Simply Red

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Ein Liebesbekenntnis

50 Millionen Platten verkaufte er seit dem rauschhaften Erfolg von Simply Reds Debütalbum "Picture Book" im Jahr 1985. Seit dieser Zeit ist Mick Hucknall, Sohn eines Friseurs aus Manchester, eine der markantesten Stimmen des Pop - auch wenn Kritiker spötteln, die Musik des rotschopfigen Sängers klänge seit exakt drei Dekaden gleich. Am 8. Juni wird Mick Hucknall 55 Jahre alt. Seit 2010 ist er, der mit über 1.000 Frauen geschlafen haben soll, verheiratet und Vater einer Tochter. Im Interview zu "Big Love", dem ersten Simply-Red-Album seit acht Jahren, spricht der Pop-Veteran über seine Anfänge in einer Punkband, Fußball, seine schwierige Sozialisation zu einem liebenden Menschen und den deutschen Begriff des Schmusesängers.

teleschau: Wenn Sie auf 30 Jahre Simply Red zurückblicken - was war das Beste daran?

Mick Hucknall: Auch wenn es sich vielleicht langweilig anhört: Für mich war das Beste die Konstanz unseres Erfolges. Wir hatten viele Höhepunkte und kaum Krisen. Ich meine, welche Band schafft schon mit ihrer ersten Single den weltweiten Durchbruch? "Money's Too Tight Too Mention" schloss uns überall die Tür auf. Kurz danach hatten wir eine Nummer eins im Amerika mit "Holding Back The Years". Mann kann diesen Irrsinn erst verstehen, wenn man weiß, wie es mir vorher ging. Ich war nach der Uni vier Jahre arbeitslos, lebte von Sozialhilfe. Ich besaß 25 Pfund die Woche.

teleschau: Man kann also sagen, vor 30 Jahren veränderte sich Ihr Leben von einem Moment auf den anderen total?

Hucknall: Ja, es war wie ein Fingerschnippen. Innerhalb weniger Monate hatten wir Simply Red zusammengestellt, ein paar Lieder aufgenommen und wurden zu Stars. Aus dieser Situation heraus, es war unglaublich.

teleschau: In 30 Jahren muss es aber auch einen Tiefpunkt gegeben haben. Verraten Sie ihn?

Hucknall: Vor dem zweiten Album wäre ich fast ausgestiegen. Weil ich mich mit dem Produzenten Stewart Levine gestritten hatte. Beim ersten Album "Picture Book" war ich bereits stark in die Produktion der Platte eingebunden, traf viele kreative Entscheidungen. Da ich sehr an Produktion und Technik interessiert war, sagte ich zu Levine, der damals schon ein berühmter Produzent war, dass ich von ihm lernen und das zweite Album mit ihm co-produzieren wollte. Sein Gegenvorschlag lautete, dass wir am Ende entscheiden sollten, wie groß mein Anteil daran schließlich war - worauf ich blöderweise einwilligte. Aus diesem Deal wurde ein Ego-Trip von uns beiden. Wir untergruben systematisch die Leistung des anderen. Die Arbeit an dieser Platte wurde zu einem Hahnenkampf.

teleschau: Sie genießen den Ruf, Entscheidungen am liebsten alleine zu treffen. Hand aufs Herz: Tun Sie sich schwer, im Team zu arbeiten?

Hucknall: Ich bin in Manchester geboren. Meine Idole als Kind waren die Beatles - die Uridee einer Band. In Westeuropa gibt es unter den Menschen ab der Beatles-Generation diese Idealvorstellung, die romantische Verklärung des Band-Konzeptes. Dabei ist die Band als funktionierendes, kreatives Gefüge eigentlich nur für einen relativ kleinen Teil der Popmusik verantwortlich. Schaut man sich die Geschichte von Rhythm'n'Blues, Jazz oder Reggae an, findet man dort nur sehr wenige Bands, die in die Geschichte eingingen. Meistens war es doch eine kreative Person wie zum Beispiel Miles Davis, der eben immer wieder tolle Bands zusammenstellte. Ich mit meiner Sozialisation fand die Idee, in einer Band zu spielen, jedoch immer sehr romantisch. Eine Gruppe, in der man alles gemeinsam macht und entscheidet - toll! Ich wollte bei den Beatles sein, aber fand keinen John, keinen Paul. Noch nicht mal einen George oder Ringo (lacht). Ich musste durch einen Prozess der Selbstfindung gehen, bis ich erkannte, dass ich mein Ideal der Band aufgeben musste.

teleschau: Kommen wir noch einmal zurück auf das Jahr 1985. Wissen Sie heute, warum ausgerechnet der Sound von Simply Red aus dem Nichts die Welt eroberte?

