Muse

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"Was zur Hölle machen wir da?"

Als Matthew Bellamy, Chris Wolstenholme und Dominic Howard 1994 im beschaulichen, südwest-englischen Teignmouth anfingen, gemeinsam Musik zu machen, konnten sie kaum ahnen, welch enormen Erfolg ihre Band einmal haben würde: Mit mehr als 17 Millionen Alben sind Muse heute eine der erfolgreichsten britischen Rockbands. Nun erscheint ihr siebtes Album "Drones". Von den Dubstep-Experimenten, die ihr letztes Werk "The 2nd Law" (2012) prägten, verabschiedeten sich die Briten. Stattdessen kehren sie zu ihren Rock-Wurzeln zurück. Das war ihrer Meinung nach auch deshalb angebracht, weil "Drones" ein hochpolitisches Konzeptalbum ist. Bassist Chris Wolstenholme und Schlagzeuger Dominic Howard erklären im Interview, wie es dazu kam und warum ihnen unsere Welt manchmal Bauchschmerzen bereitet.

teleschau: Dominic, Chris, das neue Muse-Album "Drones" ist ein hochpolitisches Konzeptalbum. Ist das Ihr Aufruf zur Revolution?

Dominic Howard: (Lacht) So könnte man das sagen!

Chris Wolstenholme: Wobei das Ende des Albums offen ist. Man weiß nicht, ob der Kampf, der ausgetragen wird, gewonnen oder verloren wird. Das Album beginnt sehr negativ: Im Mittelpunkt steht eine Person, die sämtliche Hoffnung aufgegeben hat und sich verloren fühlt. Dunkle Mächte ergreifen Besitz von ihr, doch am Ende des Albums lehnt sich die Person auf und versucht, sich zu befreien.

Howard: Im Grunde geht es darum, seine eigene Stimme zu finden; für das einzustehen, an das man glaubt - und sich nicht von irgendjemandem um den Finger wickeln und kontrollieren zu lassen.

teleschau: Musikalisch untermalten Sie das Ganze mit lauten Gitarren. Warum besannen Sie sich nach den Dubstep-Experimenten des Vorgängers wieder auf ihre Rockmusik-Wurzeln?

Wolstenholme: Unser letztes Album "The 2nd Law" enthielt so viele unterschiedliche Einflüsse und Richtungen, bei einigen Songs übernahmen die elektronischen Elemente sogar Überhand. Um noch einen Schritt weiter zu gehen, hätten wir das Drei-Mann-Konzept der Band komplett opfern müssen, und das wollten wir einfach nicht. Es schien also logisch, wieder zu unseren Wurzeln zurückzukehren. Zumal "Drones" so düster geworden ist, voller Wut. Ich finde Wut lässt sich musikalisch immer noch am besten mit Gitarre, Bass und Schlagzeug ausdrücken.

teleschau: Zwischen den Songs stehen kurze Interludes: Der Dialog zwischen einem Drill Sergeant und einem Soldaten, der dem Stück "Psycho" vorangeht, und "JFK", ein Auszug aus einer Rede des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy.

Dominic Howard: Die Rede von John F. Kennedy stammt aus der Zeit des Kalten Krieges. Sie handelt von der Pressefreiheit. Was er sagte, ist heute noch relevant und es passte perfekt zu dem Song, der folgt.

Wolstenholme: Wenn man singt, können Texte oft missverstanden werden. Das ist generell auch okay. Aber bei diesem Album war es uns wichtig, die Botschaft durch die beiden Dialoge zu verstärken und das Konzept hinter dem Album dadurch noch zu verdeutlichen. Wenn man den Drill Sergeant und den Soldaten hört, kann man nichts mehr falsch verstehen.

teleschau: Wie kam es überhaupt zu der Idee für dieses Konzeptalbum?

Wolstenholme: Die Idee, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen, trug unser Sänger Matt schon eine Weile mit sich herum. Zumal ähnliche Themen auf unseren früheren Alben bereits im Ansatz auftauchen. Unsere ersten beiden Platten waren noch aus einer persönlicheren Perspektive geschrieben, aber ab "Absolution" (2003) spielten globale und politische Zusammenhänge in Matts Texten eine immer größere Rolle. Er gehört zu den Menschen, die die Dinge nicht einfach so hinnehmen. Er denkt gerne etwas tiefer und liest auch unheimlich viel.

teleschau: Und im Tourbus oder im Flugzeug diskutieren Sie dann?

