Andy Borg

Andy Borg





Adios Amor

Keine Frage, Andy Borg hat gerade ein paar sehr intensive und emotionale Monate hinter sich. Im ersten Interview, seit bekannt wurde, dass die Partnersender ORF, ARD und SRF die Zukunft der traditionsreichen Schunkelsendung "Musikantenstadl" ohne ihn planen, präsentiert sich der 54-Jährige zwar erstaunlich aufgeräumt und positiv, aber es ist in jedem Augenblick auch zu spüren, dass dies gerade keine ganz leichte Zeit für ihn ist. Vor allem als die Sprache auf seine letzte Sendung am Samstag, 27. Juni (20.15 Uhr, live im Ersten), kommt, wirkt der 54-Jährige angefasst. In einem sehr offenen Gespräch verrät der scheidende Stadl-Moderator, wie er von seiner Absetzung erfuhr, was er von der Idee hält, das Konzept der Sendung zu verjüngen und wie es in Zukunft für ihn weitergehen wird. Sorgen, so sagt er, macht er sich nicht: "Ich wollte immer nur auf der Bühne stehen und 'lalala' machen. Das ist meine Berufung, ich verstehe mich als Handwerker, als Sänger, der auftreten und Leute unterhalten will - ob in einer Fernsehsendung oder beim Feuerwehrfest, ist im Grunde egal."

teleschau: Herr Borg, im Februar wurde bekannt, dass der "Musikantenstadl" mit neuem Konzept und ohne Sie fortgesetzt wird. Wie erfuhren Sie davon?

Andy Borg: Es gab ein Gespräch, da hat es mir der ORF-Unterhaltungschef persönlich gesagt.

teleschau: Waren Sie sehr überrascht?

Borg: Zunächst nicht sonderlich. Als man mich zum Treffen bat, rechnete ich mit dem Schlimmsten, denn das Damoklesschwert, dass der Stadl eines Tages eingestellt werden könnte, hing seit Jahren über der Sendung. Seit ich 2006 als Moderator anfing, hieß es immer wieder: Wir verlängern noch, aber dann sei Schluss mit unserem Schunkelprogramm. Was mich dann aber entsetzt hat, war die Ansage, dass es mit der Sendung weitergehen wird - und zwar ohne mich, aber mit zwei jüngeren Moderatoren. Und dass für mich nicht zum Jahresende, zu Silvester, Schluss ist, sondern schon im Juni. Das tat weh.

teleschau: Wie wurde Ihnen die Entscheidung begründet?

Borg: Man hat mir gesagt, dass man vorhat, die Sendung so geschwind und umfassend wie möglich zu verändern. Und dass der Moderator nun mal das Massivste ist, was man an einer Fernsehshow ändern kann, ist unstrittig ... Leider.

teleschau: Können Sie die Argumentation mit etwas zeitlichem Abstand nachvollziehen?

Borg: Nein. Ich habe es versucht, aber ich finde, der Stadl und ich, der dickliche Wiener Sänger Andy Borg mit der guten Laune - das war eine Symbiose.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Borg: Bei aller Bescheidenheit: Ich finde, ich habe meinen Job gut und professionell gemacht. Ich bin als Musiker halbwegs kompetent, kenne das Metier und alle Künstler, die Kollegen, die in die Sendung kommen, aus dem Effeff. Das Publikum war mir, wenn auch auf anderem Niveau als in früheren Jahren bei Karl Moik, treu, und wir haben das Format immer wieder angepasst. Denken Sie an das Bühnenbild oder den Nachwuchswettbewerb ... Die Sendung hat sich verändert, wurde moderner, sonst wären doch eine Helene Fischer oder Beatrice Egli nie gekommen, sonst hätte ein Andreas Gabalier seine Karriere nicht bei uns im "Stadl" starten können.

teleschau: Es haben sich nicht nur Fan-Initiativen gegründet, die Ihren Verbleib forderten, auch viele Prominente, von Andreas Gabalier bis Thomas Gottschalk, sprachen sich gegen die Verjüngung der Sendung aus. Was sagt Ihnen das?

Borg: Dass die beteiligten Sender möglicherweise eine falsche Entscheidung getroffen haben, denn das Format hätte in der bisherigen Konstellation noch ein paar Jahre gut leben können.

teleschau: Aber die Verantwortlichen wurden wohl nicht zuletzt von den Quoten zum schnellen Handeln gezwungen.

Borg: Nein, das Argument lasse ich nicht gelten. Die Quoten waren immer noch stabiler als bei anderen TV-Shows. Ich fing mit fünf bis sechs Millionen Zuschauern pro Sendung an, jetzt sind wir immer noch bei an die vier Millionen. Es gab keinen Einbruch, wie bei anderen Sendungen, zum Beispiel auch jungen Shows wie "DSDS".

teleschau: Aber die jungen Zuschauer sind das Thema: Der Stadl hat sie nicht erreicht!

