Jeder spielt mit

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Die 68. Filmfestspiele von Cannes finden nicht nur in den Sälen statt

Für ein junges Aussehen greifen sie zum Messer, Kinder wollen sie um jeden Preis in die Welt setzen, und ihr Erwachsenwerden findet unter erschwerten Bedingungen, unter ständiger Beobachtung statt. Willkommen in der Märchenwelt - und zwar nicht der aus Hollywood -, sondern von Regisseur Matteo Garrone, der sich in seinem Wettbewerbsbeitrag "Tale Of Tales" an die opulente Verfilmung einer italienischen Märchensammlung von Giambattista Basile aus dem 17. Jahrhundert wagt. Einer Art Urmärchen, wie man sie in dieser Form noch nie gesehen hat. Zwischen "großartig" und "bekloppt" schwanken die Kritiken. Wunderbar, dass man sich streiten kann. Bleibt abzuwarten, was die Jury unter Vorsitz der Brüder Joel und Ethan Coen bei den 68. Internationalen Filmfestspiele von Cannes (13. bis 24. Mai) dazu sagt.

Die Stimmung könnte derweil an der Côte d'Azur nicht besser sein. Das Wetter spielt mit und das Publikum auch. Denn das Festival findet nicht nur in den Kinosälen statt, sondern auch auf der Straße, vor allem auf der Croisette. Auf der breiten Strandpromenade vor den großen Luxushotels übernimmt jeder seine Rolle. Die Flaneure bestaunen die Darbietungen der Kleinkünstler, die sich den Besucherandrang zu Nutze machen. Die Fans warten lange geduldig an den Absperrungen des roten Teppichs auf die Stars des Abends oder stehen beim Hotel Martinez, wo so manch einer eincheckt.

Ab 17 Uhr ist Partytime und die Dichte der Smokings und Abendkleider nimmt zu. Aufgehübschte versuchen ihr Glück bei den vielen edlen zugangsbeschränkten Strandclubs, aus denen die Bässe verheißungsvoll auf die Promenade heraufdröhnen. Arm in Arm mit Vorfreude im Gesicht strömen die glücklichen Inhaber von Tickets für die Abendvorstellungen an ihnen vorbei. Hier ein Lächeln für die Fotografen - nein, es sind nicht die auf dem roten Teppich, sondern solche, die den No-Names nachher ihre Fotos verkaufen wollen. In Pose geworfen wird sich trotzdem. Auf den "Marches" herrscht nach Wunsch von Thierry Fremaux, künstlerischer Leiter des Festivals, in diesem Jahr eigentlich ein Selfie-Verbot. Ob Promi oder nicht. Die Gäste rückten trotzdem mit ihren Smartphones an. Sehr zum Ärger des Personals am roten Teppich, das sie zum Weitergehen drängte, wollten viele es sich nicht nehmen lassen, diesen einmaligen Moment festzuhalten.

Eine, die so etwas nicht nötig hat, ist die Grande Dame des Films Catherine Deneuve. Sie bewies ihre Klasse nicht nur mit einer sehenswerten Darstellung als Jugendrichterin im mittelmäßigen Eröffnungsfilm "La Tête Haute", sondern auch mit ihrer gelassenen Reaktion auf das Titelbild von "Charlie Hebdo". Darauf wurde sie aufgrund ihrer körperlichen Erscheinung als jemand, der Bomben unterm Kleid verstecke, verunglimpft. Das Satireblatt und die terroristischen Anschläge in Paris waren übrigens auch mit ein Grund dafür, in diesem Jahr ein Sozialdrama über kriminelle französische Jugendliche für die Eröffnung auszuwählen, anstatt auf einen Film mit mehr Glamour zu setzen. Am nächsten Abend dann doch mit "Mad Max - Fury Road" das große Spektakel mit einem Gewaltfilm, der durch seinen Kultstatus etwas Cooles hat, zu inszenieren, illustriert die Widersprüchlichkeit des Festivals. Aber zurück zu "Charlie Hebdo", denn die Zeitschrift bekommt einen eigenen Film, der sich momentan in Post-Produktion befindet und auf dem Filmmarkt zum Verkauf angeboten wird. "I Am Charlie" heißt die Doku von Daniel Leconte mit exklusiven Interviews der überlebenden Mitarbeiter.

Cannes wäre nicht Cannes, ginge es nicht auch ums Verkaufen. Der Status als wichtigster Filmmarkt der Welt sorgt dafür, dass es sich keiner leisten kann, hier zu fehlen. Wie es der Branche geht, lässt sich auch an der Plakatierung der Hotels an der Croisette, vor allem des Carlton, ablesen. Viel Geld hat hier Disney gelassen, die in einer Sondervorstellung auf dem Festival auch den Pixar-Film "Inside out" ("Alles steht Kopf") präsentieren. Auf riesigen Bildschirmen läuft der Trailer zu "Terminator: Genesys".

Die süßeste Werbeaktion aber haben sich die Macher von "Die Peanuts - der Film" einfallen lassen. Mit einer Popcorntüte in der Hand kann man sich auf Kinosesseln neben den Figuren kostenlos fotografieren lassen. Hinter der Werbung vorne treffen sich auf der Terrasse und in den Suiten des Carlton die Menschen, die sich neue Projekte ausdenken und finanzieren, Starbesetzungen aushandeln und den nächsten Blockbuster auf den Weg bringen können. Ein Wiedersehen in Cannes ist sicher.

Quelle: teleschau - der mediendienst