Simon Böer

Simon Böer





Erwartungsfroh mit 40

Man könnte ihn in Sachen Erfolg fast als Spätzünder bezeichnen. Mit Mitte 30 fing Simon Böer bei der ZDF-Telenovela "Hanna - Folge deinem Herzen" an. Nun ist er 40 Jahre alt und hat sich in der ZDF-Serie "Herzenbrecher - Vater von vier Söhnen" als Vorabend-Hauptdarsteller etabliert. Die Pfarrer- und Familienserie geht im Herbst in ihre dritte Staffel, momentan wird im Rheinland gedreht. Wie praktisch, dass der gebürtige Bonner, der die letzten 20 Jahre in Berlin lebte, auch seine Familie in die alten und neue Heimat holen konnte - wo neben "Herzensbrecher" nun auch eine weitere Serie mit Simon Böer angesiedelt ist. In "Die Kuhflüsterin" (ab 03.07., freitags, 18.50 Uhr, ARD) spielt der Frauenschwarm an der Seite Cordula Stratmanns in einer auf Dialogwitz setzenden Dorfsatire. Mit 40 - einem Alter, da andere Schauspieler schon die Midlife Crisis ereilt - strahlt Simon Böer eine geerdete Aufbruchsstimmung aus. Ein Interview über Landleben, Lebensentwürfe und Longboards zu harter Gitarrenmusik.

teleschau: "Die Kuhflüsterin" ist eine Serie, die den Mikrokosmos Dorf aufs Korn nimmt. Wie seltsam finden Sie als Städter das Landleben?

Simon Böer: "Die Kuhflüsterin" feiert das Dorfleben eher, als dass sie es aufs Korn nehmen würde. Ich finde Dorfleben per se spannend, weil alles Menschliche in einem solch kleinen Kosmos passiert. Außerdem scheint die Serie ansteckend zu sein! Auch ich bin Anfang April nach 20 Jahren Berlin aufs Land gezogen.

teleschau: Wohin denn?

Böer: Zurück in die alte Heimat. Wir wohnen jetzt in der Nähe von Bonn im Grünen. Meine beiden Serien, "Herzensbrecher" und "Die Kuhflüsterin", spielen ja beide in der Region. Ich musste in den letzten Jahren ständig pendeln, um meine Frau und Kinder zu sehen. Meistens war ich nur am Wochenende da und dann so platt, dass mit mir manchmal nicht allzu viel anzufangen war. So ging es jedenfalls nicht weiter. Der Umzug war eine Familienentscheidung. Sie hatte sicher nichts mit "Method Acting" zu tun, weil ich meine Rollen richtig spüren wollte (lacht).

teleschau: Und - macht das Landleben Spaß?

Böer: Es fühlt sich gut und richtig an. Ich glaube, ich habe schon lange nach einer gewissen Entschleunigung gesucht. Vor 20 Jahren bin ich in Berlin gelandet, weil ich in Potsdam an der HFF meine Schauspielausbildung gemacht habe. Danach blieb ich dort hängen. Berlin ist natürlich auch eine wahnsinnig spannende, pulsierende Stadt. Ich habe das lange genossen. Mittlerweile fühlt es sich auch sehr gut, in mein Dörfchen zu kommen. Ich habe da allerdings auch keine nervige, neugierige Nachbarin wie "Kuhflüsterin" Belinda Mommsen (lacht).

teleschau: Für Sie ist die Rückkehr in die Gegend von Bonn nicht nur ein Umzug aufs Land, sondern auch eine in die alte Heimat. Wie ist das für Sie mit dem Nachhausekommen?

Böer: Fühlt sich gut und richtig an. Viele Erinnerungen kommen hoch. Schöne Erinnerungen. Ich habe in Bonn und Umgebung auch noch immer Freunde und Bekannte. Die meisten sind Schulfreunde, die mit der Schauspielerei nichts zu tun haben.

teleschau: Sind Sie ein treuer Mensch?