Borg: Das war nie anders. Wenn man wirklich junge Zuschauer erreichen will, braucht man das mit so einem Format doch gar nicht erst zu versuchen. Dann muss man radikaler rangehen und kreative Köpfe ranlassen, die was Neues auf die Beine stellen, eine Sendung wie "Circus HalliGalli", die Show mit Joko und Klaas auf ProSieben ... Finde ich toll, ist aber eine komplett andere Sache.

teleschau: So was kennen Sie?

Borg: Natürlich. Schon durch meine Kinder bin ich ziemlich up to date. Ich habe mir jetzt zum Beispiel im Dritten die Übertragung vom "Deutschen Webvideopreis 2015" angesehen - eine coole Veranstaltung. Ich muss nicht alles toll finden und verstehen, aber dass da zurzeit unheimlich viel Kreativität im Umlauf ist, registriere ich wohl. Ich vergleiche das, was gerade in der TV-Unterhaltung passiert, mit der Neuen Deutschen Welle Anfang der 80er-Jahre: Da kommt viel Aufregendes und Neues, und man kann manches auch noch gar nicht absehen, weil viel experimentiert wird. Ich finde das extrem spannend - aber viele, vor allem Ältere, rümpfen erst mal die Nase.

teleschau: Sie sind 54 - ist das jetzt jung oder alt?

Borg: (lacht) Mittelalt. Es gab in meiner Stadl-Anfangszeit durchaus Stimmen, die nörgelten, ich sei zu jung für die Sendung. Jung oder alt - so sollte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gar nicht gedacht werden. Meine Eltern sind Ende 70, und wissen Sie, was die machen, wenn sie eine Lieblingssendung verpasst haben: Sie suchen in der Mediathek. Auf der anderen Seite sind da meine Kids, die am Samstagabend, wenn's passt, auch mal auf der Couch sitzen und beim Stadl reinschauen. Für sie ist das als Event lustig. Klar hören sie lieber Electro oder Rap. Es wäre nun jedoch absoluter Unsinn, krampfhaft eine Show auf die Beine stellen zu wollen, die sowohl die Jungen als auch die vier Millionen Stadl-Fans und meine Eltern glücklich macht. Das wird nicht funktionieren, was man nicht zuletzt am Beispiel von "Wetten, dass ..?" deutlich gesehen hat.

teleschau: Immerhin hat Heino schon mit Rammstein auf einer Bühne gestanden ...

Borg: Ja, so was ist ein toller Schmäh, das will ich nicht verhehlen. Aber bleiben wir auf dem Teppich: Rammstein und Heino, das klappt mal beim Event in Wacken, aber es ist kein Konzept für eine Show. Die Alten würden in Scharen wegzappen, und die Jungen schalten sowieso nicht in der Konstanz ein, dass das ein Abendformat langfristig tragen würde. Nein, bei einer Sendung wie dem Stadl muss man sich seines Publikums bewusst sein und es ernst nehmen. Die Leute sind froh, wenn sie Musiker in Tracht sehen, wenn gejodelt und vom schönen Sonnenaufgang in den Bergen gesungen wird. So ist es, und so war es schon immer.

teleschau: Jetzt waren Sie auf Ihrer letzten "Stadl-Kreuzfahrt". Zwei Wochen unter echten Fans tun gut, oder?

Borg: Ja, es war Balsam. Obwohl: Mir tut noch die Schulter weh von den vielen Klopfern (lacht). Ich erfahre seit vielen Wochen Zuspruch in einem Ausmaß, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte. Auf Tournee, bei meinen Auftritten, und vor allem im Internet in Foren, Gästebüchern und Fan-Initiativen sprangen mir viele Tausend Menschen bei. Aber jetzt aus nächster Nähe zu erleben, wie sehr die Leute die ganze Geschichte anfasst, war noch mal etwas anderes und hat meine Sichtweise auch etwas verändert.

teleschau: Inwiefern?

Borg: Mir wurde bewusst, dass es nicht um mich geht, sondern allein um die Menschen: um ein treues, natürlich reiferes Publikum, das seine Sendung, den guten, alten "Musikantenstadl", wirklich mag.

teleschau: Das klingt jetzt doch zu sehr nach "Loveboat" ...

Borg: (lacht) Das passt: Ich habe unter diesen Leuten echte Liebe gespürt! Ich übertreibe nicht: Es kamen ältere Herrschaften auf mich zu, die hatten Tränen in den Augen und taten mir kund, was sie von der Entscheidung der Sender halten. "Andy, du darfst nicht gehen", sagten sie. Andere sprachen mir Mut zu, nach dem Motto: "Wenn eine Tür zufällt, geht eine andere auf." Natürlich schmeichelt mir das, aber ein bisschen beschämt es mich auch, denn ich habe die großartige Marke "Musikantenstadl" ja nicht erfunden, sondern nur neun Jahre weiterführen dürfen - was mir keiner nehmen kann und was ich für alle Zeiten als ein großes Glück empfinden werde. Ich bin dankbar, dass ich das erleben durfte - auch dafür, dass mich neben meiner Birgit auch meine Eltern in den zehn Tagen auf dem Schiff begleiten konnten.

teleschau: Sie sprechen von Glück und Dankbarkeit. Wir hätten Groll und Donnerwetter erwartet ...

