Rico, Oskar und das Herzgebreche

Rico, Oskar und das Herzgebreche





Kesse Kiez-Detektive

Nichts ist bekanntlich so schwer zu inszenieren wie das Leichte. Und Kinderfilme sind dabei besonders kniffelige Herausforderungen, denen viele Filmemacher nicht immer gerecht werden. Oft stolpern sie unüberlegt in die Niedlich-Kindgerecht-Falle. In "Rico, Oskar und das Herzgebreche" hingegen sind der neunmalkluge Angsthase mit der übergroßen Blindenbrille (Juri Winkler) und sein gutmütiger, aber auch mutiger Semmelblond-Kumpel (Anton Petzold) keine Jugendbuch-Pappkameraden, sondern originelle, schräge und manchmal auch etwas nervige Zeitgenossen. Auf jeden Fall zwei Jungs mit einem ganz eigenen Kopf - und sehr realen Sorgen. In der zweiten Leinwand-Adaption der preisgekrönten Jugendbuchreihe von Andreas Steinhöfel wuseln sich die beiden Berliner durch (nicht wirklich atemberaubende) Krimi-Ermittlungen und (ganz schön aufregende) Beziehungsgeflechte.

Mit langen Vorreden muss sich der diesmal von Wolfgang Groos inszenierte Film gar nicht aufhalten. Der Regisseur ist durch die TV-Serie "Rennschwein Rudi Rüssel" und seine beiden "Vampirschwestern"-Kinofilme bestens eingearbeitet - und scheint auch zu wissen, dass die vielen Fans der "Rico/Oskar"-Reihe sich nicht von Geplänkel ausbremsen lassen wollen. Die junge Zuschauerschaft weiß in der Regel, wie der übervorsichtige Shorts-Träger Oskar tickt.

Daher ist es auch ganz naheliegend, dass er sich nicht mehr wie im Vorgänger "Rico, Oskar und die Tieferschatten" mit einem Helm, sondern nun mit einer merkwürdigen dunklen Erwachsenen-Sonnenbrille schützen möchte. Er will eben "inkognito" unterwegs sein. Seinem liebenswerten, aber oft noch etwas begriffsstutzigen Kumpel Rico, in dessen Mutter-Sohn-WG er unterkommen darf, erklärt er das sperrige Fremdwort schnell noch mal. Der Film löst das - wie auch einige witzige Rückblenden - mit einem Schwenk in Animationssequenzen.

Wie das in Kindererzählungen so üblich ist, steht Oskar zu Beginn einfach wieder da - zurück von seinem Vater, der ihn nur mit einem Rucksack und ein paar hingekritzelten Zeilen bei Ricos Mutter Tanja (erneut herrlich prollig und berlinernd: Karoline Herfurth) absetzt. Schon bald stellt sich heraus, dass komplizierte Familienverhältnisse, zumindest in der Großstadt, etwas Universelles sind. Ricos Mama wirkt oft bedrückt - Rico und Oskar finden rasch heraus, dass es einen Grund dafür geben muss.

Regelmäßig gewinnt Tanja wertvolle Damen-Handtaschen im schmierigen Bingo-Betrieb von Ellie Wandbeck (mit viel Augenrollen und großer Lust am Chargieren: Katharina Thalbach). Das Schockierendste an Tanjas Siegessträhne: Sie ist unehrlich erzielt. Oskar hat Ricos Mutter zweifelsfrei beim Schummeln beobachtet. Doch warum nur protestiert die sonst so hochfahrende Bingo-Madame nicht? Und warum verkauft Mutter Tanja, die für den gemeinsamen Lebensunterhalt nachts in Amüsier-Spelunken schuftet, die wertvollen Ledertaschen sofort wieder im Internet?

Es sind Fragen, die Rico und Oskar beschäftigen - die sie aber durchaus beantworten können. Schnell führen die Spuren in Unterweltgeschäfte. Die Jungs benötigen einen einigermaßen verlässlichen Mitstreiter. Den finden sie im etwas verlebten Lebemann Van Scherten (Henry Hübchen), der zwar kaum Autofahren kann, aber immerhin einen altersschwachen Benz besitzt, den man für spätere Verfolgungsjagden noch brauchen könnte. Behutsam und eher hüftsteif wie Van Scherten setzt eine Krimihandlung ein, in der auch Moritz Bleibtreu als Wandbecks Handlanger Boris eine entscheidende Rolle zukommt. Alles steuert - wie es muss - auf einen Show-down zu, der natürlich im Nachtklub von Ricos Mutter spielt.

Allerdings ist die äußere Handlung nur ein Strang, an dem sich die Familienfilm-Zuschauer entlang hangeln können. Mindestens genauso wichtig ist der rote Faden, der Vertrauen, Ehrlichkeit, wahre Freundschaft und das titelgebende "Herzgebreche" (Rico-Sprache für "Liebeskummer") abhandelt. Die große Stärke der Verfilmung ist, dass sie Nuancen in der Schwebe hält, nie allzu platt und kumpelig wird - und trotzdem nach dem Happy End die Zuschauer beschwingt und frühlingsgelaunt aus dem Kino entlässt. Während Wolfgang Groos also genau den Ton trifft, den man seinem jungen Publikum wünscht, kommen die begleitenden Erwachsenen ebenfalls auf ihre Kosten.

Allein das Wiedersehen mit den großen Namen des deutschen Film- und Fernsehbetriebs - darunter auch Ronald Zehrfeld, Milan Peschel und Annette "Danni Lowinski" Frier in tollen Nebenrollen - ist das Eintrittsgeld wert. Der dritte Film "Rico, Oskar und der Diebstahlstein", dann wieder inszeniert von Neele Leana Vollmar, der Regisseurin des ersten Beitrags der Reihe, soll im Mai nächsten Jahres in die deutschen Kinos kommen.

Quelle: teleschau - der mediendienst