Dior und ich

Dior und ich





Haute Couture im Kino

Als Raf Simons 2012 überraschend zum neuen Chefdesigner beim Pariser Modehaus Dior berufen wurde, war die Aufregung groß. Immerhin sollte der Belgier nach dem traumatischen Rauswurf von John Galliano in gerade einmal zwei Monaten eine neue Haute-Couture-Kollektion entwerfen. Der internationale Modezirkus ist bekanntlich eine Welt für sich, exzentrisch und selbstreferentiell. Aber er ist auch eine großzügige Plattform für große Dramen. Der in Modefilmen erprobte Frédéric Tcheng ("Valentino: The Last Emperor" von 2009) gewährt intime Einblicke in einen komplexen Kosmos voller Genialität und Perfektion, der nicht nur Modeaffine interessieren dürfte.

Keine Frage, es ist eine diffizile Angelegenheit, wenn gerade alles im Umbruch ist. Wenn ein neuer Designer eben erst mit seiner ersten Haute-Couture-Kollektion für eine der größten Luxusmarken der Welt beauftragt wurde. Es steht viel auf dem Spiel: nicht nur Geld, auch der exzellente Ruf des Hauses. Und Raf Simons ist ein ziemlich introvertierter Typ. Einer, der nicht gern im Mittelpunkt und noch weniger gern unter Beobachtung steht.

Und dann ist da ständig dieses Filmteam, das über drei Monate lang dabei ist und dreht. Beim kreativen Entstehungsprozess, bei Auseinandersetzungen, beim Nähen in den Ateliers. Das bekommt sonst ja keiner mit. Nicht die besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Film. Und doch gelingt es Regisseur Frédéric Tcheng, der über Umwege zum Film gekommen ist, immer ganz nah am Geschehen zu sein: als Simons erstmals dem Team im Hause Dior vorgestellt wird, bei seinen ersten Entwürfen bis zur großen Show, bei der Simons mehr als einmal bewegt mit den Tränen kämpft, weil sich endlich die Anspannung der letzten Monate löst.

Die Kamera ist dabei diskret und doch unmittelbar. Was diesen Film ausmacht, ist der intime, private Blick und die dezente Annäherung an einen Menschen, der eigentlich die Kamera scheut. Aber Frédéric Tcheng filmt und beobachtet nicht nur. Er ergänzt seine Aufnahmen mit historischem Material aus einer Dokumentation über Christian Dior aus den 40er-Jahren. Dabei nutzt er dessen Überlegungen als Voice-over und arbeitet mit abstrakten Bildern. Und siehe da, auch der große Meister hatte zu seiner Zeit die gleichen Ängste wie sein Nachfolger.

So ist "Dior und ich" ein gelungenes und bewegendes Stück Zeitgeschichte, das privilegierte Einblicke in eine Welt gewährt, die den meisten von uns fremd sein dürfte. Tchengs Verdienst ist es, mit seinem Film eine Faszination für diese Welt zu entwickeln, eine wachsende Neugier an Raf Simons und Respekt vor der Handwerkskunst im Hause Dior. Chapeau!

Quelle: teleschau - der mediendienst