La Buena Vida - Das gute Leben

La Buena Vida - Das gute Leben





Am Ende kommen die Bagger

"Homeland Security - Fighting Terrorism since 1492" steht auf dem T-Shirt des jungen Mannes - abgebildet ist eine bewaffnete Gruppe amerikanischer Ureinwohner. "Wir stehen vor einer Macht, die uns einfach auslöschen kann", sagt Jairo Fuentes in die Kamera. Er meint seinen Satz durchaus wörtlich, auch er kämpft gegen eine Bedrohung: Die Macht - das ist der multinationale Energiekonzern, der Jairos Heimatdorf Tamaquito zerstören und dessen Bewohner umsiedeln will. Denn der unscheinbare Ort mitten im kolumbianischen Regenwald soll einem riesigen Kohleabbaugebiet weichen. In seiner einfühlsamen Dokumentation "La Buena Vida - Das gute Leben" erzählt Regisseur Jens Schanze vom aussichtslosen Kampf der indigenen Bevölkerung gegen den kapitalistischen Giganten.

Schanzes Film beginnt mit dem Gesang eines Bergmanns-Chores in Deutschland. Immer mehr Zechen werden geschlossen, sie rentieren sich wirtschaftlich nicht mehr. Doch noch vor nicht allzu langer Zeit mussten auch hierzulande ganze Orte den Kohlegruben Platz machen. Gerade im Ruhrgebiet und den ostdeutschen Tagebaugebieten siedelte man tausende Menschen um. Nun ereilt dieses Schicksal dutzende Dörfer im 9.000 Kilometer entfernten Kolumbien.

Rasant wächst dort der mit 700 Quadratkilometern größte Kohletagebau der Welt. Die Cerrejón-Mine wird von einem Schweizer Konzern betrieben, ihr Fördergut soll für billigen Strom in Europa sorgen und dort weiterhin den Wohlstand sichern. Dass die Gegend seit Jahrhunderten von den Wayuu bewohnt wird, so zeigt es "La Buena Vida" angenehm unplakativ, ist dem Großunternehmen natürlich herzlich egal.

Doch wehrlos wird dem weißen Mann der Dschungel nicht überlassen: Im Gegensatz zu seinen Vorfahren verleiht Jairo als Anführer des Widerstandes seinem Unmut über die Ignoranz der Eindringlinge aber ohne Waffen Ausdruck. Auch kommen die Besatzer nicht mit Pferden und Gewehren, sondern mit Kohlebaggern und Bürokratie. Und einer Armada an Angestellten, die psychologisch und logistisch beim Umzug zum drei Kilometer entfernten neuen Dorfstandort helfen sollen. Dort, so preist der Konzern der bislang karg und glücklich lebenden Gemeinschaft die Umsiedlung an, warten die Freuden der Zivilisation: Einfamilienhäuser, Wasserleitungen, Strom.

Natürlich zu einem gewaltigen Preis: Die Bewohner müssen ihr altes Leben, das "gute Leben" aufgeben. Anstatt sich selbst zu versorgen, hält in Zukunft die schnöde Geldwirtschaft Einzug. Berater bereiten die Bewohner schon einmal auf das vor, was im Kapitalismus "Lebensunterhalt verdienen" heißt: Produktion, Handel, Verkauf. Zwar gelingt es Schanze dabei nicht immer, die Gefahr romantisierter Vorstellungen von Ursprünglichkeit oder Natürlichkeit zu umschiffen. Doch letztlich bekommen die Indígenas in "La Buena Vida" ein Gesicht - nicht als amorphes Kollektiv von Opfern, sondern als kluge Individuuen mit Bedürfnissen, die von der Menschenfeindlichkeit des Industriekapitalismus befremdet sind.

Ohne Off-Kommentar beschreibt der deutsche Regisseur anhand einzelner Kapitel wie "Macht" oder "Wohlstand" einen Prozess, wie er sich schon tausendfach in der Geschichte des Kapitalismus abspielte. In ruhigen Aufnahmen, die selbst die gigantische Kohlegrube als faszinierendes Relikt menschlichen Handelns erscheinen lassen, hält er vor allem dem Westen vor, was in seinem Interesse in den Ländern der Dritten Welt geschieht. Moralisch wird die schön fotografierte Doku dabei selten - die Bilder und Interviews sprechen für sich.

Am Ende, das Dorf ist längst abgerissen und die Einwohner vertrieben, sieht man deren neues Zuhause: Eine Vorortsiedlung mit Straßenlaternen, in den Häusern laufen die Fernseher ohne Unterlass. Der Großkonzern hat seine Versprechen nicht gehalten, die Wasserleitungen funktionieren nicht. Man sorgt sich, dass die Jugend in den Alkoholismus abrutscht. Der Widerstand gegen die übermächtigen Europäer ist gescheitert, doch nicht vergessen: Jairo fährt in die Schweiz und trägt das Anliegen der Wayuu gelangweilten Anzugträgern vor. Und im neuen Tamaquito sagt ein sehr alter Mann: "Wenn wir jetzt den Mund halten, sagen sie, es gehe uns gut."

Quelle: teleschau - der mediendienst