Die Augen des Engels

Die Augen des Engels





Wer macht die Wahrheit?

"Was kann man darüber noch erzählen?", stellt der Regisseur Thomas (Daniel Brühl) die offensichtlichste aller Fragen. Zum Fall Amanda Knox, den der britische Regisseur Michael Winterbottom zum Thema seines neuen Dramas "Die Augen des Engels" macht, wurde alles geschrieben, alles gesagt. Aber weil die ganze Wahrheit über den Mord an einer britischen Austauschstudentin in der Toskana wohl nie ans Licht kommen wird, kann sich Thomas in einem ebenso düsteren wie mysteriösen Fall verlieren. Unterdessen finden sich auf der plattgewälzten Oberfläche des Medien-Boulevards universelle Erkenntnisse über die Hölle, zu der wir unsere Welt machen.

Es ist nur auf den ersten Blick überraschend, dass sich Michael Winterbottom mit dem wohl spektakulärsten Justizfall der letzten Jahre beschäftigt - dem Mord an der Studentin Meredith Kercher im italienischen Perugia. In seinem bisherigen Oeuvre hat der Brite vor allem das abgebildet, was um ihn herum passiert. Auch wenn er es nicht versteht, wie er sein Alter Ego Thomas sagen lässt. Winterbottom reflektiert die Mechanismen der Realitätskonstruktion. So wird das Bild des Falles ausschließlich von Journalisten gezeichnet, die nicht daran interessiert sind, die Wirklichkeit abzubilden, sondern diese schlagzeilenträchtig zu erschaffen.

Wer von die "Die Augen des Engels" neue Erkenntnisse erwartet, oder zumindest eine klare Stellungnahme, wird enttäuscht. Wer sich aber auf ein Spiel mit der Wahrnehmung einlassen mag, wer sich verlieren will in Horror- und Liebesgeschichten, wer akzeptiert, dass die Wahrheit viele Gesichter hat - der bekommt von Winterbottom einen eigenwilligen Film-Essay vorgesetzt. Einen, der streckenweise faszinierend ist, oft aber angestrengt intellektualisiert wirkt.

Was soll ich erzählen? Wer kennt die Wahrheit? Wer ist schuldig? Sind wir am Ende alle schuldig? Thomas steckt ohnehin schon in einer Lebenskrise - die Beschäftigung mit dem brutalen Mord in der idyllischen Toskana befreit ihn nicht aus seiner Grübelei. Daniel Brühl stapft mit sauertöpfischer Miene durch die finsteren Gassen Sienas, in die Winterbottom die Handlung verlegte. Die Wahrheit findet er dort genauso wenig wie Antworten auf all die bohrenden Fragen, die der Fall auch in seinem privaten und beruflichen Leben aufwirft.

Thomas verliert sich in einer "never ending story". Er lässt sich auf eine Affäre mit der Journalistin Simone (Kate Beckinsale) ein, verliert sich mit der quirligen Austauschstudentin Melanie (Cara Delevingne) im Nachtleben der Stadt, skypet immer wieder mit seiner kleinen Tochter. Je tiefer er in den Fall eindringt, desto weniger klar kann er sehen. Die Wahrheit versteckt sich: hinter einer lärmenden Journalistenschar, bei einem Verschwörungstheoretiker, unter dem Konferenztisch seiner Filmproduktionsfirma. Letztere wünscht sich ein sanftes, gut vermarktbares Drama, während Thomas aus dem Stoff eine Art "Göttliche Komödie" schaffen möchte.

Wenn der Film eines bewirkt, dann die Beschäftigung mit dem Opfer und den Hinterbliebenen - die wurden nämlich bei der ganzen Aufregung immer vergessen. Aber weil Michael Winterbottom zu viel erreichen will, zerfasert sein häufig ins Surreale abdriftender Film zusehends, ist Verschwörungsthriller, Medienschelte, Liebesgeschichte und Abrechnung mit dem Filmbusiness. Das wirkt bisweilen besessen. Man wünscht sich, dass Winterbottom ab und zu dem Rat gefolgt wäre, den Thomas auf einer Autofahrt ans Meer von Melanie erhält: "Man muss manchmal einfach mal loslassen können."

Die Hauptverdächtige im realen Fall, Amanda Knox, wurde übrigens jüngst nach jahrelanger Justizodyssee in letzter Instanz freigesprochen. Es muss in diesem Fall dennoch nicht das finale Wort sein. Die Wahrheit hat sich wohl für immer in den Gassen Perugias verkrochen.

Quelle: teleschau - der mediendienst