Trash

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Kleine Engel mit schmutzigen Gesichtern

"Hey - habt Ihr zufällig eine Brieftasche gefunden?" - Wenn die brasilianische Polizei gleich mit mehreren Streifenwagen zu einer Müllkippe rausfährt und solche Fragen stellt, ist den in Wohlstandsabfällen wühlenden Menschen klar, dass etwas nicht stimmen kann. Die Version, es handle sich um das Beweisstück für ein Verbrechen, glauben sie keine Sekunde. Teenager Raphael (Rickson Tevez), der die Börse gefunden hat, vermutet ein Geheimnis. So funktioniert die sozialromantische Detektivgeschichte "Trash": Was scheinbar keinen Wert hat, weil es auf der Deponie gelandet ist, erweist sich als besonders kostbar. Genau wie die ehrlichen Menschen, die hier unter unwürdigen Bedingungen nach Verwertbarem suchen. Drumherum herrschen Gewalt und Korruption durchs große Geld. Doch vielleicht nicht mehr lange ...

Ein Ausweis, ein Streifen Fotos, etwas Geld, ein Zettel und ein Schlüssel: Mehr hat Raphael nicht in der Brieftasche entdecken können, für die sich die Polizei so brennend interessiert. Doch schon anhand dieser wenigen Anhaltspunkte stellt Raphael zusammen mit seinen Kumpels Gardo (Eduardo Luis) und Rato (Gabriel Weinstein) erste Nachforschungen an. Dank des Laptops von Father Juillard (Martin Sheen), dessen sie sich in unbeobachteten Momenten bedienen, finden sie heraus, was in verwaschener Schrift auf dem Zettel steht.

Aber die Polizei schläft nicht. Ermittler Frederico (Selton Mello) soll auf Befehl von oben unbedingt die Brieftasche wiederbeschaffen - koste es, was es wolle. Er entführt Raphael und quält ihn. Doch die Jungen lassen sich nicht einschüchtern. Sie stoßen auf einen wichtigen Brief, treffen mit Hilfe der NGO-Mitarbeiterin Olivia (Rooney Mara) einen Oppositionellen im Gefängnis und begreifen erst allmählich, dass sie drauf und dran sind, einen Korruptionsskandal aufzudecken, in dem es um sehr viel Geld geht.

Auf der Grundlage einer idealistisch gesinnten Romanvorlage entwirft Regisseur Stephen Daldry ("Der Vorleser", "The Hours - von Ewigkeit zu Ewigkeit") mit den im tiefsten Elend satten, sonnigen Farben der Kamera von Adriano Goldman eine positive Gegenwelt an einem schrecklichen Ort. Sie wird geprägt von den jugendlichen Helden. Mit Können und Ausstrahlung verkörpert, personifizieren sie das Unverdorbene, sind gleichsam Engel mit schmutzigen Gesichtern und dazu berufen, Gutes zu tun. Sie sind klug, geschickt und auch in der Schwäche stark. Die Erwachsenen hingegen sind überfordert (Father Juillard, Oliva) oder korrupt.

Der Film nimmt sich die Freiheiten, die er braucht. Brutalität wird auf das Erträgliche eingedämmt. Obwohl der Slum in einem Wasser steht, in dem Abfall schwimmt, besitzt er bei Mondlicht einen gewissen pittoresken Charme. Daldry spielt jedoch mit offenen Karten: Er bekennt, dass er mit Wundern jongliert, um seine Geschichte erzählen zu können. Entsprechend äußert Raphael einmal, man müsse eben daran glauben, dass das Unmögliche gelingen kann.

Damit weder etwas unverstanden bleibt noch die Aufmerksamkeit verloren geht, konstruiert Daldry Perspektivenwechsel und Rückblenden, die nicht nur die Vorgeschichte der Brieftasche erhellen, sondern auch für starke Effekte sorgen. Weil die Kids vielen Häschern entwischen, ist immer für Action gesorgt. Nur das schmalste Loch und die Häusersimse für Kinderfüße bieten Entkommen. Die Klettermaxe immer mehr zu Erlösern eines ganzen Landes zu stilisieren, ist allerdings viel zu viel des Kinder-an-die-Macht-Pathos.

Quelle: teleschau - der mediendienst