Böer: Ja, ich würde mich als jemanden bezeichnen, auf den man sich verlassen kann. Meine Familie und meine Freunde wissen, dass ich da bin, wenn sie mich brauchen.

teleschau: Brauchen Sie nach der Arbeit eher Trubel oder die Ruhe?

Böer: Ich lasse es hin und wieder schon gerne krachen, bin nicht unkommunikativ oder so. Aber wenn man, wie ich, durch den Job tagtäglich mit vielen Menschen zu tun hat, genießt man sicherlich gerne die Ruhe. Ich kann sehr gut mit mir alleine sein, und ich glaube, das ist gesund. Meine Familie lässt mir da auch Freiräume, weil sie weiß, wie wichtig das für mich ist, so aufzutanken. Wobei es ja jetzt auf dem Land schon genügt, einfach mal in den Wald zu gehen - für mich ein wahrer Kraftpol.

teleschau: Mit oder ohne Hund?

Böer: Noch ohne Hund, auch wenn sich meine Frau dringend einen wünscht. Ich eigentlich auch. Unsere Familie ist wie ein Rudel, da würde ein Hund reinpassen. Auf der anderen Seite bindet ein Hund auch sehr, was ein Problem sein kann, wenn man viel unterwegs ist. Aber natürlich trifft man im Leben nicht ausschließlich Vernunftsentscheidungen. Wenn ich einen Welpen sehe, ist es um mich geschehen.

teleschau: Sind Sie gerne sportlich unterwegs?

Böer: Gerade fahre ich viel Longboard. Ich habe das Tanzen auf dem Brett für mich entdeckt. Ich bin zwar früher ein bisschen Skateboard gefahren, würde mich aber nicht als Skater bezeichnen, da ich diese ganzen Tricks nicht drauf hatte. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind für mich jedenfalls nicht ausschließlich Bühnendielen. Ich liebe das Wellenreiten, fahre Wakeboard, Snowboard und Longboard. Letzteres gerne mit Gitarrenmusik der härteren Art auf meinen Ohren.

teleschau: Wie halten Sie sich sonst fit? Ihre Frau ist Yoga-Lehrerin ...

Böer: Das stimmt. Und leider nehme ich Ihre Expertise auf diesem Gebiet viel zu selten in Anspruch. Manchmal mache ich aber schon Yoga. Da muss ich sagen: Das erdet einen total, ich kann es nur empfehlen.

teleschau: Schleichen Sie sich manchmal in die Yogakurse Ihrer Frau?

Böer: Sie werden lachen, auch das habe ich schon mal gemacht. Aber halt leider viel zu unregelmäßig, um mich als Yogi bezeichnen zu können. Durch die Dreharbeiten nehme ich mir leider gerade nicht die Zeit. Und wenn man länger nichts getan hat, ist es zum Einstieg bei mir dann doch meistens wieder die Mucki-Bude.

teleschau: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Schauspielkarriere? Gegenwärtig sieht man Sie in zwei Vorabendserien. Erfüllt Sie Ihr Job?

Böer: Es liegt immer an einem selbst, wie viel man aus Rollen, die Sie gerade angesprochen haben, herausholt. Aber, na klar: Ich bin runter von der Schauspielschule, habe am Deutschen Theater bei Einar Schleef gespielt. Dann folgte mein Leinwand-Debüt in dem Kammerspiel "Devot", und es war direkt eine Hauptrolle. Damals dachte ich, es geht so weiter: Kino, Kino, Kino. Aber es ging nicht so weiter. Oskar Roehler holte mich zwar immer mal wieder auf die Leinwand, aber erst mal habe ich viele Jahre vor allem Episodenrollen im TV gespielt. Natürlich gibt es den ständigen Traum von einer tollen Rolle, die mich erfüllt und vor allem herausfordert - mich an meine Grenzen bringt! Aber dieser Beruf kann nicht immer Erfüllung bringen. Manchmal ist es schon super, wenn er die Miete bezahlt (lacht). Was soll denn die Ilse vom Sparmarkt erzählen? Das sind Luxusprobleme. Ich darf mit diesem Beruf, also spielend, meine Familie ernähren. Dafür bin ich sehr dankbar!

teleschau: Sie sind jetzt 40 Jahre alt. Wie ist Ihr Lebensgefühl in Bezug auf den Beruf? Fühlen Sie sich eher wie ein "kommender" oder wie ein etablierter Schauspieler?

