Am besten anonym gucken

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Wie die Gender-Debatte Cannes bewegt

Während der Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes weiter mit überdurchschnittlichen Beiträgen, aber ohne die erhofften großen emotionalen oder überraschenden Kinomomente weiterläuft, scheint eine Diskussion nicht zu verstummen: Es geht um die Frauen, ihre Rolle vor und hinter der Kamera sowie ihre Partizipation am Festival (noch bis 24. Mai).

Die Boulevard-Medien schlachteten die High Heels-"Affäre" mit Vergnügen aus: Ein besonderer eifriger Stilwächter hatte am Eingang zum roten Teppich tatsächlich weibliche Gäste mit Abendrobe und eleganten, aber flachen Schuhen abgewiesen. Schon ging das Gerücht um, das Festival würde auf hohe Absätze beim Galascreening bestehen. Der künstlerische Leiter der Festivals Thierry Frémaux machte deutlich, dass dem nicht so sei.

Ausführlich Stellung nehmen zur alljährlich wiederkehrenden Gender-Debatte, verbunden mit dem Vorwurf es seien zu wenig oder keine Frauen im Wettbewerb und überhaupt als Filmschaffende vertreten, konnte er beim Talk im Rahmen des "Women in motion"-Programms. Cannes sei nur Spiegel dessen, was sich in der Gesellschaft abspiele - weltweit gebe es nur sieben Prozent Regisseurinnen. Wenn man so wie das Festival strikt nach der Qualität der Filme auswähle, erkläre sich das Ungleichgewicht schon allein aus der Statistik. Einfluss nehmen könne er jedoch zum Beispiel bei der Zusammensetzung der Jury, die immer ausgewogen sei.

Das Problem an der Wurzel packt jetzt die Mohamed S. Farsi Foundation (MSFF), eine interessante Initiative aus London, die auch in Cannes vorgestellt wurde. Um arabische Frauen zu ermutigen, ihre Sicht der Welt zu zeigen, wurde das Programm "Arab Women Filmmakers" ins Leben gerufen. Es bietet Stipendien für ein Studium an der UCLA School of Theater, Film and Television in Los Angeles.

Unterstützung ja, aber keine Sonderbehandlung - das wünschen sich die hier vertretenen Regisseurinnen, die eine solche als umgekehrte Diskriminierung empfinden. Auf ihre besondere Rolle als Frau auf dem Festival angesprochen, reagierte die französische Wettbewerbsteilnehmerin Maïwenn sogar regelrecht aggressiv. Sie sagte: "Ich möchte als Mensch und nicht als Frau, die einen Film macht, wahrgenommen werden."

Allerdings lässt sich gerade an ihrem Werk "Mon Roi" ein weiblicher Blick auf eine schmerzhafte Liebesbeziehung feststellen, an der die Frau mit allen Mitteln versucht festzuhalten. Hauptdarsteller Vincent Cassel erzählt im Interview, er habe die männliche Figur mit etwas mehr Humor interpretiert als im Drehbuch stand, da ihm "Georgio" sonst zu unsympathisch geworden wäre. Ob Filmemacher oder Zuschauer: Den Prägungen des eigenen Geschlechts und der eigenen Kultur entgeht niemand. Eine interessante Idee brachte Thierry Frémaux auf: Er träumt davon, Filme ohne Vor- und Abspann zu sehen - anonym sozusagen.

Wem das Publikum den bisherigen Festival-Liebling "Carol" bei einer solchen neutralen Vorführung wohl zugeschrieben hätte? Todd Haynes ("Dem Himmel so fern") inszeniert im Stil der klassischen Hollywood-Melodramen eine lesbische Liebe im Amerika der 50er-Jahre. Die explosive Geschichte rund um ein Tabu beruht auf dem autobiografischen Roman von Patricia Highsmith, den sie 1952 unter Pseudonym veröffentlichte. Die Autorin arbeitete als Verkäuferin in einem Kaufhaus in Manhattan, als sie sich schriftstellerisch die Beziehung zu einer geheimnisvollen Kundin erträumte. Mit Cate Blanchett als "Carol" und Rooney Mara als junger Geliebten hat der Film Auszeichnungspotenzial - wenn es nach Produzent Harvey Weinstein geht, bis hin zur "Oscar"-Nominierung. Aber vielleicht gibt es ja am Sonntag schon eine Palme.

Quelle: teleschau - der mediendienst