Pierre Brice

Pierre Brice





Heldenfigur einer ganzen Generation

Es ist eine beinahe symbiotische Verbindung: Pierre Brice war Winnetou, und Winnetou war Pierre Brice. Am Samstag ist der Mann gestorben, der den Apachenhäuptling in den unerhört erfolgreichen Kinoverfilmungen der 60er-Jahre auf unvergessliche Weise verkörperte. Der Franzose erlag nach Angaben seines Managements und seines Anwalts in einer Klinik nahe Paris den Folgen einer Lungenentzündung. Er wurde 86 Jahre alt.

"Wir sind unendlich traurig über den Tod von Pierre Brice. Wir erinnern uns an ihn als einen ganz außergewöhnlichen und besonderen Menschen, den wir für immer in Gedenken halten werden. Unsere Gedanken sind in aller erster Linie bei seiner Familie, denen unser ganzes Mitgefühl gilt", ließen Samstagmittag auch die Betreiber der offiziellen Facebook-Fanseite "Winnetou Pierre Brice" wissen. Sie schicken eine Anekdote hinterher, die vielleicht schon alles über den Charakter des in attraktiver Würde ergrauten Schauspielers sagt. "Pierre Brice einst auf die Frage eines Reporters, ob es etwas gäbe, dass er rückblickend auf sein Leben gerne anders gemacht hätte. Seine Antwort kam singend und lachend: 'Non, rien de rien, non, je ne regrette rien - ich bereue nichts, wie Edith Piaf."

Ob die Verantwortlichen damals geahnt hatten, welche historische Erfolgsgeschichte sie schreiben würden? - Der Neue Deutsche Film war mit dem Oberhausener Manifest 1962 gerade geboren. Doch Opas Kino verbreitete sich noch ein letztes Mal. Der Produzent der Zeit hieß Horst Wendlandt, und Pierre Brice wurde als sein "Winnetou" zum Star. Mit dem berühmten Zwei-Finger-Friedensgruß grüßte er von der Leinwand herab. Dabei hatte Brice zunächst gar keine Lust, die Rolle der Karl-May-Rothaut zu spielen. Erst die Aussicht auf den verehrten Tarzan-Darsteller Lex Barker als Partner Old Shatterhand lockte ihn. Der am 6. Februar 1929 in Brest geborene Baron Pierre Luis Le Bris war damals 33 Jahre alt.

Aus dem Bündnis des Schauspielers mit seinem Produzenten wurde ein phänomenaler Erfolg. Meist zehn Millionen Zuschauer sahen die noch heute gerne im TV wiederholten Karl-May-Filme im Kino, Brice wurde vor allem von der jüngeren Generation gefeiert. Der Schauspieler bekam nicht weniger als fünf Bambis und zwölf "Bravo"-Ottos, er wurde von der Jugendzeitschrift 56-mal auf den Titel gesetzt.

Das Aussehen des schönen Franzosen, der in Frankreich unter der Doppelgängerschaft mit dem knapp sieben Jahre jüngeren "eiskalten Engel" Alain Delon zu leiden hatte und daher kaum größere Rollen bekam, war es nicht allein, womit er sich in die Herzen der Zuschauer stahl. Er verwandelte sich die Rolle des edlen Indianerhäuptlings bis in die tiefste Seele an. Er wollte auf der Leinwand ein Vorbild sein. "Für mich gelten nur noch Ideale wie Treue, Ehre und Tapferkeit. Ich habe in meinem Leben noch nie etwas Böses getan", so sprach er gern.

Winnetou als Friedensfürst - davon träumte der ehemalige Indochinakämpfer und spätere UNICEF-Botschafter noch, als er nach dem Jugoslawienkrieg zum Schauplatz der Filme fuhr, um dort beim Aufräumen zu helfen. "Ich habe Winnetou eine Seele gegeben", schrieb er in seiner Biografie "Winnetou und ich". Selbst ein kroatischer Karst als Ersatz-Arizona, eine deutsche Synchronstimme und einheimische Rothäute änderten nichts an seiner seltsamen Glaubwürdigkeit. Von deutschen Westmännern wie Götz George oder Ralf Wolter ganz zu schweigen.

