Tracers

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Klettern ist kein Entkommen

Richtig in der Tinte stecken - so sieht das aus: Mit Waffen, die sie eigentlich nicht benutzen wollen, fuchteln Cam (Taylor Lautner) und seine Kumpels vor den hünenhaften Angestellten einer mehr als zwielichtigen Bank herum. "Wie kommen wir in den Tresorraum???" schreien sie immer verzweifelter. Als sich die Lage blutig zuspitzt, ist es durchaus hilfreich, dass sie mit kräftigen Sprüngen über einige Tische durch eine Zwischendecke aus Styropor entweichen können. Aber sehr schnell zeigt sich, dass ihre Probleme dadurch nicht gelöst sind. Der Action-Thriller "Tracers" ist zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht zu Ende. Doch die Hauptingredienzen - die subkulturelle Modesportart Parkour und heillose Verwicklung in kriminelle Machenschaften - bringt diese Szene am besten auf den Punkt.

Die Bewegungsart Parkour, bei der man per Körperkraft Hindernisse überwindet, ist eine französische Erfindung. Der Titel "Tracers" will als englisches Begriffsäquivalent dienen. "Twilight"-Co-Star Taylor Lautner gibt mit Cam einen Fahrradkurier, der aus Liebe dem Parkour verfällt. Während er mal wieder durch die verstopften Straßen New Yorks rast, kollidiert er mit einer jungen Frau (Marie Avgeropoulos), die vom Himmel gefallen zu sein scheint. "Tut mir leid um dein Bike", sagt sie und hüpft über Autos im Stau davon. Tatsächlich ist das Rad hin - und damit Cams Erwerbsgrundlage.

Aber die Unbekannte schenkt ihm ein neues, viel besseres Rad. Schon von ihrer ersten Begegnung betört, findet Cam ihren Namen heraus: Nikki. Die junge Frau turnt mit ihrem Bruder Dylan (Rafi Dylan) und ein paar anderen Jungs höchst munter über Dächer, Abgründe und überhaupt alles, was sich in den Weg stellt. In dieser Kunst übt sich Cam, bis er von dieser seltsamen Bande aufgenommen wird, die auf einem rostigen Tanker im Hafen haust.

Soweit unterscheidet sich "Tracers" kaum von den pubertären Großstadt-Märchen Hollywoods, die um Tanz- oder andere Ertüchtigungsformen gewunden werden. Stets situationsadäquat fasst die Kamera den akrobatischen Rausch so ein, dass er sanft ansteckend ist. Leichtes Wackeln und Schwenks statt Schnitte bei Gesprächen schreibt man einer Kunstsinnigkeit zu, die nicht wirklich stört. Dass Cam enorme - und plausibel erklärte - Schulden bei der chinesischen Mafia hat, hält man für das übliche Konflikt-Beiwerk, das sich dank der Liebe zu Nikki und der Zugehörigkeit zur Gang schon auflösen wird. Doch wie seine Akteure sucht "Tracers" nach einem Weg abseits der Konvention.

Statt alte Schwierigkeiten loszuwerden, gerät Cam in neue. Denn Nikki und die Jungs sind eine Einbrechertruppe im Strudel von Gewalt und Abhängigkeiten. Sie sind vollständig in der Hand ihres Auftraggebers Miller (Adam Rayner), Nikki ist alles andere als freiwillig dessen Geliebte. Die Vergangenheit ist erdrückend, eine Zukunft scheint es nicht zu geben: Man erkennt den Input eines Drehbuchautors wie Leslie Bohem, der schon Drehbücher für sehr erfolgreiche Filme der Seelennarbenhelden Silvester Stallone und Pierce Brosnan verfasst hat.

Nur fehlt es an Konsequenz. So behutsam Nikki als Opfer ungeheuren Missbrauchs auch charakterisiert wird, fehlt doch die Zeit dafür, dass Cam eine Haltung dazu einnehmen kann. "Tracers" leistet in 94 Minuten einiges, vieles bleibt aber auf der Strecke. Gegen Ende hastet der Film durch hanebüchene Wendungen, stürzt sich in sinnlose Gemetzel und wartet mit unbefriedigender Auflösung auf. Doch der Mut zum Wagnis ehrt.

Quelle: teleschau - der mediendienst