Antje Pieper

Antje Pieper





"Der Druck ist nicht wegzudiskutieren"

Es geht um viel. Das spürt jeder, der in diesen Tagen an verantwortlicher Stelle als TV-Journalist arbeitet: Die Herausforderung geht weit über das Tagesgeschäft hinaus und dreht sich längst nicht nur um Fragen von Inhalt und Aktualität, um die Bewertung und Verbreitung von Nachrichten, sondern es ist ein Kampf um Vertrauen und Kompetenz, um jeden einzelnen Zuschauer und besonders um die Jüngeren. "Wir dürfen die Jugend nicht verlieren. Das wäre in der gesellschaftlichen Auswirkung verheerend", weiß auch Antje Pieper, die im ZDF seit einem Jahr das Amt als stellvertretende Leiterin der Hauptredaktion "Politik und Zeitgeschehen" innehat und seitdem das "auslandsjournal" moderiert. Die 46-jährige Vollblutjournalistin, die neun Jahre, von Mai 2005 bis Juni 2014, das ZDF-Studio in Rom leitete, macht sich im Interview ihre Gedanken zur Zukunft des Nachrichtenjournalismus und verrät, wie sie mit der Getriebenheit, die die sozialen Netzwerke in den journalistischen Alltag bringen, umgeht.

teleschau: Am 1. Juli sind Sie seit genau einem Jahr im Amt als stellvertretende Leiterin der ZDF-Hauptredaktion "Politik und Zeitgeschehen" und Moderatorin des "auslandsjournals". Hat es sich gelohnt, Rom gegen Mainz auszutauschen?

Antje Pieper: Die Frage ist gemein (lacht). Natürlich vermisse ich nach fast zehn Jahren am Tiber ein paar Dinge - das besondere Licht, das Wetter und im Job den alltäglichen Kontakt mit den Menschen. Ich gehe jetzt weniger auf Reisen, mache mehr vom Schreibtisch aus, aber dabei geht es nun gleich um die ganze Welt. Die Aufgabe in Mainz ist für mich als studierte Politikwissenschaftlerin überaus reizvoll: Die Themen sind vielfältig und gewaltig, siehe "G7" in Garmisch-Partenkirchen oder der Besuch der Queen in Deutschland ...

teleschau: Sie verließen Rom also mit einem lachenden und einem weinenden Auge?

Pieper: Auf jeden Fall. Die Stadt ist für mich zu einem Stück Heimat geworden, ich trage sie im Herzen. Was ich besonders mag: Du gehst vor die Tür und triffst sofort auf Menschen, die mit dir reden. Aber ich staune, dass sich in dieser Hinsicht auch in Deutschland viel getan hat: Wenn man nur auf die Leute zugeht, kann man diese Herzlichkeit, die ich meine, glaube ich, auch in Wiesbaden oder Mainz herstellen - vielleicht habe ich ein bisschen italienisches Lebensgefühl mit an den Rhein gebracht. Kann aber auch sein, dass ich in den letzten Monaten einfach nur ein paar Leute genervt habe (lacht).

teleschau: In Ihrer Zeit als Studioleiterin in Rom hat sich nicht gerade wenig ereignet ...

Pieper: An meinem ersten Arbeitstag, dem 2. April 2005, starb Johannes Paul II. Zwei Konklaven und einen deutschen Papst mitzuerleben, das ist natürlich eine Fügung. Es gab Themen ohne Ende - von Costa Concordia bis Berlusconi ... Und dann immer wieder die wirtschaftliche Situation in Griechenland, das ja von Rom aus mit abgedeckt wird.

teleschau: Was trieb Sie als Journalistin ausgerechnet ins Auslandsfach?

Pieper: Reiselust. Die Neugier auf andere Länder und Gewohnheiten. Und dass ich es einfach großartig finde, live dabei sein zu können, wenn sich etwas Wichtiges ereignet.

teleschau: Das kann süchtig machen, oder?

Pieper: Absolut. Aber ich passte auch in der heißesten Zeit auf, dass ich nicht anfange, nur noch den Events hinterherzuhetzen. Ich kann auch den Fuß vom Gas nehmen und die Dinge für mich sortieren. Sonst kann einen der Job vielleicht auch auffressen.

teleschau: Braucht man für den Beruf ein Abenteurerherz?

