Sebastian Hellmann

Sebastian Hellmann





Nur Fußball, zum Glück ...

Jenen 6. November 1982 vergisst er nie. Seine Arminia aus Bielefeld war in der Bundesliga zu Gast in Dortmund, führte 1:0 durch Pagelsdorf und zur Halbzeit stand es 1:1. Was dann kam, ist Fußballgeschichte und damit auch die ganz persönliche Geschichte von Sebastian Hellmann, der im Oktober 1967 in Bielefeld geboren wurde. Aber auch zehn Tore in einer Halbzeit gegen die eigene Mannschaft ließen den damals 15-Jährigen, der natürlich im Stadion war, nicht den Glauben an "seine" Arminia verlieren. Und schon gar nicht die Liebe zum Fußball, die sein Leben bis heute prägt. Hellmann, einst beim WDR und bei RTL beschäftigt, wechselte 1999 als Sportreporter zu Premiere, aus dem später Sky wurde. Seit Jahren führt er durch Champions-League-Abende und durch das Topspiel am Samstagabend. Zurückhaltend, fachkundig und immer gerade mit der notwendigen Portion Humor, die das schönste Hobby der Deutschen so gerade noch verträgt. Im Interview blickt der zweifache Träger des Deutschen Fernsehpreises, der heute mit seiner Familie in Köln lebt, zurück auf seine bisherige Karriere.

teleschau: Herr Hellmann, welche Schuhgröße haben Sie?

Sebastian Hellmann: 48.

teleschau: Ähnlich wie einst Günter Netzer. Wie wirkte sich das auf Ihr Fußballspiel aus?

Hellmann: Vor allem die Spannstöße sind schwierig. Die Fußspitze landet da oft im Boden. Große Füße sind wohl doch ein Nachteil beim Fußball. Denken Sie an Ronaldo oder Messi.

teleschau: Wie also ließe sich Ihre Fußballkarriere zusammenfassen?

Hellmann: Fürs Zeugnis: "Er war stets bemüht." Ich war Linksfuß, das half mir damals schon weiter. Wobei ich dafür so gut wie keinen rechten hatte. Meine Karriere begann bei Fichte Bielefeld, dann kam Bergheim, wo ja auch Podolski spielte. Aber meine Tätigkeit als Sportjournalist begann früh, womit die Wochenenden dann belegt waren. Das war dann auch das Ende der Fußballer-Karriere.

teleschau: Sie moderierten seit 1999 bei Premiere, danach dann bei Sky und sind so gut wie immer am Wochenende im Einsatz. Wünschen Sie sich als Fußballfan nicht mal einen Samstag, wie ihn andere haben: mit ein paar Freunden, Bier und nem Grill?

Hellmann: Dass man nicht immer zur Verfügung steht, gibt es ja auch bei anderen Jobs. Stattdessen fahre ich donnerstags Motorrad, und andere beneiden mich darum. Aber klar, die soziale Komponente geht mit diesem Beruf schon verloren. Auch darum bin ich immer wieder gerne mit Florian König, Tom Bartels und Claus Lufen zusammen, allesamt Sportmoderatoren. Wir lernten uns im Studium kennen, die Freundschaft ist geblieben.

teleschau: Und wann treffen Sie sich?

Hellmann: Montags ...

teleschau: Nun aber naht die Sommerpause ...

Hellmann: Im vergangenen Jahr gab es die ja quasi nicht. Ich war in Brasilien und hatte dort einige Moderationen für Sponsorenveranstaltungen wahrgenommen. Eine WM lässt man sich ja nicht entgehen. Aber jetzt freue ich mich wirklich mit meiner Familie auf einen entspannten Sommer.

teleschau: Ihre Familie hat Verständnis für Ihren Beruf?

