Daniel Brühl

Daniel Brühl





"Ich habe mich ätzend gefühlt"

In Buenos Aires, plaudert Daniel Brühl munter drauf los, habe ihn neulich ein Taxifahrer gebeten, das Steuer zu übernehmen. Nach hundert Metern habe er aber gemerkt, dass Brühl nicht gelogen hatte, als er sagte: "Ich bin nicht der echte Niki Lauda. Ich fahre ihre Karre nur zu Schrott." Dennoch: Beim Interview in Berlin war zu spüren, dass der in Barcelona geborene Schauspieler stolz war, auf der ganzen Welt erkannt zu werden. Der Niki-Lauda-Film "Rush - Alles für den Sieg" (2013) habe ihm viele Türen geöffnet: Im nächsten Jahr wird der 36-Jährige zum Beispiel im Marvel-Blockbuster "Captain America 3" zu sehen sein. Auch der britische Regisseur Michael Winterbottom klopfte an: In dessen neuem Film "Die Augen des Engels" (Kinostart: 21. Mai) spielt Brühl einen Regisseur in der Schaffenskrise, der einen Film über den Mordfall Amanda Knox drehen soll. Eine düstere Rolle, die den talentierten, rastlos und hellwach wirkenden Mimen sichtlich beschäftigte - in einem Gespräch über Boulevard-Journalismus, persönliche Krisen und die Schwierigkeit, in Deutschland gute Rollen zu bekommen.

teleschau: Sie haben sich damals bestimmt auch mit dem Amanda-Knox-Fall beschäftigt. Welches Gefühl hatten Sie dabei?

Daniel Brühl: Ich habe mich ätzend gefühlt und geärgert, dass ich, wie viele andere auch, dem medialen Hype auf den Leim gegangen bin. Man kennt die Situation: Man sitzt vor dem Laptop, ist ein wenig abgelenkt und klickt dann genau auf diese Art von Storys. Der Fall ist ja wie gemacht für den Boulevard. Man sieht Bilder von diesem Mädchen, die auf Fotos entweder ganz grimmig guckt oder wie ein Unschuldslamm wirkt. Man liest drei Schlagzeilen und diskutiert abends mit dem gefährlichen Halbwissen mit seinen Freunden.

teleschau: Haben Sie einen persönlichen Schuldspruch gefällt?

Brühl: Faszinierend war doch gerade, dass es bei allen modernen kriminaltechnischen Möglichkeiten noch Fälle gibt, die nicht aufgelöst werden können. Wobei die italienische Polizei auch "tolle" Arbeit geleistet hat. Trotzdem verschwand der Fall wieder aus meinem Bewusstsein, bis ich das Drehbuch von Michael Winterbottom bekam. Ich fand seinen Blickwinkel sehr spannend. Mir gefiel zum Beispiel, dass er sich mit den Journalisten beschäftigte, die den Fall auf dem Boulevard ausgeschlachtet haben - nicht zuletzt, weil ich als Schauspieler mit dieser Art von Journalismus auch meine Berührungspunkte habe.

teleschau: Was halten Sie denn vom aktuellen Hyper-Journalismus?

Brühl: Es ist erschreckend, wie schnell man sich heute mit vorgefertigten Meinungen anfreundet. Aber irgendwie ist es auch spannend zu sehen, wie wir uns von Bildern und Schlagzeilen manipulieren lassen. Ich selbst fuhr ja mit einer fertigen Meinung nach Italien: Nach dem Film bin ich jetzt aber wieder neutraler.

teleschau: Wie gehen die Italiener mit der Causa Knox um?

Brühl: Ich fand es sehr spannend, wie vehement die Journalisten den Fall lebten. Bei einem Abendessen in Rom wurden Kate Beckinsale und mir zehn Journalisten vorgestellt, die den Fall seit Jahren begleiten und in zwei Lager getrennt waren. Es war unfassbar, wie es da abging. Ich hatte das Gefühl, die nehmen alles persönlich. Als wären sie verwandt - entweder mit dem Opfer oder mit der vermeintlichen Täterin. Die beiden Parteien sind sich richtig ans Leder gegangen.

teleschau: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass in diesem Fall offensichtlich keine Objektivität möglich ist?

