Michael Patrick Kelly

Michael Patrick Kelly





Der Sinnsucher

Die langen Haare sind längst ab. Den Wohnwagen, in dem er einst als drittjüngstes Mitglied der Kelly Family geboren wurde, hat Michael Patrick "Paddy" Kelly gegen ein Landhaus in Niederbayern eingetauscht. Musik macht er noch immer. Keine Selbstverständlichkeit: Nach einer Sinnkrise tauchte Kelly, heute 37, im Jahr 2004 in einem Kloster unter. Sechs Jahre später verließ er die Ordensgemeinschaft, jetzt legt er sein erstes Solostudioalbum nach zwölf Jahren vor: "Human". Zum Interview in der Münchner Sony-Zentrale erscheint der Musiker standesgemäß mit Gitarrenkoffer und erzählt dann - in einem sympathischen Deutsch mit sowohl rheinländischem als auch irischem Einschlag - von seiner Zeit mit der Kelly Family und von seinem Neuanfang.

teleschau: "Shake Away", der erste Song Ihres neuen Albums "Human", handelt von einem Neustart im Leben. Passt das zu Ihrer jetzigen Situation?

Michael Patrick Kelly: Ja, "Shake Away" ist ein Song über Aufbruch, Freiheit und Rettung durch die Liebe. Mein Leben fühlt sich zurzeit wie ein Neuanfang an, wie ein Frühling, wenn die ersten Sonnenstrahlen kommen und alles aufblüht. Es soll eine Bambussorte geben, die ein, zwei Jahre unter der Erde wächst. Und wenn sie dann rauskommt, wächst sie einen Meter pro Monat. So fühle ich mich im Moment ein bisschen.

teleschau: Sie nennen sich nicht mehr Paddy, sondern Michael Patrick. Ist auch das Teil des Neustarts?

Kelly: Jetzt beginnt für mich der dritte Lebensabschnitt, für den "Human" der Grundstein ist. Da schien es mir natürlich sinnvoll, meinen vollen Namen zu verwenden. Ich bin kein Teenie mehr, ich bin jetzt 37. Meine Freunde nennen mich nach wie vor bei meinem Spitznamen, und das ist auch gut so. Aber Michael Patrick ist der Name, den mir meine Eltern gaben und der auch auf meinem Grabstein stehen wird.

teleschau: Was meinen Sie, wenn Sie sagen, dass jetzt Ihr "dritter Lebensabschnitt" beginnt?

Kelly: Man könnte mein Leben in drei Kapitel einteilen. Das erste Kapitel war meine Zeit mit der Kelly Family. Da lernte ich Singen, Songschreiben, Konzerte geben. Wir machten unglaubliche Erfahrungen zusammen, spielten erst auf der Straße, dann in großen Stadien. Ich wurde in einem Campingwagen geboren, und mit Anfang 20 lebte ich in einem Schloss. Wir konnten alle unsere Träume erfüllen. Das war eine prägende, wichtige Zeit. Das zweite Kapitel war eine Auszeit, eine zeitlose Zeit.

teleschau: Sie spielen auf Ihre sechs Jahre in einer Ordensgemeinschaft an ...

Kelly: Genau. Dort wählte ich eine Lebensform, die ganz anders war als alles, was ich bislang kannte. Ich gab mit meinen Geschwistern bis zu 200 Konzerte im Jahr, wir hatten Verträge für Japan und die USA auf dem Tisch. Ich brauchte aber eine Auszeit, suchte Zeit fürs Wesentliche, ohne Ablenkung von außen. Ich hatte eine Sehnsucht nach Mehr in mir, die materielle Dinge nicht stillen konnten. Und ich hatte spirituelle Fragen: Besteht der Sinn des Lebens im Tun? Oder im Haben? Oder gibt es einen Sinn unabhängig vom Tun und Haben?

teleschau: Welche Antwort haben Sie gefunden?

