Mehmet Kurtulus

Mehmet Kurtulus





"Hollywood kommt zu uns"

Schauspieler Mehmet Kurtulus kam zwar im türkischen Usak zur Welt, wuchs aber ab seinem zweiten Lebensjahr in Deutschland auf. Seinen Durchbruch feierte der 43-Jährige mit den Frühwerken von Fatih Akin, der ihn in etwa in "Kurz und schmerzlos" (1998) und "Im Juli" (2000) besetzte. Einem breiten (Fernseh-)Publikum blieb er als erster deutsch-türkischer "Tatort"-Kommissar Cnek Batu aus Hamburg in Erinnerung. Mit Jalmari Helanders "Big Game" (Start: 18. Juni) betritt Kurtulus an der Seite von Superstar Samuel L. Jackson endgültig auch die internationale Filmbühne.

telschau: Waren Sie anfangs nervös, gemeinsam mit Samuel L. Jackson vor der Kamera zu stehen?

Mehmet Kurtulus: Beim Team-Warm-Up lernte ich den Menschen kennen, Sam Jackson privat. Am Set, in Maske und Kostüm, war er plötzlich Samuel L. Jackson. Das war etwas anderes. Da gab es diesen "Ich-muss-mich-mal-kneifen"-Moment bei der allerersten Probe. Ich dachte: Das ist doch der Typ aus "Pulp Fiction"! Was mache ich eigentlich hier? Der Moment durfte natürlich nicht lange dauern, denn die Szene musste weitergehen. Nach einer Fuß-Massage - wie im Filmklassiker - habe ich ihn allerdings nicht fragen können ...

telschau: Der Titel "Big Game" bezieht sich laut Regisseur Jalmari Helander auf den Jungen, der auf seine erste Jagd gehen muss, um Mut zu beweisen.

Kurtulus: "Big Game" ist im Grunde die Coming-Of-Age-Geschichte von Oskari, dem Jungen, der sich bei einem traditionellen Männlichkeitsritual beweisen muss. Der Titel ist ein Wortspiel und meint eigentlich Großwildjagd oder ein großes Spiel - was hinter den Kulissen in Verbindung mit dem US-Präsidenten und meinem Charakter Hazar gespielt wird.

telschau: Was war Ihr "Big Game" bei diesem Film?

Kurtulus: Mein Großwild, was das Schauspielerische anging, war der britische Akzent. Ansonsten war es für mich ein großes Spaßprojekt. Ich fand die Story toll - eine einzige Nacht in den Bergen. Jalmari Helander, der Regisseur, ist ein toller Kerl. Schon bei unserer ersten Begegnung ging es kreativ zu. Er sagte immer: "Ich will keinen bellenden Araber haben, ich möchte jemanden mit Manieren und Haltung." So kam uns die Idee, meinem Hazar einen englischen Hintergrund zu geben. Das Britische war das Fundament für ihn und hat sehr zur Glaubwürdigkeit beigetragen.

telschau: Wie kam das Gefährliche, das Hazar ausstrahlt, in die Figur?

Kurtulus: Das ist ein Typ, der aus seinem Stuhl aufsteht und mit der Riesenwumme abdrückt, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich musste mir also nicht das Böse erarbeiten. Sein Tun war schon ausreichend, ohne es mit Grimassen unterstützen zu müssen. Als Schauspieler kannst du einem tollen Buch vertrauen - nur wenn die Qualität abnimmt, bist du gezwungen, deine Rolle noch interessanter zu machen und möglicherweise einen draufzusetzen.

teleschau: Gab es Vorbilder?

Kurtulus: Ich denke nicht, dass Christoph Waltz in "Inglourious Basterds" am Bild eines bösen Nazi-Oberst arbeitete, sondern dass er versuchte, einen Menschen zu erzählen. Mein Weg bei Hazar war der, ihm Persönlichkeit zu geben - auch um ihn aus diesem Klischee bellender Araber herauszuholen. Man sollte es mit einer Person zu tun haben anstelle eines Abziehbilds. Beim Showdown hat Hazar auch noch eine Überraschung fürs Publikum parat.

telschau: Ihr Hazar kommt so perfide daher ...

Kurtulus: Sobald Bösewichte lächeln, wird es gefährlich. Dann ist das Böse unberechenbar, dann überrascht es uns.

telschau: Der Araber ist wieder der Böse. Gehört die Arbeit mit solchen Stereotypen dazu?

Kurtulus: Es hätte auch ein durchgeknallter Professor sein können, aber es mussten Bösewichte her, die die hinterlistigen Absichten des Pentagons unterstützen: Sie wollen den Präsidenten tot sehen. Wenn man sich das US-Kino der vergangenen Jahrzehnte anschaut, sieht man, dass Hollywood die US-Außenpolitik zeitversetzt aufarbeitet. Ohnehin ist das Interessante für mich als Schauspieler nicht das Was, sondern das Wie. Man wird dafür besetzt, die Rolle zu interpretieren.

telschau: Konnten Sie mit Regisseur Jalmari Helander an der Figur Hazar feilen?