Brühl: Ich glaube, das hat verschiedene Ursachen. Zum einen liegt es daran, dass der Fall gerade für Leute mit Kindern der ultimative Albtraum ist. Junge Menschen, die sich im Abnabelungsprozess befinden und gerade das Leben entdecken, erleben die ultimative Grausamkeit. Und das auch noch in der wunderschönen, beschaulichen Toskana. Dazu kommt die Frustration, dass der Fall nicht aufgeklärt werden kann. Nicht zuletzt wurde bei der ganzen Aufregung das Opfer komplett vergessen. Es geht immer nur um die vermeintliche Täterin und wie es ihr wohl geht, wenn sie unschuldig verurteilt wird. Niemand fragt, wie es um die Familie des Opfers steht, die täglich durch die Hölle gehen müssen.

teleschau: Glauben Sie, dass in diesem Fall die eine, die ultimative Wahrheit gefunden wird?

Brühl: Ich glaube nicht, dass es rauskommen wird. Das ist auf eine perfide Weise faszinierend. Dass da nicht irgendwann doch noch eine Kleinigkeit gefunden wird, die Licht ins Dunkel bringt. Aber wenn man weiß, wie die italienische Polizei damals gearbeitet hat, ist das kein Wunder.

teleschau: Sie spielen in "Die Augen des Engels" einen Filmemacher auf Sinnsuche. Wie sind Sie denn die Rolle angegangen?

Brühl: Viele dieser Dinge, die Thomas passieren und diese Krise, in der er steckt, konnte ich gut nachvollziehen. Wenn man länger im Filmgeschäft ist, kennt das wohl jeder, vermute ich. Also dass man sich Sinnfragen stellt, total unglücklich ist, den einen oder anderen Film, den man angeboten bekommt, total bescheuert findet und nicht weiß, was man als nächstes machen soll. Dazu kommt, das man ständig unterwegs ist, sodass das soziale Umfeld fehlt. Oder das man Leute kennt, die sich mit Kind getrennt haben. Da war also vieles in meinem persönlichen Umfeld, das mir Empathie mit der Figur ermöglichte.

teleschau: Thomas scheint eine Art Alter Ego von Michael Winterbottom zu sein ...

Brühl: Das ist auch meine Vermutung, obwohl er es immer abstritt. Aber ich wollte schon immer mal mit diesem schrägen Vogel arbeiten. Michaels Filme haben mich stark geprägt. "24 Hour Party People" war für mich und meinen Freundeskreis ein absoluter Kultfilm. Ich schaute in den letzten Jahren immer mal, was er so macht. Seine Filme konnten unterschiedlicher nicht sein und haben mich bisweilen ratlos zurückgelassen. Je mehr Filme ich aber ansehe und selbst drehe, umso mehr weiß ich zu schätzen, wenn jemand im guten Sinne verrückt ist und Filme macht, die nicht den üblichen Weg gehen. Michaels Filme sind für mich wie Serpentinen-Strecken: Ich weiß nie, wo ich hinfahre.

teleschau: Die stärksten Szenen in "Die Augen des Engels" sind die, in der Sie mit Topmodel Cara Delevingne zu sehen sind: Als Schauspielerin ist sie Anfängerin. Gab's da Probleme in der Zusammenarbeit?

