Nikolaj Coster-Waldau

Nikolaj Coster-Waldau





Eine ewige Entdeckungsreise

Es ist das Wesen der menschlichen Natur, das Nikolaj Coster-Waldau erkunden möchte. Der "Game of Thrones"-Star muss in Susanne Biers düsterem Psychokrimi "Zweite Chance" (Kinostart: 14. Mai) an seine Grenzen gehen: Er spielt darin einen Polizisten, dessen neugeborener Sohn nachts plötzlich tot im Bett liegt. Mit der Entführung eines vernachlässigten Säuglings will er sich selbst, seine Frau und das Baby retten. Auch wenn ihn der schmerzhafte Film mit der größten Angst im Leben eines Menschen konfrontierte, wie Nikolaj Coster-Waldau erzählte: Beim Interview in Berlin verweigerte sich der 45-jährige Däne demonstrativ einer gedrückten Stimmung. Stattdessen erzählte er von seinen Töchtern und von Zeitreisen - und erklärt, was er einem Ritter aus Westeros zu verdanken hat.

teleschau: Was hat Sie gereizt an der Rolle des Polizisten Andreas, der seinen toten Sohn gegen das Baby einer Junkie-Familie austauscht?

Nikolaj Coster-Waldau: Die Story überraschte mich ebenso wie die Grundsatzfrage, die das Drehbuch stellt: Heiligt der Zweck die Mittel? Meine Figur steht unter Schock, und deswegen tut sie Dinge, die nicht richtig sind. Andreas kämpft an vielen emotionalen Fronten, er muss mit seiner eigenen Trauer klarkommen und will seine Frau retten. Und er muss mit den Konsequenzen seiner Tat leben - bis hin zur finalen Überraschung, die seine ganze Welt zusammenstürzen lässt.

teleschau: Der Film wird von jeder Menge Grau beherrscht ...

Coster-Waldau: Grau passt perfekt, wir sind schließlich alle nicht nur schwarz oder weiß, sondern irgendwo dazwischen. Es ist einfach interessanter, Figuren zu spielen, die sich schwer einordnen lassen. Genau deshalb bin ich Schauspieler geworden: Weil ich mit solchen Rollen auf meiner ewigen Entdeckungsreise der menschlichen Natur immer wieder Überraschungen erlebe. Wir alle machen Sachen, die wir nicht erklären können. Und nicht immer sind wir dabei betrunken (lacht).

teleschau: Welche Sachen können Sie denn nicht erklären?

Coster-Waldau: Das ist eine Sache zwischen mir und Gott.

teleschau: "Zweite Chance" setzt sich anders mit den Problemen eines Vaters auseinander, als man es gewohnt ist ...

Coster-Waldau: Stimmt, in den meisten Filmen geht es um Väter, die irgendwann mit ihren älteren Kindern aneinandergeraten. Hier steht vielmehr die zarte Verbindung im Fokus, die ein Vater mit seinem Baby aufbaut. Ich habe selbst zwei Töchter, die mittlerweile schon älter sind. Aber ich erinnere mich gut an die wundersame Zeit, als sie Babys waren.

teleschau: Haben Sie Susanne Bier gleich zugesagt oder erst einmal das Drehbuch gelesen?

Coster-Waldau: Natürlich war ich aufgeregt, als sie anrief. Trotzdem las ich zunächst das Drehbuch. Danach war ich immer noch aufgeregt. Also las ich es noch einmal - erst dann sagte ich ihr zu. Ich amüsierte mich damals prächtig bei den Dreharbeiten von "Die Schadenfreundinnen" in New York: In "Zweite Chance" geht es um eine völlig gegensätzliche Welt - düster und trostlos. Ich dachte mir, es wäre der perfekte Film im Anschluss an eine luftige Komödie.

teleschau: Während Ihre Kollegen Nikolaj Lie Kaas und Ulrich Thomsen schon Filme mit Susanne Bier gemacht hatten, war es für Sie das erste Mal: Wie kamen Sie als Neuling in einem eingespielten Team zurecht?

Coster-Waldau: Ich ging mit Ulrich Thomsen auf die Schauspielschule, wir sind seit 1989 Freunde. Auch mit Nikolaj bin ich befreundet. Das war also kein Problem. Ich hatte natürlich riesige Erwartungen an Susanne Bier: Sie schafft es in ihren Filmen immer, das Beste aus den Schauspielern herauszuholen. Ich genoss ihre konzentrierte, offene Arbeitsweise, die mir Sicherheit gab, aber auch Freiräume für Improvisationen ließ.

teleschau: Susanne Bier verfolgt in ihren Filmen immer einen sehr emotionalen Ansatz: Können Sie eigentlich weinen, wenn Sie Filme sehen?