Pieper: Ich glaube ja, und ich denke, dass ich das auch habe (lacht). Das erleichtert die Sache, aber man muss aufpassen, das richtige Maß finden.

teleschau: Wie sieht das gemeine Abenteuer eines Korrespondentenlebens denn so aus?

Pieper: Das kann ich Ihnen sagen: Du machst Mittags einen Beitrag über Griechenland und sagst am Telefon, dass du in drei, vier Stunden zu Hause bist - aber dann stehst du am selben Abend plötzlich in Modena vor der Kamera und berichtest live über das Erdbeben in der Emilia Romagna ... Eine gewisse Flexibilität hilft da weiter. Ein bisschen geregelter geht es bei meiner neuen Aufgabe schon zu (lacht).

teleschau: Der Auslandskorrespondentenjob war lange Zeit fast reine Männersache. Auch noch als Sie vor etwa 15 Jahren damit anfingen?

Pieper: Ich erinnere mich schon daran, dass einige Alphatiere im ZDF mit den Augen gerollt haben, nach dem Motto: Was will das Mädchen denn in der Auslandspolitik? Aber das hat sich wirklich komplett geändert. Schnee von gestern.

teleschau: Und wie ging es Ihnen da in Italien?

Pieper: (lacht) Der Umgang mit Frauen ist dort manchmal schon ein anderer als hierzulande. Aber das habe ich eher mit Humor gesehen. Man wird manchmal auch etwas unterschätzt, aber das kann man sich auch zunutze machen.

teleschau: Hat die Zeit in Italien Ihren Blick auf die deutsche Heimat verändert?

Pieper: Oh ja. Ich bin zur Anhängerin der deutschen Bürokratie geworden. Man muss bei uns nicht jemanden kennen, der jemanden kennt, um etwas organisiert zu bekommen. In Italien oder Griechenland braucht man oft ein paar gute Beziehungen, etwas Glück und ein gewisses Gottvertrauen. Wer wie ich viele Jahre in Italien oder Griechenland gelebt und gearbeitet hat, sieht die Effekte mancher deutschen Errungenschaft mit anderen Augen.

teleschau: Im deutschen Fernsehen, bei ARD und ZDF, gehört der Blick in die Welt zum Pflichtprogramm. Der Auslandsberichterstattung wird viel Platz eingeräumt. Ist das in Italien anders?

Pieper: Ja, durchaus. In den Nachrichten und Magazinen liegt der Fokus mehr auf der Innenpolitik. Da sticht im Zweifel jede Berlusconi-Affäre die Krisenberichterstattung aus Griechenland aus. Aber wenn in Italien über das Ausland berichtet wird, dann sind die Beiträge meist sehr gut - da wird sehr professionell gearbeitet.

teleschau: Haben Sie das Gefühl, die Italiener interessieren sich grundsätzlich weniger für Außenpolitik und internationale Belange?

Pieper: Der Blick richtet sich vielleicht ein bisschen mehr nach innen - aber das ist nachvollziehbar, da die Lage vor Ort, die eigene Lebenssituation, oft nicht rosig ist. Ich wurde aber in Rom sehr oft auf deutsche Fragen angesprochen. Der Unterschied ist, dass in Italien mehr personalisiert wird - die wollten vor allem wissen, wie das bei uns mit Frau Merkel so ist ...

teleschau: In den vergangenen 10, 15 Jahren haben sich praktisch alle journalistischen Berufsbilder drastisch verändert. Wie geht es den Auslandskorrespondenten?

Pieper: Was sich in der täglichen Arbeit massiv verändert hat, ist die Schlagzahl. Wir müssen praktisch stündlich liefern - bei gewissen Ereignissen noch häufiger. Dazu kommt, dass gerade in unserem Metier die Social-Media-Kanäle extrem beschleunigend sind. Man hat ständig das Gefühl, man wird von links und von rechts von einer permanenten Aktualität überholt.

teleschau: Fühlen Sie sich als TV-Journalistin gerade bei aktuellen Großereignissen getrieben, und ist das nicht gefährlich mit Blick auf die journalistische Sorgfalt?

