Dietmar Bär

Dietmar Bär





Der ewige Freddy

Dietmar Bär sagt, er habe den besten Job, den ein Schauspieler in Deutschland haben kann. Ist klar, "Tatort"-Kommissar. Regelmäßig Arbeit, Prominenz und überdurchschnittliches Fernsehen. Dennoch ist der Wahlberliner aus Dortmund einer von der rastlosen Sorte. Neben drei Kölner "Tatorten" im Jahr spielt er regelmäßig Theater, spricht Hörbücher ein und ist auch weiteren Filmrollen gegenüber nicht abgeneigt. Mit Komödienspezialist Uwe Ochsenknecht stand der 54-Jährige niemals zuvor vor der Kamera. Dafür musste die ZDF-Komödie "Kleine Fische, große Fische" (Donnerstag, 21. Mai, 20.15 Uhr, ZDF) kommen, in der die Publikumslieblinge zwei Ostsee-Fischerkumpels in der Krise geben.

teleschau: Warum besetzt man die Rolle zweier norddeutscher Fischer mit Schauspielern, die aus Mannheim und Dortmund kommen?

Dietmar Bär (lacht): Das habe ich mich auch gefragt. Als Schauspieler kann man sich immer damit rausreden und auch selbst beruhigen, dass es andere Leute vor einem gab, die die Fantasie hatten, dass ich das kann. Sonst wäre ich ja schließlich nicht besetzt worden.

teleschau: Aber ist es nicht schwierig, eine Heimatkomödie zu drehen ohne eine Verbindung zu Sprache oder Charakter der Region zu haben?

Bär: Jochen Alexander Freydank, dem Autor und Regisseur des Films, ging es nicht darum, dass wir Norddeutsch schnacken oder sonst irgendwie authentisch regional agieren sollten. Er wollte eine Geschichte erzählen, die ich eher als archaisch menschlich empfinde. Und deren Umsetzung im Übrigen erfreulich undeutsch geworden ist, vor allem was die Skurrilität des Films betrifft.

teleschau: Wo wurde gedreht?

Bär: Auf Rügen, vor Rügen und in Stralsund.

teleschau: Haben Sie selbst eine Beziehung zum Norddeutschen oder zu Fischern?

Bär: Zur Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns habe ich schon eine besondere Beziehung. Ich bin jeden Winter dort. Meine Frau und ich beginnen das Jahr immer mit einer Entschlackungskur. Im Januar oder Februar, bevor Dreharbeiten losgehen, sind wir immer in Binz auf Rügen. Ich kannte die Insel allerdings bislang nur unter Schnee und Eis. Die Gegend jetzt zum ersten Mal im Sommer erlebt zu haben, war noch einmal etwas Besonderes.

teleschau: Kommen wir noch mal zurück zu den Fischern. Würden Sie sagen, dass es egal ist, ob man als Schauspieler mit einer gewissen Spezies Mensch, die man spielt, in seinem Leben zu tun hatte?

Bär: Als Schauspieler muss man das Leben studiert haben. Am besten ziemlich viel davon. Man hat ja nur sich selbst und seine Erfahrung als Handwerkszeug. Ob man nun genau jenen Beruf oder Landstrich kennt, den ein Drehbuch erzählt, ist meiner Meinung sekundär. Es sein denn, man will ein Regionalporträt mit stimmigem Dialekt und so weiter zeichnen. Ich habe lange das Ruhrgebiet studiert. Einfach, weil ich da herkomme, in Bochum auf der Schauspielschule war und unter Claus Peymann am Schauspielhaus Bochum auch meine ersten Erfahrungen sammelte. Ich finde ich, dass sich das Ruhrgebiet und die ostdeutsche Küste gar nicht so grundlegend voneinander unterscheiden. Beide Regionen bringen verstärkt einen Typus Mensch hervor, der sich durch eine gewisse knorrige Direktheit auszeichnet.

teleschau: Sie drehen drei "Tatorte" im Jahr - was Ihre Zeit für andere Projekte begrenzt. Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen abseits des Freddy Schenk aus?