Kurtulus: Es ist auf jeden Fall ein gemeinsamer kreativer Prozess. Wenn du mit jemandem wie ihm kreativ sein kannst, ist das wie Pingpong. Während der ganzen Dreharbeiten hatten wir das. Wir dachten uns, wir machen den Film nur ein einziges Mal, also lass uns ihn so machen, dass wir alle glücklich sind. Die Kostümbildnerin, der Regisseur und ich arbeiteten da sehr eng zusammen.

telschau: Damit wären wir an einem Punkt, den Sie nach Ihrem Ende beim "Tatort" kritisierten ...

Kurtulus: Damals meinte ich, dass in den USA etwa ein Serienpilot fünf Millionen Dollar kostet, während wir einen "Tatort" für 1,4 Millionen Euro drehen. Was wir haben, ist Zeit - und die sollten wir in Drehbuchentwicklung und Drehvorbereitung stecken.

telschau: "Big Game" ist eine internationale Produktion, gedreht in Bayern ...

Kurtulus: Oliver Stone drehte in München und eine ganze Staffel "Homeland" wird zurzeit in Berlin gedreht. Hollywood ist nicht nur ein Stadtteil von Los Angeles, sondern vielmehr ein System. Wir müssen gar nicht nach Hollywood, Hollywood kommt zu uns.

telschau: Wie unterscheiden sich deutsche Projekte von diesem?

Kurtulus: Das Prinzip des Filmemachens ist dasselbe, nur die Dimension ist eine andere. Ich habe großen Respekt vor Künstlern, die international arbeiten, da ich weiß, wie groß die Konkurrenz da draußen ist. Das Schauspielgeschäft ist wie ein Casino. Die Chips heißen hier Arbeit, Schweiß, Enttäuschung und ein Quäntchen Glück. Manchmal klappt es, oft klappt es nicht.

telschau: Sie beschreiben L.A., Istanbul und Hamburg als ihre Heimat. Was ist Heimat für Sie?

Kurtulus: Es ist kein geografischer Ort, eher ein Gefühl und auf Menschen bezogen. Ich sehne mich natürlich nach einem Abendessen mit Freunden am Bosporus mit Raki und Fisch zurück, aber das sind eher Erlebnisse die ich vermisse. Ich empfinde kein Heimweh in der Form. Ich bin Humanist, und die Erde ist meine Heimat.

telschau: Wie ordnen Sie "Big Game" in Ihr bisheriges Schaffen ein?

Kurtulus: Ich hatte das Glück, an verschiedenen tollen Projekten mitarbeiten zu dürfen. "Nackt" lief in Venedig im Wettbewerb. Das war eine tolle Arbeit mit Doris Dörrie. Bei "Der Tunnel" spielte ich in einem Stück deutscher TV-Film-Geschichte mit, dem ersten zweiteiligen Event-Film von Nico Hofmann, der damit eine Ära einleitete. "Honig im Kopf" und "Fünf Freunde 4" laufen derzeit im Kino. Im Herbst kommt der deutsch-türkische Film "8 Sekunden", produziert von Til Schweiger. "Big Game" ist jedoch mit Sicherheit die Spitze des Eisbergs dessen, was ich in meiner Filmografie vorzeigen kann, gerade was die Dimension und auch die Prominenz meiner Schauspielkollegen angeht.

telschau: Ihre Filmografie mit den Akin-Werken, der "Tatort"-Periode und nun den Schweiger-Produktionen wirkt sehr stringent.

Kurtulus: Das ist alles nicht nur Arbeitszeit, sondern auch Lebenszeit - man sollte da immer auf sein Bauchgefühl hören.

telschau: Betrachtet man diese Stationen, könnte man etwas wie einen Karriereplan dahinter vermuten.

Kurtulus: Nein, so was gibt es nicht. Im Leben gibt es ein Bauchgefühl und ein Urvertrauen in sich. Ich lege Wert auf Qualität statt Quantität. Und ich bin bereit, Kompromisse einzugehen. Aber Luxus sehe ich nicht in materiellen Dingen. Eher im inneren Bereich, in der Erfahrung und im Leben selbst - wenn ich dafür emotional mehr Lebensqualität habe.

telschau: Was ist für Sie Lebensqualität?

Kurtulus: Grundsätzlich sehe ich Luxus darin, mit Kunst Geld verdienen zu dürfen, eigene Entscheidungen treffen zu können, um mit sich im Reinen zu bleiben und inneren Reichtum zu erlangen. Als Schauspieler hast du nur eine einzige Entscheidungsmöglichkeit: Nein zu sagen. Irgendwann ist nicht nur wichtig, welche Filme du gemacht hast, sondern auch, welche du nicht gemacht hast. Durch das Nein bildet sich Charakter.

telschau: "Big Game" lebt von einem Größenwahn, bei dem die Air Force One in Finnland gekapert wird und der amerikanische Präsident in einer Tiefkühltruhe sitzt. Macht so etwas gutes Action-Kino für Sie aus?

Kurtulus: Der Film muss Spaß machen, gutes Timing und Überraschungsmomente bereithalten. Humor und Situationskomik können sein - müssen aber nicht. Wenn dann noch eine Tüte Popcorn dabei ist, sind wir bei "Big Game".

Quelle: teleschau - der mediendienst