Pieper: Kann man schon so sagen. Der Druck ist nicht wegzudiskutieren - nehmen sie den Germanwings-Absturz in Frankreich: Plötzlich ein Name, dann schon ein Bild, noch eine Info, die ersten Gerüchte über eine Krankheit, wieder ein Bild ... Das alles über Stunden und Tage in einer Frequenz von Minuten, manchmal nur Sekunden über Twitter und Facebook. Meine Devise ist: Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit. Man muss dran bleiben, zuhören, lesen, hinsehen - aber man darf nicht allem hinterherhetzen. Man muss ein Stück weit auf Stur schalten, um fokussiert und konzentriert bleiben zu können.

teleschau: Das verändert zwangsläufig Art und Qualität der TV-Berichterstattung ...

Pieper: Ja. Es passieren, auch das sage ich ganz offen, mehr Fehler. Hatte man früher noch sagen können, das versendet sich, so wirst du heute unter Umständen schnell mal an die Wand genagelt. Fakt ist, dass für die ganz große Recherche nur noch selten Zeit ist. In den 90er-Jahren war es schon noch so, dass man sich mal für zwei Wochen ausklinkte, irgendwo hinflog, um mit einem tollen Bericht zurückzukommen. Diese Zeiten sind vorbei, aber wir haben immer noch so schöne Sendungen wie das "auslandsjournal", die mit längeren Geschichten die nötigen Hintergründe liefern können. Wichtiger denn je - und das sage ich jetzt nicht, weil ich das Ganze mitverantworte.

teleschau: Zeitungen klagen, dass sich immer weniger junge Menschen für die politische Berichterstattung interessieren. Sehen Sie fürs Fernsehen die gleiche Entwicklung?

Pieper: Tja, es ist die große Frage: Erreichen wir mit dem, was wir machen, noch die Jugend? Ob Zeitung oder Fernsehen: Wenn man gute Geschichten hat, ist das immer von Interesse. Daran glaube ich fest. Und das sieht man durchaus an den Quoten. Wir lassen uns beim ZDF auch einiges einfallen, das für jüngere Zuschauer attraktiv ist - von "auslandsjournal spezial" bis zur neuen "heute+"-Nachrichtensendung. Außerdem haben wir das Reportageformat "außendienst" mit unseren Selbstversuchs-Reisen etabliert ...

teleschau: Eine Sendung, die nicht jedem gefällt.

Pieper: Ja, ich weiß, dass das Format polarisiert, aber das ist zwangsläufig der Fall, wenn man sich zum Beispiel mit der Rolle des Penis in aller Herren Länder befasst - aber es ist ein Versuch, und da muss man Kritik aushalten können. Man kann es nicht immer jedem recht machen. In Umfragen kommen die Sendungen bei jungen Leuten sehr gut an.

teleschau: Sie haben in jungen Jahren Kinder- und Jugendfernsehen gemacht. Wie würde Ihr zehnjähriger Sohn Ihre "logo"-Sendungen von damals finden?

Pieper: Lustig ist, dass er tatsächlich ein treuer "logo"-Seher ist. Aber ich bin sicher, die Sendungen von damals würden ihn irritieren - die Optik, die Sprache, das war komplett anders. Und wenn er dann noch plötzlich die Mama sehen würde ... (lacht)

teleschau: Es gibt Stimmen, die sagen, diese Generation sei fürs Fernsehen schon verloren ...

Pieper: Ich glaube das nicht. Erstens wird auch das Fernsehen immer stärker ins Netz drängen und flexibler und schneller werden, und zweitens hat es mit seiner linearen Struktur in diesen Zeiten und auch künftig seine Vorteile. Wenn sich schon der berufliche Alltag überwiegend im Netz abspielt, wenn alles nur noch viral ist, dann will man zu Hause vielleicht auch mal etwas Verlässliches, ein ruhigeres Medium. Aber klar ist das für uns eine Riesenherausforderung: Wir dürfen die Jugend nicht verlieren. Das wäre in der gesellschaftlichen Auswirkung verheerend.

Quelle: teleschau - der mediendienst