wie Madeleine in einem Mixer einen Aal zerstückelt, während im Radio darüber berichtet wird, wie weit Frankreich ökonomisch gegenüber Deutschland zurückgefallen ist!

Doch Krisen zu bewältigen, ist ein universelles Thema. Entsprechend legt Cailley seine Figuren als polare, universelle Charaktere an. Rauheit und Sinnlichkeit, Stille und Drastik elektrisieren ihre Begegnung. Soll man den Herauforderungen der Krise mit Hyperaktivität begegnen wie Madeleine oder angepasst wie Arnaud? Beides sind Extreme in heiterem Kontrast zur trügerischen Betriebsamkeit des Alltags. Schablonenhaft sind die Figuren aber nicht. Klug wird mit der Erwartung gespielt, dass Madeleines Ruppigkeit doch auch eine sensible Kehrseite haben muss. Wenn Arnaud seiner Befürchtung Ausdruck gibt, sie könnte gefühllos sein, streichelt sie demonstrativ einen Hund.

"Liebe auf den ersten Schlag" hat etwas von einem Lehrstück, ist aber nicht abstrakt, sondern elementar. Die Kamera schmiegt sich Madeleine und Arnaud an, wenn sie im Wald die Natur für sich entdecken - und einander. Die Wirkung ist so durchdringend, dass man dieser fulminanten Komödie in den Südwesten Frankreichs, wo sie gedreht wurde, sofort nachreisen möchte.

Quelle: teleschau - der mediendienst