Brühl: Cara ist ein kleiner Vulkan. Man weiß nie, wann die nächste Eruption kommt. Aber sie kommt bestimmt. Cara hat eine total übersprudelnde Art, die für den Film sehr wichtig ist. Ihre Figur bringt schließlich das Licht. Und Cara ist sehr lustig. Wie übrigens Kate Beckinsale auch. Die hat einen "Trucker-Humor", der einfach zum Weghauen ist. Das glaubt man gar nicht, wenn man sie so sieht. Kate sieht ja immer wie aus dem Ei gepellt aus. Sie ist übrigens wahnsinnig belesen und liest Tschechow im russischen Original. Perfektes Deutsch spricht sie auch.

teleschau: Haben Sie eigentlich selber schon mal in einer Schaffenskrise gesteckt?

Brühl: Vor ein paar Jahren gab es Punkte, an denen ich dachte: "Ich bin nicht so begeistert von den Angeboten und will eigentlich andere Rollen spielen." Oder der fertige Film begeisterte mich nicht.

teleschau: Aber Sie haben dann ganz gut die Kurve gekriegt ...

Brühl: Zum Glück. Man kann das aber nicht wirklich steuern, weil man auch abhängig ist von dem, was da kommt. Die Krise war nicht so ausgeprägt, wie bei Thomas. Mich haben keine Albträume verfolgt, und ich landete auch nicht im Drogensumpf. Uninspiriert und frustriert war ich trotzdem. Dann hat aber "Rush" vieles für mich verändert. Es war eine Rolle, die genau zum richtigen Zeitpunkt kam. Ich will, zumindest mit einem Fuß, in Deutschland bleiben. Trotzdem bin ich total glücklich, dass sich durch "Rush" auch andere Türen geöffnet haben.

teleschau: Was ist im Ausland anders?

Brühl: Was ich sehr schätze ist, dass Regisseure aus dem Ausland einen unvoreingenommenen Blick auf mich haben und mir Rollen anbieten, die ich hier niemals bekommen würde. Niki Lauda zu spielen, würde mir ein deutscher Regisseur niemals zutrauen, schätze ich. Da hätten viele gesagt: "Der ist doch viel zu freundlich. Der kann doch den Niki nicht spielen, so nett, wie der ist." Mit solchen Vorurteilen muss ich leben. Aber den deutschen Film fand ich eine Zeit lang ohnehin nicht spannend genug. Wenn man dann nicht das Glück hat, bei den wenigen interessanten Projekten dabei zu sein, dann hockt man da. Entweder macht man nichts oder nur halbherzige Sachen, weil man ja arbeiten will.

teleschau: Heißt das, der deutsche Film ist für Sie abgehakt?

Brühl: Das nicht. Man muss nur das Glück haben, bei den spannenden Projekten mitzumachen. Ich habe zum Beispiel mit Wolfgang Becker einen Film gemacht: "Ich und Kaminski", der im September startet. Darin gebe ich einen Journalisten, der ein erbärmliches Würstchen ist. Es hat total Spaß gemacht: Es ist unser erster gemeinsamer Film nach "Good Bye, Lenin!" (2003), und ich spiele eine Figur, die unterschiedlicher nicht sein könnte als meine damalige Figur Alex.

teleschau: Wie lebt es sich denn als Tausendsassa, der auf der ganzen Welt gefragt ist?

Brühl: Es macht totalen Spaß, ich kann's nicht anders sagen. Ich nehme es dankbar an und genieße es, auch weil ich weiß, dass es bestimmt irgendwann mal weniger wird. Es ist total schön zu wissen, dass ich respektiert werde. Anfangs bin ich natürlich mit Vorsicht an die ganze Sache gegangen. Aber ich hatte das Glück, dass ich mit 95 Prozent der Leute wahnsinnig gut zusammenarbeiten konnte. Sie haben mir ermöglicht, völlig angstfrei zu arbeiten und glücklich und beseelt von der Arbeit zu kommen. Bei Helen Mirren hatte ich nach fünf Minuten das Gefühl, wir würden uns ewig kennen. Bei Bradley Cooper ging's mir genauso. Aber hätte mir vor zehn Jahren eine Wahrsagerin gesagt, dass sich mein Leben so entwickelt, hätte ich mein Geld zurückverlangt.

Quelle: teleschau - der mediendienst