Bär: Die Drehzeit, die grob gesagt von März bis November geht, ist durch den Kölner "Tatort" schon gut gefüllt. Und ich spiele ja auch noch Theater. Wenn dann noch Filmangebote kommen und es zeitlich passt, entscheide ich immer nach Buch, Lust und Laune. Natürlich ist es mein Interesse als Schauspieler, dann auch Figuren zu spielen, die sich von Freddy Schenk unterscheiden.

teleschau: Fühlten Sie sich in 18 Jahren niemals eingeengt durch diese Rolle?

Bär: Es wäre ziemlich arrogant, das zu behaupten. "Tatort"-Kommissar ist der beste Arbeitsplatz, den man als Schauspieler in Deutschland haben kann. Die Qualität der Filme ist meistens überdurchschnittlich gut. Dazu hat man zwei bis drei Hauptrollen pro Jahr sicher. Und man bekommt durch die Prominenz, die einem diese Rollen bringen, noch die Chance, interessante andere Sachen zu machen. Noch etwas sollte man nicht außer Acht lassen. Durch den ordentlichen Verdienst bekommt man die Möglichkeit, zwischendurch einfach mal drei Wochen zu leben und zu lesen: Drehbücher, Hörbücher vorbereiten, andere schöne Sachen machen. Was soll ich mich also beklagen? Die meisten Schauspieler müssen alles nehmen, was sie angeboten bekommen, um überhaupt von ihrem Beruf leben zu können. Ich kann selbst entscheiden, was ich mache.

teleschau: Trotzdem hat jeder Mensch auch Gefühle bei der Arbeit. Haben Sie und Ihr Kollege Klaus J. Behrendt eine Methode, wie Sie Ihren Job beim Kölner "Tatort" frisch halten?

Bär: Alles steht und fällt mit den Büchern. Daran sind wir nur teilweise beteiligt. Trotzdem ist es, wie finde ich, ganz gut gelungen, die Filme mit Ballauf und Schenk interessant zu halten. Natürlich lebt das Ganze auch von der Atmosphäre zwischen Klaus und mir. Wir kennen uns seit 1990 und verstehen uns sehr gut. Seit 1997 drehen wir zusammen "Tatort". Aber es gibt ja auch eine Menge Wechsel bei uns. Wir haben immer wieder ein neues Buch, die Geschichten wechseln also. Dazu kommen immer neue Schauspieler, neue Regisseure und so weiter. Im Prinzip sind Klaus und ich die einzigen Konstanten in einem sich ständig verändernden Arbeitsklub. Natürlich werden wir selbst immer älter, aber das ist ja auch Teil der Erzählung. Alterslose Supermänner zu geben, darauf hätten wir keinen Bock.

teleschau: Wofür steht denn der Kölner "Tatort" Ihrer Meinung nach?

Bär: Wenn ich mir die vielen neuen Teams anschaue, die überall entstanden sind oder entstehen, stehen wir wohl für eine gewisse Kontinuität. Wir sind ältere Kommissare, vielleicht auch mit einem etwas älteren Publikum. Ich glaube, dass wir von unseren Altersgenossen ziemlich gemocht werden. Jedenfalls schließe ich darauf, wenn ich hochrechne, welche Leute mir zwischen Bahnhof und Fußballstadion Dinge hinterherrufen. Ich stecke aber zu tief drin im Kölner "Tatort", um wirklich eine Außensicht entwickeln zu können. Auch ich entnehme die Analysen meines eigenen "Tatorts" vornehmlich der Presse (lacht).

teleschau: Würden Sie gerne mehr bei den Drehbüchern mitreden? Andere "Tatort"-Darsteller tun das ja angeblich recht intensiv ...

Bär: Um Gottes willen! Drehbücher schreiben ist eine eigene Kunstform. Außerdem ist es eine Arbeit, um die ich niemanden beneide. Man muss bereit sein, in diesen Job viel Zeit, Geduld und Frustrationstoleranz zu investieren. Ich habe nur so viel mit Drehbüchern zu tun, wie man als Schauspieler eben damit zu tun hat. Das heißt, wir machen Leseproben mit dem Regisseur und der Produzentin. Natürlich ändert man hier und da mal ein Wort oder einen Satz - weil in Drehbüchern manchmal Sachen stehen, die ein normaler Mensch oder - im meinem Fall - Freddy Schenk niemals sagen würde. Trotzdem haben wir als erfahrene Schauspieler eine Meinung zu Geschichten und Drehbüchern. Und die äußern wir auch.

teleschau: Fühlen Sie sich heute anders mit Ihrem Job als vor zehn oder 20 Jahren?