Hellmann: Meine Töchter sind 16 und 18. Die sind ja erst mal froh, wenn der Vater nicht da ist. Meine Frau war ja auch Sportlerin und arbeitete später zum Beispiel für die "Sportschau" und RTL. Sie weiß also, was der Beruf mit sich bringt.

teleschau: Interessieren sich Ihre Töchter für Fußball?

Hellmann: Nun, wenn sie nach ihrem Lieblingsverein gefragt werden, antworten sie brav: "der deutsche Sportclub Arminia Bielefeld". Aber ansonsten gehört ihre Leidenschaft dem Volleyball.

teleschau: Was halten Sie selbst von Frauenfußball?

Hellmann: Ich habe gerade in den vergangenen Jahren technisch wirklich sehr starke Spiele gesehen. Aber es fehlt natürlich die Dynamik. Es ist einfach unfair, das mit den Männern zu vergleichen.

teleschau: War diese Fußball-Saison die langweiligste seit Langem?

Hellmann: Die zweitlangweiligste vielleicht (lacht). Im Vorjahr war die Meisterschaft schließlich noch früher entschieden. Trotzdem: Wir haben eine großartige Liga!

teleschau: Ist das so?

Hellmann: Natürlich. Denken Sie nur an unsere Stadien und vergleichen das mal mit Frankreich und Italien.

teleschau: Und fußballerisch? Ist der deutsche Vereinsfußball im internationalen Vergleich nicht schwächer als mancher behauptet?

Hellmann: Vier Mannschaften haben in diesem Jahr international das Achtelfinale erreicht. Sicher: Titel gab es zuletzt wenige. Aber die Bayern waren in den vergangenen fünf Jahren viermal im Halbfinale der Champions League. Ich gebe aber zu: Eine zweite oder dritte Mannschaft, die konstant oben mitspielt, wäre schon eine feine Sache.

teleschau: Der bisweilen geäußerte Verdacht, Sky und alle anderen Sender, die mit der Liga Geld verdienen, gingen zu schonend mit ihr um, stimmt Ihrer Meinung nach also nicht?

Hellmann: Nein, keinesfalls. Wenn ein Spiel nicht gut war, dann sagen wir das auch. Im Übrigen: Man sollte das alles auch nicht überbewerten. Fußball ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten in einem unglaublichen Maße in den Mittelpunkt unserer Gesellschaft gerückt. Im Verhältnis zu anderen weltlichen Themen ist es aber auch immer und zum Glück nur Fußball.

teleschau: Mit Lothar Matthäus, Dietmar Hamann und Christoph Metzelder wurde Anfang der Saison eine neue Expertenrunde beim von Ihnen moderierten Topspiel am Samstagabend eingeführt. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Hellmann: Ich denke, es hat sich bewährt. Klar ergibt sich eine andere Herangehensweise, nachdem wir nun drei deutsche Nationalspieler als Experten haben, verglichen mit dem vergangenen Jahr, als wir mit Markus Merk einen Schiedsrichter und Jan Aage Fjörtoft einen norwegischen Fußballer dabei hatten. Wir brauchten sicher etwas Zeit, bis die Rollenverteilung klar war. Aber gerade zum Ende der Saison hin ist es uns, denke ich, gut gelungen.

teleschau: Haben Sie selbst manchmal das Gefühl, mehr polarisieren zu müssen?

Hellmann: Ich bin dafür da, dass meine Gäste Raum bekommen und versuche, die Fäden in der Hand zu halten. Das ist die Aufgabe eines Moderators. Es muss eine gute Sendung werden, polarisieren muss ich nicht.

teleschau: Sie sind seit 1999 dabei ...

Hellmann: ... und ich erinnere mich gut an diese Zeiten, die nicht ganz einfach waren. Da gab es nicht wenige damals, die behaupteten, die Live-Übertragungen aller Spiele machen den Fußball kaputt. Nichts dergleichen ist passiert. Ganz im Gegenteil, der Fußball ist stärker denn je. Unser Ziel ist stets: Wir wollen den Sport so abbilden, dass er unseren Kunden Spaß macht.

teleschau: Wann haben Sie zum letzten Mal die "Sportschau" am Samstagabend gesehen?