Wolstenholme: Politik ist schon ein Thema, über das wir oft reden.

Howard: Aber es ist nicht so, dass wir ständig da sitzen und knallhart diskutieren. Wir sind ganz normale Typen, die auch mal Quatsch reden.

teleschau: Ist Rockmusik das richtige Vehikel für ernste Themen?

Wolstenholme: Ich kann mir schon vorstellen, dass es manchen Leuten auf diesem Album zu viel ist. Man kann unsere Musik allerdings auch genießen, ohne sich über die politische Lage der Welt den Kopf zu zerbrechen. Das ist völlig okay. Aber noch besser ist es natürlich, wenn die Leute Lust haben, sich mit dem Konzept des Albums auseinanderzusetzen, und mit uns diese Reise antreten.

teleschau: Der Protagonist des Albums hat die Hoffnung aufgegeben. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Howard: Es gibt immer Hoffnung!

Wolstenholme: Ich verliere die Hoffnung schon teilweise - und dann frage ich mich, ob das vielleicht einfach die Entwicklung der Zeit ist. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich denke: "Ist halt so". Und in anderen Momenten frage ich mich, was zur Hölle wir da machen. Die Welt scheint von Tag zu Tag extremer zu werden. Oder war es schon immer so, und es wird uns nur heute bewusster gemacht?

teleschau: Sie meinen durch die Nachrichten und die ständige Berichterstattung?

Wolstenholme: Genau. Es macht mich traurig, die Nachrichten anzuschauen. Wir sehen all diese schockierenden Dinge, aber es ist fast normal geworden. Zum Teil reagieren wir gar nicht mehr darauf, weil wir uns so daran gewöhnt haben. Wir machen einfach weiter und trinken unseren Kaffee. Das macht mir schon Sorgen.

Howard: Ich fühle mich von den Nachrichten oft in die Irre geführt. Man weiß nicht, was wahr ist und was nicht. Ich verbringe viel Zeit in den USA, und die Berichterstattung ist da sehr einseitig.

teleschau: Wenn Sie Premierminister oder Präsident eines Landes wären, was würden Sie in unserer Welt ändern?

Wolstenholme: Oh wow, ich wüsste ehrlich gesagt nicht mal, wo ich anfangen sollte. Unser Album soll die Welt reflektieren, aber das bedeutet nicht, dass wir Antworten auf all die aufgeworfenen Fragen haben. Dafür bin ich nicht annähernd clever genug. Ich hoffe einfach, dass wir einige Leute mit den Songs vielleicht zum Nachdenken anregen, und dass sie das Album als Ganzes anhören. Das macht ja heute kaum noch jemand. Das sehe ich bei meinen Kindern. Die suchen sich einfach Songs zusammen, die sie mögen, und packen Sie in eine Playlist. Das ist schade, denn ich finde, sie verpassen etwas.

teleschau: Chris, Sie haben sechs Kinder. Machen Sie sich manchmal Sorgen um deren Zukunft?

Wolstenholme: Ja, vor allem eine Sache, die auf dem Album durch die Drohnen-Thematik angeschnitten wird, macht mir Sorgen: wie wir uns heutzutage auf Technologien verlassen. Unsere Gesellschaft hat sich sehr verändert, wir führen Beziehungen über das Internet und Telefon. Das menschliche Element ist aus dem sozialen Leben junger Menschen teilweise verschwunden. Es besorgt mich, dass meine Kinder ihr Leben durch Telefone und iPads leben. Es ist schwer, auf diesem Weg echte Empathie zu empfinden.

teleschau: Sind das Werte, die Sie Ihren Kindern mit auf den Weg geben wollen?

Wolstenholme: Absolut. Als ich jung war, ging es darum, das Haus zu verlassen, so oft es ging, sich möglichst weit weg von den Eltern aufzuhalten, und mit seinen Freunden Quatsch zu machen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will meine Kinder nicht dazu ermutigen, Quatsch zu machen. Aber ich halte diesen persönlichen Austausch einfach für sehr wichtig. Neulich waren wir mit der ganzen Familie in meiner alten Heimat Devon und hatten eine Woche kein Internet. Das war großartig. Wir unterhielten uns jeden Abend. Meine Frau, unsere sechs Kinder und ich saßen im Wohnzimmer und haben einfach gequatscht. Das hat viel mehr Spaß gemacht, als auf ein blödes Handy zu starren.

Quelle: teleschau - der mediendienst