James Last

James Last





Ein Weltstar mit hanseatischer Bescheidenheit

Er sammelte Goldene Schallplatten wie kaum ein anderer, lieferte vor allem in den 70er-Jahren mit seiner Big-Band-Musik den Soundtrack zum Lebensstil einer neuen westdeutschen Mittelschicht, ließ Millionen vor ihren neuen Furnier-Schrankwänden von der "Biscaya" träumen, als die Flugreise noch keine Selbstverständlichkeit war, und absolvierte noch zu vor wenigen Monaten im hohen Alter und trotz schwerer Krankheit eine letzte Tournee: Der Musiker James Last war schon zu Lebzeiten eine Legende, am Dienstag ist er im Alter von 86 Jahren in seiner Wahlheimat Florida verstorben. Auf der Homepage seiner Konzertagentur Semmel stand: "Mit großer Trauer und Betroffenheit müssen wir mitteilen, dass James Last im Alter von 86 Jahren am gestrigen 9. Juni nach kurzer schwerer Krankheit im Beisein seiner Familie in Florida verstarb. Der herausragende und bedeutende Künstler hat für die Musik gelebt und Musikgeschichte geschrieben. James Last war der erfolgreichste deutsche Bandleader aller Zeiten."

Warum soll aus einem Militärmusiker eigentlich kein Weltstar werden? Die Geschichte von James Last ist geradezu symbolhaft für die Zeit der 60er- und 70er-Jahre. Wer nur leidenschaftlich und gewissenhaft genug bei der Sache ist und sich nicht beirren lässt, der kann was erreichen im Leben - ein klassisches BRD-Häuslebauer-Credo, das auch den fleißigen und ehrgeizigen jungen Mann, der später einer der berühmtesten Bandleader aller Zeiten werden sollte, antrieb. "Man kann es sowieso nicht allen Leuten Recht machen. Das wusste ich immer, also habe ich mich auch nie darum geschert, wenn an meiner Musik genörgelt wurde", hat James Last einmal gesagt. "Hauptsache, mir hat sie Spaß gemacht. Und natürlich meinen Fans."

Spät Geborenen ist es vermutlich gar nicht so einfach zu vermitteln, was für eine Art Musiker dieser James Last genau war. Als Bandleader, Komponist, Arrangeur und Musikproduzent wird der gebürtige Bremer facettenreich ausgewiesen, der für den Pop der 60-er in etwa den gleichen Stellenwert hat wie Oswalt Kolle für die Sexualaufklärung: Für die Jugendkultur war er eher irrelevant. Doch die bürgerliche Nachkriegsgeneration empfing mit Lasts fidelem "Happy Sound" den Geist der neuen Zeit mundgerecht im Partykeller. Weit über 80 Millionen Platten verkaufte der erfolgreichste Bandleader aller Zeiten.

Die Karriere des am 17. April 1929 in Bremen geboren Sohns eines leidenschaftlichen Hobbymusikers begann 1943 in der Heeresmusikschule Bückeburg. Noch unter seinem bürgerlichen Namen Hans Last gründete der versierte Kontrabassist drei Jahre nach Kriegsende sein erstes Ensemble und heimste in der Folge einige Jazzpreise ein. 1956 arbeitete er erstmals für den Rundfunk mit einigen Stars zusammen, darunter Freddy Quinn und Caterina Valente. Doch erst 1964 begann die eigentliche Karriere James Lasts, als er bei Polydor einen Plattenvertrag unterschrieb.

Vor allem die Plattenfirma dürfte sich das Datum der Vertragsunterzeichnung mehrfach rot umrandet haben. Auf das 65er-LP-Debüt "Non Stop Dancing" ließ der Fleißarbeiter bis zu zwölf Albumveröffentlichungen pro Jahr folgen. In seiner erfolgreichsten Phase sorgte der Hitlieferant so im Alleingang für rund 30 Prozent des Gesamtumsatzes von Polydor Deutschland. Das Label hatte genau genommen auch nicht nur einen James Last unter Vertrag: Neben dem einschlägigen "Party-Last" gab es bald den "volkstümlichen Last", den "eleganten Last" und den "internationalen Last". Quasi auf Bestellung überführte der routinierte Arrangeur jedes gewünschte Genre ins Easy-Listening-Ambiente seines 40-köpfigen Orchesters und fand damit nicht nur im Inland Gehör. 1967 rangierte Last gleich mit vier LPs zeitgleich auf den Spitzenpositionen der UK-Charts. Das hatten nicht mal die Beatles geschafft.

Auch im Ausland war James Last erfolgreich. Neben erfolgreichen US-Tourneen ist das Album "They Call Me Hansi" von 2004 ein guter Beleg. Zu seinem 75. Geburtstag arbeitete der "Partykönig" der 60-er und 70-er hier mit angesagten deutschen Dauerkollaborateuren wie Herbert Grönemeyer, Xavier Naidoo, Jan Delay und Till Brönner zusammen. Aber eben auch mit internationalen Stars wie Tom Jones und dem Ausnahmerapper RZA (Wu-Tang Clan).

