Helen Mirren

Helen Mirren





Besser kompliziert

Dramatische Spannung und befreienden Humor verbindet Simon Curtis in "Die Frau in Gold" (Start: 4. Juni). Dabei setzt der nach einer wahren Geschichte entstandene Mix aus Gerichts- und Geschichtsdrama ganz auf seine Hauptdarstellerin Helen Mirren. Die 69-jährige Britin spielt die Jüdin Maria Altman, geborene Bloch-Bauer, die im Dritten Reich aus Wien vor den Nationalsozialisten in die USA floh. Im Besitz der Familie Bloch-Bauer befand sich damals Gustav Klimts titelgebendes Gemälde, das Marias Tante Adele Bloch-Bauer zeigt. Mit Hilfe ihres Neffen, des Anwalts Randy Schoenberg (Ryan Reynolds), will die adrette Dame das Bild zurück. Doch der österreichische Staat möchte die "Mona Lisa von Österreich" unbedingt in Wien behalten. Die Unterstützung des Journalisten Hubertus Czernin (Daniel Brühl) lässt Marias Chancen auf eine Rückgabe steigen. Und schließlich hat Randy Schoenberg die Idee zu einem genialen, juristischen Schachzug. Im Interview spricht die zum "Dame Commander of the order of the British Empire" geadelte Charakterdarstellerin über Arbeitswut, komplizierte Frauen und das Finanzamt.

teleschau: Was hat Sie an diesem Projekt gereizt?

Helen Mirren: Na, das es eine interessante Geschichte mit einem kraftvollen Thema ist. Ich wünsche dem Film möglichst viele Zuschauer. Auch deshalb, weil ich sonst das Gefühl hätte, der echten Maria Altmann keinen guten Dienst erwiesen zu haben. Die österreichischen Behörden hatten ja gehofft, Maria würde während des laufenden Restitutions-Verfahrens sterben, bevor der Fall vor einem ordentlichen US-Gericht mit Aussicht auf Erfolg landen würde. Damit wäre die Sache erledigt gewesen. Maria Altmann ist aber erst vier Jahre nach Prozessende 2011 gestorben, im Alter von 94 Jahren. Es hat ja eine besondere Tragik, dass jene Generation, die all das miterlebte, nun wegstirbt.

teleschau: Ryan Reynolds, der im Film Ihren Neffen spielt ...

Mirren: ... ist nach Drehschluss genauso lustig wie am Set. Wir hatten sehr viel Spaß vor und hinter der Kamera. Er ist einer der lustigsten Menschen, die man treffen kann. Die innige und teilweise flapsige Art der Beziehung zwischen Maria und Randy war im Drehbuch so zunächst nicht vorhanden. Die haben wir beide etwas verstärkt und eine Art "mütterliche Mini-Romanze" daraus gemacht.

teleschau: Für wie präsent halten Sie den Antisemitismus in unserer Zeit?

Mirren: Antisemitismus ist scheinbar durch alle Zeiten relevant. Meist beginnt es damit, dass die Leute behaupten, es ginge ihnen um Nationalstolz oder um solchen Mist. Damit begeben sie sich aber schon auf die erste Stufe des Horrors. Und dieser Mechanismus läuft immer und immer wieder ab, nicht nur in Europa. Es scheint leider eine endlos wiederkehrende menschliche Geschichte zu sein. Vielleicht können Filme wie dieser ja ein paar positive Ideen und Gedanken in den Köpfen verankern: wie wir unsere Gesellschaft weiter entwickeln sollten - und wie eben nicht.

teleschau: Sie werden Ende Juli 70 Jahre alt, drehen drei Filme pro Jahr und spielen außerdem noch Theater. Schon mal über Ruhestand nachgedacht?

Mirren: Ich habe jedenfalls nicht vor, eines Tages vor der Kamera zu sterben. Aber mein Ehrgeiz treibt mich andauernd an. Ich denke immer: Das geht doch noch besser, Helen! Außerdem bereitet mir die Tatsache, dass ich damit meinen Lebensunterhalt bestreiten kann, noch immer großes Vergnügen.

teleschau: Ist das nicht ein wenig zu bescheiden? Sie gehören zu den bestbezahlten Darstellerinnen Hollywoods ...

Mirren: Unglaublich welcher Schwachsinn da in den Medien kursiert! Darüber kann man eigentlich nur noch lachen - und hoffen, dass das Finanzamt auch lacht und solche Meldungen nicht ernst nimmt. Im Ernst: Viele begabte Kolleginnen in meinem Alter können nicht arbeiten, weil die Verteilung in den meisten Filmen noch immer dergestalt ist, dass auf vier Männerrollen eine Frauenfigur kommt.

teleschau: Und die starken Frauenfiguren spielen dann Sie?

Mirren: Nein, meine Filmfiguren sind nicht stark, sondern hoffentlich kompliziert. Warum herrscht eigentlich das Missverständnis, dass eine interessante Figur stark sein muss? Ganz im Gegenteil. Denn dann ist sie langweilig. Interessant ist es doch, einen Menschen zu erschaffen, der Macken hat, unsicher und verletzlich ist. Auch Maria Altmann reist ja nicht nach Wien und sagt: Hier bin ich, gebt mir mein Bild zurück!

Quelle: teleschau - der mediendienst