Marry Me!

Marry Me!





Versklavt von der Komödienformel

Woran erkennt eine Frau den idealen Ehemann? Er kann wunderbar kochen. Er repariert, was kaputt ist, ohne große Worte darüber zu verlieren. Er ist ein unkomplizierter Liebhaber, der für das Vergnügen einer Nacht zur Verfügung steht, ohne sich allzu sehr "benutzt" zu fühlen. Hätte sich Neelesha Barthel in "Marry Me!" auf solche Beobachtungen ihrer Heldin beschränkt, die sie durchaus amüsant zu servieren weiß, wäre das Spielfilmdebüt zu retten gewesen. Doch die Nachwuchsfilmemacherin mutet sich und dem Publikum eine weitere Multikulti-Komödie zu, die sich von anderen Streifen dieses Genres lediglich durch das hinduistische Vorzeichen unterscheidet. Sonst ist das meiste gleich - nur vielleicht dilettantischer und chaotischer.

Kissy (Maryam Zarée) lebt im Glück. Schließlich wohnt sie mit ihrer Schwester Sonal (Mira Kandathil) im flippigen Berlin-Kreuzberg. Die Deutsch-Inderinnen genießen dort absolute Freiheit ohne Druck durch Traditionen. Zusammen betreiben sie ein kleines indisches Café, das sie von ihrer Mutter übernommen haben. Es ist in dem Mietshaus untergebracht, das Kissy gehört - nun ja, eigentlich ihrer Großmutter Sujata (Bharati Jaffrey).

Was passiert also? Selbstverständlich taucht Oma plötzlich aus Indien auf und droht mit dem moralischen Zeigefinger. Kissy soll heiraten - oder sie verkauft das Mietshaus samt Café! Nicht nur Kissy und ihre Schwester säßen auf der Straße, sondern auch nette Mieter, die sich keine teuren Wohnungen leisten können. Beispielsweise Ex-Pilot und Ex-Freund Robert (Steffen Groth), mit dem Kissy die Tochter Meena (Lila Marschall) hat. Da hilft wohl nur, dass Kissy ihn wenigstens zum Schein in einer aufwendigen indischen Hochzeit heiratet. Während die Vorbereitungen laufen, wandelt Oma mithilfe des Kochs Karim (Fahri Yardim) das Café in ein Restaurant um.

Natürlich könnte man daraus einen lustigen Film machen. Doch Regie und Drehbuch lassen sich von der Komödienformel versklaven, überdehnen die Vorstellung der wichtigsten Figuren, strapazieren einigermaßen ermüdend ethnische Klischees und bauen hektisch Höhe- und Wendepunkte ein, die gar keine Wirkung entfalten. Gehetzt wird vieles angerissen und nichts richtig zu Ende geführt: Oma will das Mietshaus verkaufen, weil sie sonst ruiniert ist, Kissy bekommt das heraus, hat aber keine Zeit, daran Anstoß zu nehmen. Aus dem Café ein Restaurant zu machen, dient bloß als Vorwand, um Kissy irgendwie mit Karim zusammenzubringen. Die Idee, ein Ehepaar aus prekären Verhältnissen als Roberts reiche Eltern bei der Hochzeit zu präsentieren, ist drollig, wird aber nicht so entwickelt, dass man lachen dürfte.

Dafür muss allein die großartige Hauptdarstellerin sorgen, die iranischstämmige Maryam Zarée. Bislang in Kino und TV eher in Nebenrollen beschäftigt, wird sie als begnadete Komödiantin bestimmt von sich reden machen - es wäre verdient. Ihr offenes Gesicht ist eine hochsensible Membran für die nuanciertesten Regungen. Als Kissy sieht man sie mimisch von der Verwunderung in die Irritation, in die Überraschung und wieder zurück stolpern. Ihr rebellischer Aufschrei bei der traditionellen Hochzeit ist es, der daran erinnert, dass Multikulti-Komödien auch mit Wertkonflikten zu tun haben. Um ihretwillen wünscht man sich, man würde den Film einstampfen und neu drehen, möglicherweise über eine nervöse junge Frau, die mit Bindungen hadert. Die Bollywood-Tanzeinlagen und anderen folkloristischen Klimbim dürfte man sich dann getrost sparen.

Quelle: teleschau - der mediendienst