Kind 44

Kind 44





Mörderjagd im totalitären Staat

Die Sowjetunion im Jahre 1953: Diktator Josef Stalin regiert immer noch furchterregend. Einst zur Elite gehörend und nun in Ungnade gefallen, kämpfen Leo Demidow (Tom Hardy) und seine Frau Raisa (Noomi Rapace) ums Überleben. Mit anderen Delinquenten werden sie in einen Viehtransporter gestopft. Den Mitgefangenen gibt man Messer, damit sie die beiden töten. Panik im Waggon, furchtbare Schläge, blitzende Stiche, hervorschießendes Blut: Die drastische Darstellung des sozialistischen Terrors bescherte "Kind 44" in Russland Aufführungsverbot. Ein Argument gegen den Film ist das nicht. Dennoch hätte der zeitgeschichtliche Thriller darauf vertrauen dürfen, die grausame Wahrheit über die Stalin-Ära entlang des Kriminalfilms zu enthüllen, der eigentlich im Mittelpunkt steht.

"Im Sozialismus gibt es keine Morde": An dieses Dogma wird der Moskauer Geheimdienst-Offizier Leo Demidow erinnert, als der Tod des kleinen Sohnes eines Kollegen eher nach einem Verbrechen aussieht als nach einem Unfall auf den Bahngleisen - zumal dem Kind inneren Organe fehlen. Doch Leo bekommt weder Gelegenheit noch Zeit zu ermitteln. Ein angeblicher Staatsfeind hat seine Frau Raisa als Spionin denunziert. Er hält zu ihr - und wird als einfacher Milizionär gemeinsam mit ihr in ein Kaff hinter dem Ural versetzt.

Aber auch dort findet sich die Leiche eines kleinen Jungen, und wieder sind Organe entnommen. Zusammen mit dem örtlichen Polizeichef General Nesterow (Gary Oldman) kommt er einer ganzen Serie von Kindesmorden entlang einer langen Bahnstrecke durch die Sowjetunion auf die Spur. Doch der skrupellose Generalmajor Kuzmin (Vincent Cassel) und Leos Erzrivale Wassilli (Joel Kinnaman) bekommen in Moskau Wind davon. Sie wollen die Aufklärung mit allen Mitteln verhindern.

Ihre Motive hierfür bleiben im Dunkeln. Weit entfernt von der psychologischen und sozialen Phantasie, mit der Autor Tom Rob Smith in der gleichnamigen Bestseller-Vorlage Innenwelt und Beziehungen seiner Figuren gestaltet, versucht "Kind 44" meist bloß mit einem Schock-Mix aus Denunziation, Deportation, abrupter Verfolgung und Exekution zu fesseln. Wohl wegen des spektakulären Mündungsfeuergedröhns kommt am Anfang sogar das Gefecht ums Reichstagsgebäude anno 1945 vor. Der Zusammenhang zwischen Stalins systematischer Aushungerungspolitik der 1930er-Jahre und den Beweggründen des Serienkillers bleibt hingegen vage.

Aber für eine spannungsvolle Atmosphäre ohne permanente Überreizung und eine subtile, geduldige Durchdringung des Stoffes waren vielleicht auch nicht die richtigen Leute an der Arbeit. Regisseur Daniel Espinosa und Drehbuchautor Richard Price haben ihre Meriten bei Streifen über den urbanen Dschungel New Yorks gesammelt. Für "Kind 44" wären wohl Filmschaffende aus dem ehemaligen Ostblock geeigneter gewesen, die den Stalinismus leibhaftig erlebt haben und nun teilweise in Hollywood tätig sind.

"Kind 44" zehrt vor allem von dem grundsätzlichen Verdienst, ein düsteres Kapitel in der Geschichte der Sowjetunion zu rekonstruieren und ein noch düstereres wenigstens anzudeuten. Hinzukommen die Hauptdarsteller: Zwar löst niemand in existenzieller Bedrängnis auch noch einen Kriminalfall. Aber Noomi Rapace vereint in der Figur der Raisa eindrucksvoll Schwermut und Zähigkeit. Und Tom Hardy findet schlicht seine Traumrolle als Leo Demidow, der gleichermaßen tüchtig, töricht und tugendhaft wenigstens ein bisschen aus dem ideologischen Schlummer erwacht.

Quelle: teleschau - der mediendienst