Böer: Natürlich bin ich mittlerweile in der Branche etabliert. Aber alles ist ständig im Prozess und will neu entdeckt werden. Das ist das Schöne an diesem Beruf. Ich bin jetzt 40 und habe das Gefühl, dass da noch ganz viel auf mich wartet.

teleschau: Sie haben 2009 an der Seite von Luise Bähr in der Telenovela "Hanna - Folge deinem Herzen" gespielt. Aus heutiger Sicht ein Fehler?

Böer: Nein. Die Rolle hat mir ja auch Türen geöffnet. Ich ging damals zum Casting, weil meine Bank mir die Pistole auf die Brust gesetzt hatte. Vorher hätte ich immer Stein und Bein geschworen, nie eine Daily zu drehen. Ich hatte also auch Vorurteile. Es sah aber gerade finanziell nicht so rosig aus und ich hatte ja bereits Familie, also Verantwortung. Das Casting hat mich dann sehr positiv überrascht. Luise Bähr, meine Partnerin, hat mich schauspielerisch beeindruckt. Und ich wusste, dass wir mit diesem Projekt was reißen können. Diese zehn Monate waren eine gute Schule - um nicht zu sagen ein Bootcamp de luxe. Ich habe davon profitiert.

teleschau: Ist es schwer, aus der Vorabendecke herauszukommen?

Böer: Für mich nicht. Ich sehe mich auch nicht in dieser Ecke. Auch, wenn ich da gerade wieder drehe. Wobei es sicherlich schlimmer ist, in der Nacht gesendet zu werden als am Vorabend (lacht). Ich habe gerade einen Film in Südafrika gedreht und fühle mich wahrgenommen und gut im Geschäft, ganz gleich, über welche Sendezeiten wir hier sprechen. Natürlich gibt es in der Branche Vorurteile und Vorbehalte: vom Film gegenüber Fernsehschaffenden und umgekehrt, vom Primetimer gegenüber dem Vorabend und so weiter. Ich finde das totalen Quatsch. Ich glaube an Kreative, die das Potenzial eines Schauspielers sehen. Überzeugen kann man nur mit dauerhaft guten Leistungen in den Rollen, mit denen man in Erscheinung tritt. Egal wann die gesendet werden.

teleschau: Arbeitet das Alter mit 40 noch für Sie?

Böer: Momentan schon (lacht). Ich habe das Glück, ein Mann zu sein. Weibliche Schauspielerinnen meines Alters haben es da gemeinerweise schwerer. Wenn du es da mit 40 noch nicht geschafft hast, Fuß zu fassen, wird es ganz schwer, mit diesem Job zu überleben. Für mich hingegen geht es gerade los.

teleschau: Ist es manchmal von Nachteil, wenn man gut aussieht?

Böer: Da hat sich, glaube ich, viel verändert. Dieses Klischee bestand leider noch, als ich jung und knackig war. Vor 20 Jahren, als ich anfing, brauchte man schon besser mal einen Knick im Gesicht, um eine anspruchsvolle oder schräge Rolle zu bekommen. Mittlerweile kenne ich ein paar Newcomer, sehr schmucke Jungs, deren gutes Aussehen offensichtlich nicht von deren Fähigkeiten ablenkt - und die hier zu Lande abräumen. In dieser Hinsicht ist man in Deutschland schon auch mehr auf die amerikanische Linie umgeschwenkt. Da haben sich "good looking" und "good acting" ja noch nie ausgeschlossen.

Quelle: teleschau - der mediendienst