Daryl Hannah

Daryl Hannah





Abrechung mit den 80-ern

Daryl Hannah ("Splash - Eine Jungfrau am Haken", "Roxanne") galt in den 80er-Jahren als eine der schönsten Frauen der Welt. Doch schon in den 90-ern wurde es zunehmend ruhiger um die große Blonde - bis Quentin Tarantino ihr 2003 ein furioses Comeback als einäugige Schwertkämpferin in"Kill Bill" verschaffte. Nicht nur als Schauspielerin macht die Ex-Lebensgefährtin von Celebrities wie John F. Kennedy Jr., Jackson Browne oder Neil Young von sich reden - sie ist als Umweltschützerin aktiv und wurde schon mehrmals im Zuge von Protestaktionen verhaftet. Mit ihrem Video-Blog macht die 54-Jährige immer wieder auf neue Projekte aufmerksam. Nun spielt Daryl Hannah in der mit Spannung erwarteten Netflix-Serie "Sense8". Deren Macher, die Wachowski-Geschwister ("Matrix"), verknüpfen darin acht Menschen in über den gesamten Globus verteilten Ländern, zu einer Geschichte.

teleschau: Sie haben mal gesagt, dass Sie heute mehr Umwelt-Aktivistin als Schauspielerin sind. Wie teilen Sie sich Ihre Zeit zwischen diesen beiden Jobs auf?

Daryl Hannah: (lacht) Ich handele nicht nach einem bestimmten Plan. Ich versuche, möglichst viel zu bewirken. Egal, um welche Art von Arbeit es sich handelt. Ich versuche, immer mein Bestes zu geben. Mehr Regeln habe ich nicht. Natürlich freue ich mich, wenn ich für eine Serie wie "Sense8" mit so großartigen Leuten wie den Wachowski-Geschwistern arbeiten kann. Aber ich finde trotz der Schauspielerei immer noch genügend Zeit, um mich für die Umwelt zu engagieren.

teleschau: "Sense8" ist so etwas wie ein globales Filmprojekt - gedreht in acht verschiedenen Ländern. Wie fühlt sich das an für jemanden, der sich wie Sie kritisch mit Globalisierung auseinandersetzt? Ist Netflix nicht so etwas wie die Globalisierung des Fernsehens?

Daryl Hannah: Es kommt drauf an, was man unter Globalisierung versteht. Jene Globalisierung, gegen die viele Menschen kämpfen, ist tatsächlich eine furchtbare Sache. Es geht dabei um den Verlust unseres kulturellen Erbes. Durch Globalisierung verlieren ganze Länder ihr Recht auf Selbstbestimmung. Weil die internationalen Konzerne immer mächtiger werden und an internationalem Einfluss gewinnen. Das sind alles ganz, ganz schreckliche Entwicklungen.

teleschau: Und wie passt globales Fernsehen da rein?

Daryl Hannah: Eine Serie wie "Sense8" schafft meiner Meinung nach eher ein globales Bewusstsein. Es geht darum, dass wir erkennen: Wir sind alle miteinander verbunden. In vielerlei Hinsicht und mit sehr subtilen Mechanismen. Es ist eine positive Botschaft, um die es in dieser Show geht. Viele Dinge, von denen "Sense8" erzählt, decken sich mit meinen persönlichen Interessen und Anliegen, wenn es um unser Leben auf diesem Planeten geht. Deshalb habe ich auch mitgemacht.

teleschau: Ihr Durchbruch war 1982 der Film "Blade Runner", einer der großen Kultfilme des modernen Kinos. War Ihnen damals bewusst, welch außergewöhnliches Kunstwerk dieser Film war?

Daryl Hannah: Richtig sicher kann man sich immer erst ein paar Jahrzehnte später sein. Wenn ich "Blade Runner" heute anschaue, fühlt sich der Film keineswegs alt an wie die meisten Streifen aus dieser Zeit. Dazu kommt, dass vieles aus dieser Zukunftsversion von vor über 30 Jahren heute wahr geworden ist. Beispielsweise, dass die Welt der Zukunft kein Ort ist, an dem alles sauber ist und die Menschen in silbernen Overalls herumlaufen. Nehmen Sie den Times Square! Der schaute überhaupt nicht nach "Blade Runner" aus, als der Film entstand. Heute tut er das (lacht).

teleschau: Sie wissen, dass Ridley Scott einen zweiten Teil von Blade Runner dreht?

Daryl Hannah: Ja, ich habe das auch nur gelesen. Meine Filmfigur starb einen optisch ziemlich beeindruckenden Tod. Insofern werde ich wohl nichts mehr damit zu tun haben (lacht) ...

teleschau: Sie waren eine der begehrtesten Hollywood-Schauspielerinnen der 80-er? Was ist danach passiert? Sie waren immer noch jung und sehr attraktiv, als die großen Rollen ausblieben ...

