Thomas Gottschalk

Thomas Gottschalk





Der König sucht sein Volk

Man entkommt ihm dieser Tage nicht. Thomas Gottschalk hat das Rentenalter erreicht. Aber er ist medial omnipräsent wie in allerbesten Zeiten. Seine Autobiografie "Herbstblond" grüßt von Platz eins der Bestsellerliste. Gottschalk talkt mit Elstner bei Lanz übers Leben und über Fußball bei Sky. Der "Stern" macht eine Homestory am Zweitwohnsitz Berlin, und Frauke Ludowig darf sich als erste kamerabegleitete Reporterin überhaupt auf seinem riesigen Anwesen in Malibu umsehen ("Exclusiv Spezial - Frauke trifft Gottschalk!", Sonntag, 17. Mai, 19.05 Uhr, RTL). An seinem Jubeltag selbst, dem 18. Mai, bestreitet der schillernde Unterhalter gar etwas, um das er sich bislang mit Erfolg gedrückt hatte: eine große Geburtstagsshow zu eigenen Ehren ("Herbstblond - Gottschalks große Geburtstagsparty", Montag, 18. Mai, 20.15 Uhr, RTL).

Vier Jahre, nachdem er seine Lebensaufgabe "Wetten, dass ..?" beendet hat, könnte man meinen, die große, bunte Fernsehwelt drehe sich wieder um den einstigen Sonnenkönig der Samstagabendunterhaltung. Wahrscheinlicher ist jedoch etwas ganz anderes: Mit nunmehr 65 Jahren steckt der gebürtige Franke in einer ihn beunruhigenden beruflichen Selbstfindungsphase. Vielleicht zum ersten Mal überhaupt.

Tatsächlich fügte sich im Leben der 1950 in Bamberg geborenen Frohnatur das allermeiste auf glückliche Art. Thomas Gottschalk weiß das selbst am besten. In seinen erfrischend verfassten Memoiren nennt er sich einen "Glückspilz", der großes Kapital aus seinem gottgegebenen "Dampfplauderer"-Talent geschlagen habe. Sein Ruhm sei ihm "mehr oder weniger in den Schoß gefallen". Er sei eben mit seinen "Talenten im richtigen Moment am richtigen Platz" gelandet. Einem Platz, den es heute jedoch so nicht mehr gibt.

"Die berufliche Idylle, in der ich meine Erfolge feiern durfte, hat sich erledigt", hadert der Mann, der lange Jahre das TV-Lagerfeuer für die ganze Familie entfachte. "Die Nation ist durchgecastet, durchgequizt und durchgekocht", analysiert er treffsicher. Den Conférencier fürs große Ganze braucht in Zeiten des Zielgruppenfernsehens kein Mensch mehr. Gottschalk fragt daher ebenso schonungslos wie zu Recht: "Gibt es für mich und mein Verständnis von Unterhaltung im aktuellen Fernsehen noch einen Platz?"

Eine verbindliche Antwort bleibt der Mann, der noch immer 98 Prozent der Deutschen ein Begriff ist, in seiner Autobiografie schuldig. Dennoch scheint zumindest eine Richtung erkennbar. Da ihm die multimediale Gegenwart in weiten Teilen ein Graus ist, flüchtet er mit bebender Nostalgie im Herzen immer tiefer ins Reich der Erinnerung. Sollte es wie von Gottschalk angeregt "Wetten, dass ..?" tatsächlich künftig als jährliches Event geben, wäre das keine Wiederauferstehung der beerdigten Samstagabendshow, sondern ein Retro-Revival im seligen Gedenken an bessere Tage.

Auch die "Klassentreffen"-Show "Back to School" bei RTL ist angetrieben von so einer verklärenden Rückwärtsbewegung, das anekdotenreiche Quiz- und Spielformat "Die 2" mit Freund und Weggefährte Günther Jauch ebenso. Ab 12. Juni präsentiert der bekennende Rockmusikfan die Reihe "40 Jahre Musikvideos" bei RTL (freitags, 23 Uhr). Ein lächerlich winziges Format für jemanden, der früher die halbe Nation bespaßen durfte, gewiss. Aber immerhin eines aus dem Wohlfühlbereich.

Liest man Gottschalks Lebenserinnerungen aufmerksam, hat man den Eindruck, dass er niemals so sehr bei sich selbst war wie als junger Radiospaß- und Paradiesvogel, der den piefigen Beamtenapparat des Bayerischen Rundfunks mit heute undenkbarer Narrenfreiheit aufmischen durfte. Gottschalk erinnert sich: "eigener Garagenplatz, Vollbemusterung mit LPs und ein Gehalt dafür, den ganzen Tag Musik zu hören - kann das Leben schöner sein?"

Er habe diese Jahre "wie einen Traum erlebt" und könne nicht fassen, "wie schnell sie vorbeigeflogen sind". Es ist fast wie bei Camus, der einst weise erkannte, dass das Leben eines Mannes ein einziger Versuch sei, die wenigen Minuten wach werden zu lassen, in denen sich sein Herz zum ersten Mal öffnete. Kein Zweifel, dass Gottschalks Herz erstmals zwischen Radiomikrofon und Plattenteller aufging wie eine Blume: "Von allen, die mich heute ansprechen, sind mir die Fans am liebsten, die sich und mich an diese Phase meiner Karriere erinnern."

Die im Quotenfiasko geendete ARD-Vorabendshow "Gottschalk Live" war 2012 ein mutiger, aber untauglicher Versuch, die alte Magie und Unschuld wieder aufleben zu lassen. Die Ausführung war schlecht durchdacht, die Idee einer kleinen, charmanten Alltagssendung aber nicht verkehrt. Die Schlüsselfrage ist folglich die, ob sich das übergroße Ego des einstigen Massenunterhalters in eine Nische zwängen lässt, ohne Schaden zu nehmen. Ob der Sonnenkönig unter den TV-Entertainern akzeptieren kann, dass sein Volk mit ihm ergraut und darüber hinaus auch noch arg dezimiert ist.

Dass der Kampf gegen den Medienwandel einer gegen Windmühlen ist, hat Gottschalk selbst erkannt. Als Don Quijote will er gewiss nicht enden. Er wird künftig also kleinere Brötchen backen müssen, solange er der Ofen nicht ganz ausmachen will. Entscheidend ist eh, wie sie schmecken. Dem König und seiner immer noch beachtlichen Gefolgschaft.

Quelle: teleschau - der mediendienst