Coster-Waldau: Ich kann sogar bei Cartoons weinen, also natürlich auch bei Filmen. Ich bin gar nicht so ein harter Kerl, wie Sie vielleicht denken ...

teleschau: Wie schwierig war es, als Familienvater einen Film über vernachlässigte Kinder zu machen?

Coster-Waldau: Ich hatte niemals Zweifel, dass ich diesen Film machen wollte. Natürlich gab es Bedenken, weil ich ahnte, dass die Dreharbeiten schwierig werden würden. Insbesondere meine ich die Szene, in der Andreas nachts aufwacht und sein totes Baby findet. Ich bin Vater und lebe deshalb mit der größten Angst im Leben eines Menschen: dass den eigenen Kindern etwas zustößt. Als Schauspieler schöpfe ich auch aus meinen eigenen Erfahrungen und frage mich, was ich persönlich in einer solchen Situation machen würde. Aber zum Glück bin ich kein Method Actor, der seine Rolle lebt. Ich kann also auch einen Mann spielen, der jemanden erschießt, ohne selbst mit der Waffe loszuziehen.

teleschau: Wie haben Sie es denn erlebt, das erste Mal Vater zu werden?

Coster-Waldau: Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich nicht mehr im Mittelpunkt meiner Welt stehe. Und das ist besonders für einen Schauspieler schwierig (lacht).

teleschau: Wenn Sie auf die Zeit seit ihrem Debüt in "Nachtwache" zurückblicken: Sind Ihre Träume als Schauspieler in Erfüllung gegangen?

Coster-Waldau: Witzig ist doch, dass sich Träume ständig verändern. Als ich jung war, wollte ich einfach nur Schauspieler werden. Dann wollte ich damit Geld verdienen. Dann wollte ich um die Welt reisen, um zu arbeiten. Das hat ganz gut geklappt. Wissen Sie, was das Verrückteste an dem Job ist? Ich kann in der Zeit zurückreisen: Wenn ich mir "Nachtwache" jetzt wieder ansehe, dann erinnere mich an einen netten jungen Kerl, der große Träume hatte.

teleschau: Sie sind durch "Game of Thrones" äußerst populär geworden: Wie schwierig ist es, sich aus der Rollenvorstellung der Zuschauer zu befreien?

Coster-Waldau: Ich versuche, viele unterschiedliche Projekte zu machen, die auch kreativ eine Herausforderung sind. Sie glauben gar nicht, wie viele Rollen als Ritter mir derzeit angeboten werden. Ich vertraue da auf meine Instinkte: Bislang haben sie mich noch nicht zu einem Ritterfilm gebracht. Die Drehbücher waren einfach nicht so gut wie bei "Game of Thrones": Dort schlief meine Figur in der ersten Folge mit der eigenen Schwester und versuchte, ein unschuldiges Kind zu töten. Besser geht's doch gar nicht.

teleschau: Wie hat sich Ihr Leben durch "Game of Thrones" verändert?

Coster-Waldau: Ich habe gar nicht das Gefühl, dass sich mein privates Leben verändert hat. Ich gehe immer noch jeden Tag einkaufen. Zum Glück lebe ich in Dänemark, wo solche Sachen den Menschen ziemlich egal sind. Aber beruflich habe ich natürlich mehr Möglichkeiten. Es ist nicht wirklich schlimm, bei "Game Of Thrones" mitzuspielen.

teleschau: Ist eigentlich ein Ende der Serie in Sicht?

Coster-Waldau: Ich glaube, es steht relativ fest, dass es sieben Staffeln geben wird.

teleschau: Wie überrascht waren Sie vom Erfolg?

Coster-Waldau: Das wusste ich natürlich vom ersten Tag an (lacht). Im Ernst: Meine Freunde fragten mich damals, was das für eine Serie sei. Da musste ich ihnen erzählen, dass es irgendwas mit Drachen und übernatürlichem Zeug zu tun hat. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Niemand konnte sich vorstellen, dass "Game of Thrones" so erfolgreich werden würde.

Quelle: teleschau - der mediendienst