Bär: Natürlich. Mein Beruf des Schauspielers verändert sich mit meinem Leben als Mensch. Ich werde älter, habe mehr Erfahrungen und mache andere, neue Erfahrungen. Mein Kollege Klaus Behrendt sagt immer, man lernt zwar viel an der Schauspielschule. Aber zum Beispiel nicht, wie man mit Prominenz umgeht.

teleschau: Wie meint er das?

Bär: Nun ja, wenn wir montags auf die Straße treten, müssen wir damit umgehen, dass uns am Vorabend neun oder zehn Millionen Leute am Fernseher verfolgt haben. Das ist schon gewöhnungsbedürftig. Wir fühlen uns ja nicht als Stars oder Prominente. Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich immer nur Dietmar Bär und keinen Prominenten. Dazu kommt, dass man es als bekannter Schauspieler auch mit einem gewissen Respekt oder gar Nervosität zu tun bekommt, die einen öfter trifft, wenn man Szenen mit jungen Kollegen spielt. Ich empfinde die Art von Distanz, die durch das Prominent-Sein entsteht, eher als Nachteil - mit dem man leben lernen muss.

teleschau: Sie wirken so bodenständig und kommunikativ. Gar nicht wie jemand, der scheu ist und unter seinem Promi-Dasein leidet ...

Bär: Es ist auch nicht so schlimm, wie es sich vielleicht anhörte. Sie haben mich nach Dingen gefragt, die in meinem Job im Vergleich zur Zeit vor 20 Jahren anders sind. Da fällt mir dieser Punkt eben ein, der ein Leben doch ziemlich verändert. Grundsätzlich beruhigen sich die Menschen meistens nach zwei Minuten, nachdem sie mich kennengelernt haben. Ich bin ja nicht Michael Jackson. Anderseits gibt es auch Leute, die springen mich an, wenn ich irgendwo sitze, sie duzen mich als Freddy und so weiter. Auch diese Leute muss ich ernst nehmen, denn die sind ebenfalls ein Phänomen.

teleschau: Ist Freddy Schenk eine Art Parallelpersönlichkeit für Sie?

Bär: Nein, das fände ich gefährlich. Dann müsste ich ganz schnell in Behandlung gehen. Netto gesehen sind es bei 23 Drehtagen pro Film, die wir uns erstritten haben, gerade einmal 69 Tage im Jahr, in denen ich Freddy Schenk spiele. Das geht noch, finde ich. Den Rest gilt es auszuhalten. Durch die Wiederholungen in den dritten Programmen sind wir omnipräsent im Fernsehen - das ist schon irre. Ich beschäftige mich aber tatsächlich nur in der Drehzeit damit, was mit Freddy ist.

teleschau: Bleiben Sie manchmal bei sich selbst hängen, wenn Sie abends beim Zappen einen alten Kölner "Tatort" finden?

Bär: In der Regel nicht. Ich habe nicht viel Zeit zum Gucken, deshalb schaue ich meist geplant irgendwelche Dinge an und gerate nicht in den Zapping-Modus. Manchmal bleibe ich aber trotzdem hängen. Vor allem bei Filmen, die schon ziemlich alt sind. Man hat als Film-Schauspieler das Privileg, die eigene Arbeit von früher später noch mal neu beurteilen zu können. Das ist natürlich spannend zu sehen, wie man selbst mit 35 ausgesehen und gespielt hat.

teleschau: Können Sie sich heute besser sehen als früher?

Bär: Ich kann mich heute besser beurteilen als damals. Früher konnte ich mich nicht konstruktiv selber anschauen. Das Anhören geht bis heute nicht. Doch eines habe ich immerhin über die vielen Jahrzehnte gelernt. Ich kann mir selbst analytischer zuschauen. Besser als nichts, oder?

Quelle: teleschau - der mediendienst