Amok - Hansi geht's gut

Amok - Hansi geht's gut





48 Stunden Tristesse

Nein, Hansi geht's - wie es der Untertitel des Filmes behauptet - schon längst nicht mehr gut. Doch Hansi ist auch nicht der Protagonist, der am Ende des Psychodramas "Amok" um sich schießt. Könnte er gar nicht, ist er doch ein Vogel. Ein Vogel, der offensichtlich schon längere Zeit auf dem Käfigboden in einer teils verwahrlosten Wohnung vor sich hin verwest. Das tote Federvieh ist nur einer von vielen Hinweisen darauf, dass in Lorenz Fuchs' Leben etwas verkehrt läuft. Bis er aber tätig wird, bis er schließlich "Amok" läuft, darf der Zuschauer Tilo Nest (als Fuchs) bei einer wahrhaft beklemmend gespielten Lethargie-Studie beobachten. Der Independent-Film "Amok - Hansi geht's gut" ist großes deutsches Charakter-Schauspiel, in Szene gesetzt von Regisseur Zoltan Paul.

Was Lorenz Fuchs letztendlich dazu bewegt, im späteren Verlauf des Films eine Waffe zu besorgen, um dem Leben anderer ein Ende zu setzen, wird in den knapp eineinhalb Stunden gar nicht so offensichtlich. Die Kamera spaziert schnittfrei in den ersten zehn Minuten hinter einem Mann her, der in unserer Gesellschaft sicherlich kein Einzelfall ist: Einsam, gelangweilt und apathisch frühstückt Fuchs, packt sich ein Brot ein, macht sich fertig für die Arbeit.

An seiner Tür wird er von einer Frau abgefangen. Sie beginnt auf ihn einzureden, er müsse doch mal wieder seine Mutter im Altersheim besuchen. Doch das lässt ihn völlig kalt. Er ignoriert sie gänzlich auf seinem Weg zum Auto. Später stellt sich heraus, dass es sich dabei um seine Ex-Frau handelte, die ihn wohl einst betrog und nun in der Wohnung neben ihm, in einem Berliner Mehrfamilienhaus wohnt.

Doch das ist nicht das einzige Problem des stillen Endfünfzigers. Seine Firma macht dicht, fusioniert mit einem Hamburger Unternehmen. Fuchs arbeitet in der Rechnungsabteilung. Sein Chef (Charly Hübner), das Abbild eines neoliberalen Arschlochs, zitiert ihn zu sich: In Fuchs' Klarheit, Ruhe und Unnahbarkeit will er ähnliches Wirtschaftsverständnis - "fressen, zerstören, ausscheißen" - ausgemacht haben. Er brauche sich keine Sorgen um seine Zukunft machen, der Einzelgänger solle doch mit nach Hamburg kommen.

Erstmals scheint sich in Fuchs etwas zu tun, das Atmen fällt ihm schwer. Sichtlich überfordert von der Situation streift er in der Folge umher. Regisseur Paul lässt offen, was in dem Mann wirklich vorgeht. Man spürt sein Unbehagen, man erkennt Verzweiflung - doch von was wird diese ausgelöst? Plötzliche Überforderung? Das Herausreißen aus dem täglichen Trott? Eine Antipathie gegenüber dem schmierigen Chef? Fuchs zerfällt zusehends, beginnt zu trinken - wie sich herausstellt ist er trockener Alkoholiker. Der Anruf bei seiner Mutter fördert weiteren Frust zu Tage.

Zoltan Paul ist mit "Amok - Hansi geht's gut" ein beachtlicher Spielfilm mit Kammerspiel-Charakter gelungen, eine Figurenstudie, die allein schon wegen der titelgebenden Amok-Thematik bedrückt. Der Frust seiner Hauptfigur wabert über die volle Länge durch den Streifen. Da dieser aber nur 48 Stunden von Fuchs' Leben dokumentiert, fehlt jede Konkretheit hinter dessen Depression. Was Menschen zu so einer Untat bewegen kann, versucht das Drama nicht klar zu beantworten. Er stellt nur heraus, dass eine solche Gewalthandlung nicht (immer) vorhersehbar ist. Denn das Leid des Lorenz Fuchs, so undurchsichtig und undefiniert es im Film auch bleibt, kennen viele Menschen in unserer Gesellschaft.

Quelle: teleschau - der mediendienst