Schon vor Zeiten ließ Brice wissen, er habe zu viele "Winnetou"-Filme gedreht, nach "Winnetou III" hätte er 1965 besser aufgehört. Das war allerdings bereits der achte Film der Reihe. Winnetou war auf der Leinwand längst den Indianertod gestorben (Brice: "Meine Lieblingsszene!"), als sich Wendlandt dazu überreden ließ, den Häuptling noch mal zum Leben zu erwecken. Spätere Versuche, sich durch weitere Rollen von Winnetou zu entfernen, glückten nicht. So blieb er auch noch bei den Karl-May-Festspielen in Elspe und Bad Segeberg Winnetou.

Schade, dass Brice für gut gemeinte Veralberungen wie Bully Herbigs "Der Schuh des Manitu" so gar nicht zugänglich blieb. Doch ob er ohne "Winnetou" in Deutschland jemals so berühmt geworden wäre, lässt sich bezweifeln. Er selbst ist davon überzeugt. Vor dem Indianerhäuptling spielte er in Frankreich kleinere Rollen (sogar neben Belmondo bei Marcel Carné) und mehrere Kostümrollen in Italien und Spanien. Doch in Frankreich blieb er weitgehend unbekannt. "Le célèbre inconnu" ("Der unbekannte Berühmte") nannte man ihn.

Privat war der auch mit Mitte 80 noch immer gut aussehende Franzose ein rechter Hans im Glück. Mit 58 heiratete er seine deutsche Bewundererin Hella Krekel aus Schwandorf, die er auf dem Münchner Filmball kennenlernte. Die Arzttochter mochte "die Wärme seiner Augen und seine große Herzensgüte". Die Ehe hatte Bestand. Der Heimat seiner Frau, Bayern, gehörte schon immer Pierres ganze Liebe.

Brice hatte längst seinen Frieden gemacht mit der Tatsache, dass er dem gewaltigen Schatten des Indianer-Häuptlings sein Leben lang nicht mehr entkommen würde. Wenn er die legendäre Filmfigur denn auch nicht gänzlich zu seiner eigenen Marke gemacht hat, so hat er sich doch, so betonte Brice gerne, dessen Werte auf die Agenda geschrieben: Er vertrat auch privat die Ideale des großen Apachen und stehe für Werte wie Freiheit, Menschenwürde und Toleranz.

Es war nur naheliegend, dass der 86-Jährige im Frühjahr nach seiner Meinung gefragt wurde, als das Gerücht die Runde machte, dass RTL offenbar gewillt ist, den in den 60-ern erfolgreich verfilmten Karl-May-Stoff neu zu adaptieren. "Tatort"-Star Wotan Wilke Möhring, der angeblich die Figur des Old Shatterhand spielen soll, kenne er zwar nicht, sagte Brice damals der "Bild"-Zeitung. Jedoch lobte er das Anliegen der Macher, dem Wild-West-Stoff mit dem gebotenen Respekt zu begegnen: "Ich hoffe, dass die Filme getragen werden von dem Geist Karl Mays", erklärte der Franzose. "Eine Parodie wäre für mich das Fatalste, was man seinen Büchern und den Filmen der 60er-Jahre antun könnte. Deswegen freue ich mich, dass die Produzenten von einer Persiflage Abstand nehmen möchten."

Neben Wotan Wilke Möhring sollen nach "Bild"-Informationen auch Fahri Yardim, Milan Peschel und Jürgen Vogel zur Besetzung der "Winnetou"-Neuauflage zählen. Gedreht werden sollen insgesamt drei 90-Minüter noch diesen Sommer in Kroatien. Die Ausstrahlung plane RTL für Weihnachten 2016. Lediglich der Part des Apachenhäuptlings selbst sei noch vakant. Noch immer werde mit Hochdruck nach einem geeigneten Kandidaten gefahndet, auch in den USA.

Quelle: teleschau - der mediendienst