Hellmann: Das liegt sehr lange zurück, da ich ja samstagabends selbst im Stadion bin.

teleschau: Gehören Sie zu den Traditionalisten, die sich die "Sportschau" im Ersten auch weiterhin um 18 Uhr wünschen? Oder denken Sie an die Interessen von Sky, das für die zeitnahen Zusammenfassungen nicht allzu viel übrig hat?

Hellmann: Das Thema ist viel zu komplex, als das es mit einem Satz beantwortet wäre. Zudem macht sich die DFL bezüglich der Bundesliga Ausschreibung genügend Gedanken.

teleschau: Was sollte im Fußball wieder so sein wie früher?

Hellmann: Ich war als Kind und Jugendlicher mit Regenjacke auf der Bielefelder Alm, kein Dach drüber. Da stehst du dann eine Stunde, wartest einfach nur aufs Spiel. Ich gebe zu, das gab mir damals das Gefühl, ein echter Fan zu sein. Irgendwie litt ich auf diese Weise anders mit meiner Mannschaft. Ich will also Ihre Frage mal so beantworten: Es kann schon sein, dass früher mehr Romantik war ...

teleschau: Welche Erinnerungen haben Sie zum Beispiel an den Juni 1977?

Hellmann: Klar: Aufstiegsspiele zur Bundesliga zwischen Arminia Bielefeld gegen 1860 München. Hinspiel daheim 4:0 für uns, Rückspiel 0:4 verloren. Dann im Entscheidungsspiel raus. Vergess ich nie.

teleschau: Sie waren dort?

Hellmann: Natürlich. Ich war neun, und beim Hinspiel nahm mich mein Vater mit. Ich weiß es noch wie heute - als wir nach dem 4:0 aus dem Stadion gingen, sagte er zu mir: "Junge, die Fahrt nach München fällt aus, wir sind durch."

teleschau: Wie schwer ist es, danach auch als Kind noch Anhänger von Bielefeld zu sein?

Hellmann: Unser Haus war 200 Meter von der Alm entfernt. Für mich kam nie ein anderer Verein in Frage. Das ist in meiner DNA.

teleschau: Aber Sie haben ja noch nie wirklich was gewonnen?

Hellmann: Ich bitte Sie! Wir haben mal in der Nachspielzeit das 3:2 gegen 1860 gemacht und auf diese Weise die Klasse gehalten. Tabellenführer der Bundesliga waren wir auch mal. Es gab allerdings auch viele schwere Stunden. 1982 war ich in Dortmund im Stadion. Zu Halbzeit stand es 1:1, und um mich herum murmelten die Dortmunder, dass wir die beste Mannschaft hätten, die in diesem Jahr zu Gast war.

teleschau: Und in der zweiten Halbzeit ...

Hellmann: ... haben wir zehn Stück bekommen. 1:11 in Dortmund! Ich hab alles erlebt. Bis heute sorgen jedenfalls die Kollegen bei Sky dafür, dass wann immer Bielefeld spielt, während ich arbeiten muss, ein Monitor mit dem Spiel für mich bereitsteht.

teleschau: Viele Jungs wollen ja irgendwann entweder Fußballer oder Sportreporter werden. Aber besteht nicht die Gefahr, dass man sich das Schönste im Leben nimmt, wenn man es zu seinem Beruf macht?

Hellmann: Mein Vater war ja auch Journalist, der Beruf hat mich also immer interessiert. Fan dieses Sports bin ich aber immer geblieben. Wobei: Es kann schon sein, dass auch wir als Sportjournalisten manches bisweilen gar nicht ganz so genau wissen wollen, damit wir uns einen Schleier der Romantik irgendwie bewahren (lächelt).

Quelle: teleschau - der mediendienst