Hucknall: Ich denke, es hatte viel mit der Wucht jener ersten Single "Money's Too Tight To Mention" zu tun. Die Zeit war nicht reif für diesen Song, als er zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Das Original von den Valentine Brothers stammt aus dem Jahr 1982. Ich spielte die Nummer als DJ immer gerne. Ein wirklicher Hit war das Original jedoch nie. Als wir unsere Version herausbrachten, wurde sie zu einer Art Hymne gegen die Thatcher-Regierung. Es geht darin um Armut und Überlebenskampf. Das Stück traf die Situation meiner Leute im Norden Englands zu 100 Prozent. Dazu kam, dass die Menschen irgendwie von meiner Stimme fasziniert waren. Ich erinnere mich, dass alle Leute bei meiner Plattenfirma in Amerika dachten, ich wäre ein Mädchen. Die waren völlig geschockt, als ich bei denen zum ersten Mal aus dem Flugzeug stieg. Statt einer schwarzen Frau kam da so ein keltischer Rothaariger die Treppe am Flughafen herunter (lacht).

teleschau: Ihre Stimme gehört zu denen mit dem höchsten Wiedererkennungswert im Pop. Fanden Sie Ihre Stimme selbst auch immer schon gut?

Hucknall: Ich war nicht von Beginn an wirklich überzeugt von ihr. Der Erfolg trägt aber dazu bei, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Auch vor dem Raketenstart mit Simply Red gab es Leute, die mich managen wollten. Es gibt dir ein gutes Gefühl, wenn anderen Menschen glauben, dass du viel erreichen kannst. Dieser Glaube an mich führte aber auch dazu, dass ich sehr ernsthaft an mir und meiner Musik arbeitete.

teleschau: Viele Leute wissen nicht, dass Sie vor Simply Red sieben Jahre lang Sänger einer Punk-Band waren. Das kann man sich bei Ihnen - mit Verlaub - gar nicht so richtig vorstellen ...

Hucknall: Wir fingen als Punk-Band an, entwickelten uns dann aber zu einer wirklich schlechten Rhythm-'n'-Blues-Band (lacht). Wir spielten sogar ein paar schreckliche Beatles-Cover. Die Band hieß The Frantic Elevators. Gemeinsam waren wir bei den ersten Konzerten der Sex Pistols und der Buzzcocks in Manchester. Diese Konzerte waren der Grund, warum ich 1976 meine ersten Songs schrieb. Ich verdanke dem Punk-Rock also viel. Er machte mich zum Musiker.

teleschau: Verstehen Sie ein bisschen deutsch?

Hucknall: Nur sehr wenig.

teleschau: Kennen Sie das Wort "Schmusesänger"?

Hucknall: Ist er ein spöttischer oder ein wohlmeinender Begriff?

teleschau: Beides. Einerseits sagt er aus, dass man die Musik als kitschig bezeichnen könnte. Andererseits spiegelt es auch ein bisschen Respekt wider, weil es der Schmusesänger schafft, die Leute mit der Stimme emotional zu berühren. Bei Ihnen taucht der Zusatz "Schmusesänger" in der deutschen Presse häufig auf.

Hucknall: Ah, dann kann man "Schmusesänger" wohl am ehesten mit dem englischen Begriff des "Crooners" vergleichen. Hey! Man nennt Frank Sinatra einen Crooner, deshalb ist das für mich ein ziemlich cooler Begriff. Wenn Sie mich auf Deutsch einen Crooner nennen, bin ich dabei. Ich liebe Sinatra, ebenso wie Nat King Cole. Auch Elvis hatte seine Momente. Perry Como liebe ich ebenfalls, genauso wie Dean Martin - alles "Schmusesänger". Stellen Sie mich gerne in diese Ecke, kein Problem!

teleschau: Sie machen seit vielen Jahren erstaunliche andere Dinge neben der eigenen Musik. Sie gründeten schon in den 90-ern ein Reggae Label, Sie führen ein Weingut auf Sizilien und sind sogar Bauunternehmer.

Hucknall: Viele Dinge, die ich neben der Musik mache, sind weniger unternehmerisch denn philanthropisch gedacht. Mein Vater ist in Cumbria aufgewachsen, dem nordwestlichsten Teil Englands. Zu dieser Gegend fühle ich eine besonders enge Verbindung, weshalb ich mich dort beispielsweise in einem Umweltprojekt engagiere. Ich hatte die Chance, dort einen Fluss zu kaufen, in dem Lachse schwimmen. Ich wollte die Population dieser Lachse erhöhen. Die Zahl der Lachse verdoppelte sich dort, seit wir uns um diesen Fluss kümmern. Wir sorgen auch dafür, dass die Fangnetze im Nordatlantik verschwinden. Die Folge davon könnte sein, dass sich demnächst wieder Lachse im deutschen Rhein ansiedeln, weil die auf ihrer Route bisher immer von den irischen Netzen abgefangen wurde. Wenn Sie also demnächst Lachse im Rhein haben, denken Sie an mich (lacht)!

teleschau: Eine andere ziemlich unglaubliche Geschichte, die man über Sie lesen kann, ist, dass Sie in den 90-ern versucht haben sollen, Ihren Lieblingsklub Manchester United zu kaufen.