Borg: (lacht) Vielleicht liegt das an meiner guten Erziehung. Ich bin ein höflicher Mensch, als alter Wiener habe ich meine Tanzkurse absolviert, sämtliche Etikette drauf und weiß, was sich gehört. Aber ich meine das ernst: Es ist unglaublich, dass ich, der kleine Mechaniker vom Wiener Stadtrand, mit meiner Musik die Menschen unterhalten darf und davon meinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Was hatte ich als Jugendlicher denn schon zu erwarten, außer Schule, Lehre, Heiraten, Kinder und Sterben? Was mir dann in den vergangenen 33 Jahren, seit mir das Lied "Adios Amor" auf den Leib geschrieben wurde, alles passiert ist, ist so wunderbar - niemals hätte ich so was für möglich gehalten!

teleschau: Wie ordnen Sie Ihre "Musikantenstadl"-Ära da ein?

Borg: Als Draufgabe, als Ehre, als nie geplanten Karriere-Höhepunkt. Ich wollte immer nur auf der Bühne stehen und "lalala" machen. Das ist meine Berufung, ich verstehe mich als Handwerker, als Sänger, der auftreten und Leute unterhalten will - ob in einer Fernsehsendung oder beim Feuerwehrfest, ist im Grunde egal. Eine große Unterhaltungsshow für drei Länder am Samstagabend präsentieren zu dürfen, ist natürlich das große Ziel eines Entertainers, der Olymp.

teleschau: Wie blicken Sie nun in die Zukunft?

Borg: Der erste Schreck ist überwunden, ich blicke wieder positiv in die Zukunft. Ende Juni veröffentliche ich eine CD mit meinen größten Hits und einigen neuen Liedern. Mein Glück ist, dass ich mir nie zu schade war, in anderen Sendungen, bei Florian Silbereisen, Carmen Nebel oder Stefan Mross, als "Schlagerfuzzi" aufzutreten - das kommt mir nun zugute, diese Kontakte, diese Plattformen gehen mir nicht verloren. Ich bin im Jahr bis zu 100.000 Kilometer mit dem Auto für Auftritte unterwegs. Warum? Weil ich es kann. Weil es mir Spaß macht. Das ist mein Leben. Ich bin zuversichtlich, dass es einfach weitergeht, ich werde immer mein Publikum haben ...

teleschau: Werden Sie als Sänger wieder im Stadl auftreten?

Borg: Wenn Sie jetzt so fragen, nein. Wie könnte ich dabei mit einem guten Gefühl auf der Bühne stehen!

teleschau: Wagen Sie eine Prognose für den neuen Stadl?

Borg: Nein, da halte ich mich zurück, denn wir kennen im Moment weder den Namen der Sendung noch wissen wir, wie die Bühne und das inhaltliche Konzept aussehen. Ich sage nur, dass ich einen klaren Schnitt besser gefunden hätte. Karl Moik, der Erfinder und Macher dieser Show, ist zwei Tage vor meiner vorletzten Sendung im März gestorben - da hätte man doch, wenn man denn unbedingt den großen Umbruch will, so flexibel sein und mit einer umfassenderen Ehrung für Karl Moiks Lebenswerk fürs Jahresende das Aus seines seit 1981 laufenden Formats ankündigen können. Und dann hätte man mit etwas ganz Neuem losgelegt.

teleschau: Sie verabschieden sich am 27. Juni in Pula von den Stadl-Fans. Haben Sie Angst, dass Sie die Gefühle übermannen?

Borg: Mir ist schon etwas bange ... Im Moment lenkt mich die viele Arbeit, die Vorbeitung auf die Sendung aber gut ab. Die Sorge, dass wir die technischen Herausforderungen vor Ort meistern, ist ohnehin noch größer. Wir laufen da in einem über 2.000 Jahre alten Amphitheater umeinand. Aber wir kriegen das hin, seien Sie versichert: So etwas Spektakuläres gab es beim Stadl noch nie.

teleschau: Was haben Sie sich zum Abschied vorgenommen?

Borg: Ich singe ganz am Schluss aus tiefstem Herzen "Adios Amor" - danach kommen nur noch der Abspann und die Eurovisionsfanfare. Erstens hat dieser Titel wirklich Menschen glücklich gemacht. Zweitens ist die Sendung jetzt in ihrer bisherigen Form zu Ende, und es ist doch super, dass ich ein Abschiedslied habe, das wie die Faust aufs Auge passt.

Quelle: teleschau - der mediendienst