Auf dem Privatkonto schlug der reißende Erfolg seiner Platten und Tourneen um die ganze Welt kaum angemessen zu Buche. Der uneitle, allürenfreie, aber eben auch etwas leichtgläubige Superstar ließ sich von Anlagenbetrügern über den Tisch ziehen, musste unverhofft Steuern nachzahlen und war erst kurz vor seinem 70. Geburtstag wieder schuldenfrei.

Aber die Sorgen blieben. Seine Frau Waltraud war nach rund 42 gemeinsamen Ehejahren gerade erst verstorben. Doch schon 1999 heiratete Last erneut. Mit seiner zweiten Frau Christine, passenderweise eine 30 Jahre jüngere Vermögensberaterin, lebte er in den vergangenen Jahren in Florida. Warum? "Das hat sich einfach so ergeben. In meinem Leben hat sich sowieso vieles einfach so ergeben", lautete die Antwort - typisch für den Mann, der in Gesprächen selten großes Aufhebens um sein Privatleben und seine Person machte, aber Nachfragen eben auch nie auswich, sondern stets offen antwortete: "Meine erste Frau hatte damals einen Autounfall und erlitt dabei schwere Verbrennungen. Und da dachte ich, lass uns mal ein Schiff kaufen! Und das Schiff lag damals in Fort Lauderdale in Florida - und dann sind wir eben dort hängengeblieben."

Seine Frau Christine begleitete Last stets auf seinen Tourneen. Schließlich waren die Auftritte und das Tourleben das Elixier, aus dem er auch im Alter seine Kraft zog. "Andere gehen auf Kur, ich gehe auf Tour", sagte er einmal. "Wir haben jeden Abend Party. Wenn wir vom Konzert ins Hotel kommen, haben wir ein kaltes Buffet, und jeder kann trinken, was er möchte. Das ist sowieso immer so. Wenn man mit Musikern zusammen unterwegs ist, dann gibt's selten ein Ende. Wenn dann noch verschiedene Arten von Musikern zusammenkommen, Streicher aus dem Sinfonieorchester, die Rocker und Jazzer, gibt's immer was zu reden. Und das ist auch immer interessant. Einige holen dann nachts auch noch die Instrumente raus und fangen an, an der Bar zu spielen." Wobei er professionell genug war, es nie zu übertreiben mit dem Feiern. O-Ton James Last: "Ich habe keinen Kater! Man muss immer wissen, wo seine Grenzen sind!"

50 Jahre lang erfreute er die Musikfans weltweit mit dem "Happy Sound", erst in diesem Frühjahr hatte Deutschlands berühmtester Bandleader seine Karriere beendet. "Nach langen Überlegungen hat sich der beliebte und weltberühmte Orchesterleiter dazu entschlossen, dass 'Non Stop Music' definitiv seine Abschiedstournee werden wird", hieß es dazu in einer Meldung des Konzertveranstalters Semmel Concerts: "Durch seine schwere Krankheit, die im vergangen September lebensbedrohlich war, musste er erkennen, dass auch er, der immer voller Pläne ist, an dieser Stelle nicht nur kürzer treten, sondern das Tourneeleben gänzlich aufgeben muss."

Der Schlussakkord in der langen, ruhmreichen Karriere des Bundesverdienstkreuzträgers James Last erklang am 26. April in der Kölner Lanxess Arena. "Beim Konzert selbst steht für mich nicht der Abschied im Mittelpunkt", erklärte Last da noch. "Das einzig Wichtige ist, dass meine Fans, meine Freunde und ich, wir alle zusammen, eine gute Zeit und ein tolles Konzert haben werden."

Die Nachricht von seinem Tod löste am Dienstag in der Unterhaltungsbranche allenthalben Bestürzung aus. "James Last hat mit seinem außergewöhnlichen Talent über Jahrzehnte Menschen begeistert. Er war ein herausragender Botschafter unserer Stadt und unseres Senders. Trotz seines weltweiten Erfolgs blieb er immer ein Bremer - hanseatisch bescheiden und bodenständig", würdigte Jan Metzger, Intendant von Radio Bremen, die Verdienste des Ausnahmemusikers aus Bremen. "Die Welt verliert mit ihm einen einzigartigen Botschafter, dessen starke und verbindende Sprache die Musik war", hieß es auf der Homepage von Semmel Concerts. "Wir nehmen Abschied von dem Menschen, Freund und Visionär, der durch seine beeindruckende Kraft und Offenheit, Professionalität, Bescheidenheit und Lebenslust Vorbild sowie Inspiration weltweit für viele Generationen war." Eine öffentliche Trauerfeier in Hamburg sei geplant: "Es ist davon auszugehen, dass die Trauerfeier in den nächsten Wochen stattfindet." Details werden laut Semmel Concerts in Kürze bekanntgegeben.

Quelle: teleschau - der mediendienst