Kelly: Das lässt sich nur schwer in Kürze beantworten, darüber müsste man ein ganzes Buch schreiben! (lacht) Ich habe verstanden, wer ich bin, wo ich herkomme und eine grobe Vorstellung davon, wo ich hingehe. Letztendlich suchen wir alle nur nach dem Glück. Würde man heute junge Leute fragen, was sie werden wollen, würden die meisten wohl antworten: Superstar. Das ist heute oft das Glückssymbol der Jugend. Meine Erfahrung hat mich eines Besseren belehrt.

teleschau: Ihr letztes Soloalbum "In Exile" war stark christlich geprägt. Auf "Human" hört man das kaum heraus.

Kelly: "In Exile" habe ich zu einer Zeit gemacht, als ich mich frisch mit dem Glauben befasst habe. Als Künstler ist es normal, seine Erlebnisse in seinen Songs auszudrücken. "Human" ist kein religiöses, kein spirituelles Album. Einige Songs kann man zwar sicher doppeldeutig verstehen, sie sind aber nicht das Ergebnis meiner Klosterzeit. Mein Thema auf "Human" ist der Mensch. Der Mensch bleibt ein Rätsel, das man ein Leben lang entziffern kann.

teleschau: Wie haben Sie versucht, dieses Rätsel zu lösen?

Kelly: Ich habe versucht, in "Human" die verschiedenen Facetten der Menschlichkeit auszudrücken. Der Song "Little Giants" handelt von Jugendlichen und Kindern, die Heldenhaftes geleistet haben, um anderen zu helfen. "Renegade" hingegen erzählt von einem Abtrünnigen und behandelt die dunklen Seiten des Menschen. Unsere Freiheit erlaubt es uns, uns für eine Richtung zu entscheiden. Dazwischen gibt es Songs wie "Beautiful Soul", der vom menschlichen Gefühl der Trauer handelt. Ich verarbeite darin den Verlust eines geliebten Freundes. "Happiness" ist ein Song über die Suche nach Glück und die Sehnsucht nach Sinn. Und schließlich: Was wäre das Leben ohne die Liebe? Liebe ist die Lebenskraft, die uns gesund hält, wir alle sind Beziehungswesen. Deswegen ist die Liebe auch ein wichtiges Thema auf "Human".

teleschau: Früher haben Sie gemeinsam mit Ihrer Familie Musik gemacht, heute sind Sie Solokünstler. Wie fühlt sich das an?

Kelly: Als Bandleader hatte ich die Verantwortung für die Kelly Family, damit waren Druck und hohe Erwartungen verbunden. Heute ist das nicht mehr so, ich genieße es, alleine meine Musik zu machen.

teleschau: Die Kelly Family hat sich nie offiziell aufgelöst. Haben Sie vor, wieder mit Ihrer Familie aufzutreten?

Kelly: Wie sagten schon die Eagles: "When hell freezes over!" (lacht) Es ist alles offen, es gibt keine konkreten Pläne.

teleschau: Sind viele Ihrer Fans aus Kelly-Family-Zeiten im Publikum, wenn Sie heute auftreten?

Kelly: Natürlich gibt es viele Menschen in meinem Publikum, die mich noch aus den 90-ern kennen, die jetzt Mitte 30 und älter sind. Diese Treue finde ich toll. Aber es sind auch viele neue und auch jüngere Leute dazugekommen.

teleschau: Zur Hoch-Zeit der Kelly Family Mitte der 90-er waren Sie ein Frauenschwarm. Haben Sie das als damals 16-Jähriger genossen?

Kelly: Die Hysterie der Fans habe ich als Teenager nie verstanden. Die Konzerte haben mir viel Spaß gemacht, im Alltag war es aber doch sehr schwierig. Ich konnte nicht ohne Bodyguard auf die Straße. Es gab Fans, die wollten uns die Haare abschneiden! (lacht)

teleschau: Sie waren mit ihrer Familie immer unterwegs. Fühlen Sie sich jetzt angekommen?

Kelly: Ich bin bei mir selbst angekommen, aber ich bleibe ein Mensch in Bewegung. Mein Leben war immer ein Zickzack-Kurs. Manchmal muss man, wenn man die Quelle sucht, stromaufwärts schwimmen. Dass ich mich selbst gefunden habe, ist ein Geschenk. Ich brauche keine Extremerfahrungen mehr, um mich selbst zu spüren.

Quelle: teleschau - der mediendienst