Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern





Ein Film, den man aushalten muss

Drei Jahre hat die Schweizer Filmemacherin Stina Werenfels ("Nachbeben", 2006) um die Finanzierung ihres Films gekämpft. Klar, wer geht schon gerne ins Kino, um einer behinderten Hauptfigur beim Finden ihrer Sexualität mit anschließender Schwangerschaft zuzusehen? Und doch ist "Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern" ein wichtiger Film, den es gilt, auszuhalten - weil er den Zuschauer an viele eigene Grenzen bringt, über die es sich nachzudenken lohnt: Wann schämen wir uns unserer Triebhaftigkeit? Warum finden wir beispielsweise verspielte Kindlichkeit bei einer Vierjährigen süß, während wir gleichzeitig abgestoßen sind, wenn uns das gleiche Verhalten von einer jungen Erwachsenen mit Behinderung gezeigt wird? Dazu zaubert "Dora" mit der jungen Berliner Schauspielerin Victoria Schulz eine der besten darstellerischen Leistungen des deutschen Kinojahres auf die Leinwand.

Es beginnt mit einem Nebel, der sich langsam lichtet. Kristin (stark: Jenny Schily) hat die sedierenden Medikamente ihrer geistig behinderten Tochter abgesetzt. Mit den Lebensgeistern erwacht aber auch die Sexualität der 18-Jährigen, die sich alsbald auf kindliche Weise dem zwielichtigen Peter (Lars Eidinger) anbietet. Wenig später haben Dora und Peter Sex auf einer öffentlichen Toilette. Ist es eine Vergewaltigung? Die bürgerliche Moral würde sagen: ja. Auch der Film legt zunächst einmal diese Spur.

Doch was nun folgt, ist eine der vielen Überraschungen von "Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern", das nach einem Theaterstück von Lukas Bärfuss entstand. Peter und Dora treffen sich nun regelmäßig zum Sex, auch wenn Doras Eltern - neben Jenny Schily überzeugt der Schweizer Schauspieler Urs Jucker als frustrierter Softie in der Midlife Crisis - diesen Kontakt unbedingt verhindern wollen. Als Dora schwanger wird, während Mutter Kristin seit Jahren erfolglos versucht, im fortgeschrittenen Alter noch ein Kind zu bekommen, eskalieren die Ereignisse ...

Leben wir nicht in einer Zeit, in der sämtliche Tabus gefallen sind? Der Film stellt diese Vermutung in gleich dreierlei Hinsicht in Frage: Das erste Tabu ist die Darstellung von Sex und Behinderung. Das zweite ist Behinderung und Schwangerschaft. Das dritte Tabu, so sagt es die 1964 geborene Filmemacherin Stina Werenfels über ihren Film, ist jedoch fast noch mächtiger, wenn auch viel subtiler. "Dora" erzählt komplex und vielschichtig von einer Mutter-Tochter-Beziehung, in der es sich die Mutter herausnimmt, auf die Schwangerschaft ihrer eigenen Tochter neidisch zu sein und sich in Konkurrenz zu ihr zu sehen. Ist sie deshalb eine schlechte Mutter? Findet man diese Frau unsympathisch, nur weil sie kurz vor der Menopause noch ein gesundes Kind haben will?

"Dora", der auf der Berlinale lief und in der Kategorie "Bester Film" für den Schweizer Filmpreis nominiert war, rüttelt stark an den Grundfesten unserer Scham und auch unserer Sehgewohnheiten. Ein starkes Kinoerlebnis, das emotional nachhallt und über das man lange diskutieren kann. Wann schafft dies schon mal ein Film, zumal wenn er aus Deutschland respektive der Schweiz kommt?

Quelle: teleschau - der mediendienst