Daryl Hannah: Es sind verschiedene Dinge geschehen. Ich entschied mich damals bewusst, Independent-Filme zu machen und nicht mehr so viele Projekte mit Blockbuster-Budgets. Für mich waren die 80-er auch ein Stück weit ein Fluch. Ich war eine sehr erfolgreiche junge Schauspielerin. Wenn du einmal erfolgreich warst, will Hollywood, dass du die gleiche Sache immer und immer wieder machst. Dazu kam, dass es zu dieser Zeit ohnehin wenige gute Rollen in Hollywood für junge Frauen gab. Meistens spielten wir die Freundin des Helden oder das Objekt seiner Begierde. Ich wollte damals lieber kleinere Filme mit Regisseuren wie John Sayles oder den Polish-Brüdern machen - und habe das auch getan.

teleschau: Sie blicken heute also eher unzufrieden auf Ihre Hollywood-Karriere der 80-er zurück?

Daryl Hannah: Nein, das kann man so nicht sagen. Ich liebe es einfach, Filme zu machen. Es war damals so und trifft heute genauso zu. Ich bin immer noch genauso besessen von Filmen wie als kleines Mädchen - das wird immer so bleiben. Filme sind Träume, die wir zu Realität werden lassen. Es gibt so viel Gutes, das ich über Filme sagen kann. Deshalb kann ich die geschäftliche Seite dieses Gewerbes trotzdem kritisch sehen. Ich mochte das Film-Business noch nie (lacht). Allein der Umstand, dass man sich ständig selbst "promoten" muss, ist meiner Natur extrem zuwider.

teleschau: Es heißt, als Kind waren Sie extrem schüchtern. Es gab sogar Presseberichte, in denen es hieß, Sie hätten als junges Mädchen das "Asperger Syndrom" - also eine Form des Autismus - gehabt. Wie geht das zusammen mit dem Schauspielberuf?

Daryl Hannah: Schüchternheit und der Schauspielberuf schließen sich nicht zwangsläufig aus. Es gibt eine Menge Schauspieler und andere Künstler, die sehr introvertiert sind. Viele von ihnen würde ich stille, aber sehr aufmerksame Beobachter des Menschseins bezeichnen. Diese Beobachtungen verarbeiten sie in ihrer Kunst. Es ist ein Vorurteil, dass die Unterhaltungsindustrie vorwiegend aus extrovertierten Menschen besteht. Natürlich gibt es diese Charaktere dort. Ich habe in diesem Geschäft aber genauso viele Menschen kennengelernt, die ganz anders waren.

teleschau: Vergessen Sie Ihre Scheu, wenn Sie vor der Kamera stehen - vielleicht sogar im Sinne einer Therapie?

Daryl Hannah: Nein, nicht unbedingt. Aber man konzentriert sich auf die Rolle und verliert sich in ihr so sehr, dass man über die eigene Befindlichkeit nicht mehr nachdenkt. Schauspieler sind wie Kinder, die alles um sich herum vergessen, wenn sie in ihrem Spiel gefangen sind. Kinder werden auf dem Spielplatz zu Cowboys und Indianern. Sie tun nicht nur so, als wären sie welche. Das gleiche geschieht, wenn ich als Schauspielerin in Tränen ausbreche. Ich fühle dann etwas so intensiv, dass ich nicht mehr anders kann als loszuheulen. Dies gilt aber auch für das Gegenteil. Wenn die Rolle, die ich spiele, sehr stark oder böse ist - so wie meine Rolle als Elle Driver in "Kill Bill" - macht mich das für den Moment ebenso stark und bösartig.

teleschau: Sie sind nun Mitte 50. Ist das ein schwieriges Alter für eine Schauspielerin? Bekommen Sie genügend Rollen angeboten?

Daryl Hannah: Ich weiß es nicht (lacht). Als Schauspieler weiß man nie, was als nächstes passiert. Mit jedem neuen Projekt kann sich deine Situation verändern.

teleschau: Deutsche Schauspielerinnen Ihres Alters klagen oft, dass es für sie immer weniger Rollen gibt.

Daryl Hannah: Schauen Sie, man sagte mir, ich sei zu alt, da war ich Anfang 30. Damals hieß es, ich sei zu alt, um eine Ärztin oder Anwältin zu spielen. Dabei war ich in einem Alter, in dem viele Menschen in den USA noch nicht mal ihre Berufsausbildung abgeschlossen haben. Aber der Jugendwahn herrscht ja nicht nur in der Unterhaltungsindustrie. Er treibt in vielen Bereichen der Arbeitswelt sein Unwesen. Beim Film ist es allerdings besonders schlimm.

teleschau: Diskriminiert die Filmindustrie Menschen stärker als andere Branchen?

Daryl Hannah: Es gibt auf jeden Fall viele Fragen dieser Art, bei denen die gesamte Unterhaltungsindustrie nicht besonders gut dasteht. Wussten Sie, dass dort heute weniger Frauen in verantwortlichen Positionen arbeiten als in den 30er- und 40er-Jahren? Natürlich nicht in absoluten Zahlen gerechnet, aber im Vergleich zur Zahl der Männer in vergleichbaren Jobs. Sexismus und Diskriminierung gibt es immer noch an allen Ecken und Enden unserer Gesellschaft. Es nutzt nur nichts, wenn wir immer wieder nur darüber reden. Man muss sich Dinge überlegen, die man dagegen tun kann.

Quelle: teleschau - der mediendienst