Über alle Grenzen hinweg

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Am 25. Juni startet das 33. Filmfest München

Noch immer gelten Filmfestivals vor allem als beliebte Treffpunkte einer Branche, die sich dadurch ihrer selbst vergewissert. Seit einigen Jahren jedoch gewinnt auch eine gesellschaftliche Dimension an Relevanz: Selbstreferentielle Oberflächlichkeiten geraten in den Hintergrund, aktuelle politische und kulturelle Entwicklungen werden indes verstärkt verhandelt. In besonderer Weise zeigt sich dies beim diesjährigen Filmfest München, das am Donnerstag, 25. Juni, in seiner 33. Ausgabe eröffnet wird. Ob Flüchtlingsströme und abschottende Asylpolitik, gleichgeschlechtliche Ehe und Gender-Debatte, Arbeitsverhältnisse und psychische Krankheiten - das diesjährige Programm greift die brennenden Themen unserer Zeit auf. "Grenzen überschreiten" heißt laut Kuratorium das übergeordnete Motiv, das sich auch in der Herkunft der Beiträge spiegelt: Erstmals wird das karibische Kino international von sich reden machen.

Eröffnet wird das diesjährige Filmfest aber mit dramatischem Hollywoodkino im Neo-Western-Format: In der Albert-Camus-Adaption "Den Menschen so fern" muss Viggo Mortensen als Schullehrer im Algerien der 50er-Jahre einen Mörder durch die Wüste geleiten. Mortensen wird in München selbst anwesend sein, auch weitere Schauspielstars erweisen sich auf dem Festival die Ehre: Ungeachtet seiner noch recht beschaulichen 56 Jahre erhält der Brite Rupert Everett den CineMerit-Award für sein Lebenswerk und nimmt die Auszeichnung persönlich entgegen.

Auch die Meister hinter der Kamera werden prominent vertreten sein: Ebenfalls einen Ehren-Award erhält der Regisseur Jean-Jacques Annaud, dem mit "Sieben Jahre in Tibet" (1997) und der Umsetzung von "Der Name der Rose" (1986) einst Meisterstücke gelangen. In München stellt der Franzose sein neues Naturabenteuer "Der letzte Wolf" vor. Ein anderer großer Regisseur feiert keine Premiere, sondern wird für seine modernen Klassiker des US-Independentkinos mit einer Retrospektive geehrt: Alexander Payne, Schöpfer von ironischen Tragikkomödien wie "Sideways" (2004) und "About Schmidt" (2002), stellt sich ebenfalls in persona den Fragen des Publikums. Für das Kuratorium um Festivalleiterin Diana Iljine passt der US-Amerikaner perfekt zum diesjährigen Filmfest - schließlich überschreite er regelmäßig die Grenzen zwischen Arthouse und Hollywood.

Noch durchlässiger präsentieren sich jegliche formale Grenzen von Kunst und Ästhetik, wenn man auf Andy Warhol schaut. Den Filmen des vielseitigen Genies widmet das Filmfest München gemeinsam mit dem Museum Brandhorst erstmals eine umfangreiche Retrospektive. Unter dem Titel "Yes! Yes! Yes! Warholmania in Munich" zeigt die von Glenn O'Brien kuratierte Hommage gut 15 Filme und Filmexperimente des New Yorker Avantgardisten. Welche Grenzüberschreitungen auch nach Warhol und den experimentierfreudigen 60er-Jahren im Film heutzutage möglich sind, führt der internationale Wettbewerb vor: Zum ersten Mal ist ein Regisseur mit allen drei Filmen einer epischen Trilogie vertreten. Der Portugiese Miguel Gomes habe mit seiner modernen "Tausend und eine Nacht"-Interpretation "Arabian Nights" laut Jury "alle Grenzen des Filmemachens niedergerissen".

Auf den "Cinemasters"-Wettbewerb darf man aber nicht nur deswegen gespannt sein: Mit dem Coming-Of-Age-Drama "Trois Souvenirs De Ma Jeunesse" um junge Geschlechtsidentitäten erwartet das Publikum ein Gewinner des Festivals von Cannes. Um Selbstwahrnehmung - nämlich der des Kinos an sich - geht es auch im Biopic "Pasolini", in dem der Meister des italienischen Films von keinem Geringeren als Willem Dafoe verkörpert wird. Mit hierzulande kaum bekannten Schauspielern wartet der chinesische Thriller "Red Amnesia" auf. Dafür verlässt er den europäischen Blick und bringt die Widersprüchlichkeiten des modernen Chinas näher. Überhaupt ist das Filmfest 2015 international wie selten: Aus 54 Ländern stammen die gezeigten Werke.

Während aus Ostasien bereits seit einigen Jahren bemerkenswerte Filme kommen, gibt es noch immer vernachlässigte Kinoregionen. Einer davon nähert sich das Filmfest in diesem Jahr: der Karibik. Mit dem Drama "God Loves The Fighter" ist erstmals ein Film aus Trinidad und Tobago auf einem Festival außerhalb des kleinen Landes zu sehen. Auch die Dominikanische Republik entwickelt gerade erst ein eigenes Kino, "Sand Dollars" sei ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie die Klassengegensätze in dem Inselstaat verhandelt werden. Und natürlich öffnet sich auch die Nachbarinsel Kuba immer mehr, auch cineastisch: "La Obra Del Siglo" erzählt vom alltäglichen Nachlass der Revolution und feiert in München seine Deutschlandpremiere.

Eine weiteres Novum: Das Filmfest bespielt die Kinos in diesem Jahr zum ersten Mal für zehn Tage - einen Tag länger als noch in den Vorjahren. Geschuldet ist dies auch der beeindruckenden Zahl gezeigter Werke: 179 werden zu sehen sein, 39 davon feiern in München ihre Weltpremiere. Letzteres betrifft natürlich vor allem die Filme aus Deutschland. Einer davon ist "Der Nachtmahr", eine moderne Version des "Erlkönigs", unter anderem mit Wilson Gonzales Ochsenknecht. Auch hier dreht sich alles um Grenzen und Identitäten, wie überhaupt in der Reihe "Neues Deutsches Kino". Wer legt beispielsweise eigentlich fest, dass einer psychisch krank ist, fragt die Dokumentation "Mollath - und plötzlich bist du verrückt". Und was heißt es für ein Kind, dem geflohenen Vater aus der kriegsgebeutelten Heimat allein gen Deutschland zu folgen - so wie es das Drama "Babai" zeigt.

Die (dann doch wieder selbstbezügliche) Frage nach der Identität des Kinos kommt momentan vor allem von außen auf: Epische Serien sind das Ding der Stunde - und Konkurrent. Dass dies nicht unbedingt der Fall sein muss, zeigt das Filmfest. Sky Deutschland ist wieder mit an Bord, um jeweils zwei Folgen neuer Produktionen auf der großen Leinwand zu zeigen. Das Kino überschreitet schließlich gerne Grenzen.

Quelle: teleschau - der mediendienst