Hucknall: Nein, das ist völliger Blödsinn. Ich war damals schon ein sehr guter Freund des langjährigen Team-Managers Alex Ferguson. Ich hörte immer auf ihn, wenn es um United ging. Da er mir nie empfahl, mich zu engagieren, tat ich es auch nie.

teleschau: Aber Sie sind immer noch Fan und oft im Stadion?

Hucknall: Nein, im Stadion bin ich nicht oft. Aber ich sehe Alex sehr oft, und wann immer ich ins Stadion gehe, gehe ich mit ihm gemeinsam. Er ist ein sehr enger und lieber Freund seit mehr als 25 Jahren. Ich sah mein erstes United-Spiel 1968, da war ich acht Jahre alt. In diesem Spiel sah ich Bobby Charlton, George Best und Denis Law zusammen spielen. Ich fühle mich als Teil des Klubs. Der Verein ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens.

teleschau: 2007 wurden Sie Vater einer Tochter. Wie veränderte dies Ihr Leben?

Hucknall: Es veränderte mich extrem - was uns auch zum neuen Album bringt. In den meisten Songs geht es um Familie und wie man mit dem Verlust der Eltern umgeht. Das Lied "Dad" widme ich meinem Vater. Es geht aber auch darum, eine neue Familie zu gründen. In meinem Fall war Familie etwas, das ich zuvor niemals hatte. Ich bin ohne Mutter und Großeltern aufgewachsen. Mein Vater war alles, was ich hatte. Er zog mich alleine groß, was mich zu einem besonderen Menschen machte. Ich wusste nicht, was Familie ist. Jetzt bin ich mit einer Frau verheiratet, habe eine Tochter, und sogar unser Hund ist weiblich (lacht). Für mich ist das alles unglaublich. Ich kannte nur die Erfahrung, von einer Frau, eben meiner Mutter, verlassen zu werden. Deshalb hatte ich mein Leben lang Probleme damit, mich in die Abhängigkeit von Frauen zu begeben. Das tat ich nun mit meiner Familie. Und es fühlt sich gut an, sich zu ergeben.

teleschau: Findet man diese neuen Erfahrungen ganz konkret in Ihrer Musik?

Hucknall: Ja, "The Ghost of Love" erzählt genau von diesem Thema. Ich liebe meine Tochter und lebe heute in einer guten und vertrauensvollen Partnerschaft. Ich lernte, Vertrauen zu haben. Das ist eine neue Qualität in meinem Leben.

teleschau: Beeinflusste die Tatsache, dass Ihre Mutter Sie verließ, auch Ihre Karriere?

Hucknall: Alles, was man in seiner Kindheit und Familie erlebt, beeinflusst das ganze Leben. Andere Menschen arbeiten sich an Vater, Mutter und Geschwistern ab. Ich arbeitete mich daran ab, dass es außer meinem Vater keine Familie für mich gab. Der Song "Holding Back The Years" erzählte schon von meinem Vater, meiner Mutter und vom Verlassen der Heimat. Nun schrieb ich im Song "Big Love" über meine neue Familie sowie über meinen Vater, der 2009 verstorben ist. Das ist meine Geschichte. Ich fand etwas, das ich niemals zu finden geglaubt hätte. Ich habe Vertrauen heute, auch wenn sich das klischeehaft und kitschig anhört. Aber hey: Das Leben ist ein Klischee!

teleschau: Ein gutes oder ein schlechtes?

Hucknall: Wenn man zynisch sein will, ist alles in unserem Leben ein verdammtes Klischee. Wir sind eben Menschen. Es ergibt aber keinen Sinn, zynisch auf die Welt oder das Leben zu blicken. Zynismus erschafft im Endeffekt nichts außer Unglück. Zynismus ist eine Form des Hasses. Letztendlich hasst man sich selbst, weil man es sich nicht erlaubt, die Liebe in sein Leben hineinzulassen. Ich war früher ein krankes Individuum und brauchte Hilfe, um anders leben zu können. Wenn ich auf all das, was ich erlebte, zurückblicke, war es bis hierher eine fantastische Reise.

Quelle: teleschau - der mediendienst