Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen

Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen





Der Vorzeigekritiker

Filmkritiker sind eine ganz besondere Spezies. Wem sonst obliegt es schon, millionenschwere Projekte und glänzende Stars mit einem beiläufigen Nebensatz wegzuwischen oder in den Himmel zu loben? Gewiss: Die Krise erfasste das Filmkritikertum schon vor geraumer Zeit, seine außergewöhnlichen Exemplare sind inzwischen weniger als rar gesät. Doch einst gab es sie, die großen Filmtexte im Feuilleton und auf den Kulturseiten. Einem der letzten jener Großen der Branche widmet sich nun eine wundervoll unprätentiöse Dokumentation von Dominik Graf: "Was heißt hier Ende?" nähert sich dem 2011 verstorbenen Michael Althen, dessen außergewöhnlicher Arbeit und einer Zeit, in der die Diskussion über den Film noch etwas galt.

Die lebenslange Liebe, die unbändige Leidenschaft zum Film war es, die Michael Althen meist bis in die frühen Morgenstunden aufbleiben ließ. Nicht etwa, weil der gebürtige Münchner bis in die Puppen einen Streifen nach dem anderen schaute. Das tat er zwar auch, 365 Filme an der Zahl nahm er sich jährlich vor, in Schaltjahren natürlich 366. Sondern vor allem deshalb, weil ihm die Nacht jene Zeit und Ruhe bot, seine fantastischen und immer bis ins Detail gefühlvollen Rezensionen und Essays zu verfassen.

Gern wartete er dafür bis nach dem Restaurantbesuch mit seiner Frau oder darauf, dass in der Kneipe (meist dem legendären Schumann's, in dem sich die Kritiker- und Filmelite versammelte) der letzte Freund das Glas geleert und das finale Gespräch ein Ende gefunden hatte. Erst dann konnte er sich ans Werk machen.

Anekdoten wie diese werden in "Was heißt hier Ende?" zahlreich zum Besten gegeben. Sie sind es, die Grafs essayhaftes Porträt eines begnadeten, überall begehrten Journalisten und Cineasten lebendig machen. Sie zeigen den renommierten Kritiker, der für die "Süddeutsche Zeitung" und die "F.A.Z." ebenso schrieb wie für das Lifestylemagazin "Tempo" und die deutsche Ausgabe des "Hustler", in all seinem Facettenreichtum. Dies gelingt Graf, dem Althen ein guter Freund war, insbesondere im Gespräch mit dessen Familie, Kino-Wegbegleitern wie Wim Wenders, Tom Tykwer und Christian Petzold sowie Kritiker-Kollegen wie Claudius Seidl, Tobias Kniebe und Moritz von Uslar.

Dazu gehört auch, dass Althen als eine Art zurückhaltender Anführer einer neuen Filmkritiker-Generation beschrieben wird: Blutjung gelang es ihm gemeinsam mit anderen jungen Wilden in den 80er- und 90er-Jahren, die alte Feuilletonisten-Garde vom Thron zu stoßen. Deren Verachtung von Hollywood erteilte man damals ebenso eine Absage wie der hochkulturellen Verklärung der französischen Nouvelle Vague. Dass Althen dabei allerdings niemals arrogant wirkte und auch im Schreiben keinerlei prätentiöse Attitüden an den Tag legte, arbeitet "Was heißt hier Ende?" schön heraus. "Er redete keine Scheiße, das war etwas Besonderes", erzählt etwa Moritz von Uslar im Interview. Dazu zählte auch die "rituelle Lebensuntüchtigkeit", die ihm "F.A.Z."-Redakteur Andreas Kilb mit liebevollem Blick auf seine kokett-sensible Art bescheinigt.

Doch verlässt sich die Doku nicht nur auf die Aussagen der Zeitgenossen, sondern durchdringt anhand von zitierten Passagen aus Kritiken und Bildern aus Althens filmischen Essays die lyrische Klarheit eines zurückhaltenden wie klugen Vorzeigefeuilletonisten. Gerade bei diesen mosaikhaften Montagen wirkt "Was heißt hier Ende?" leider bisweilen ästhetisch etwas altbacken. Umso beeindruckender, dass Grafs Hommage inhaltlich (wenn auch in erster Linie Kritiker, Filmmenschen und Cineasten) so überzeugt, dass dies zweitrangig bleibt.

Quelle: teleschau - der mediendienst