Tocotronic

Tocotronic





So erwachsen kann Liebe sein

Was lebt uns die Gesellschaft vor, wo greifen Rollenschablonen? Und was nehmen wir davon an? Diese Fragen trieben Tocotronic vor allem in ihren ersten Schaffensjahren um. Nun - durchaus angemessen für Künstler in der Lebensmitte - findet die daraus gereifte eigene Identität ihren Ausdruck. Mit "Wie wir leben wollen" (2013) läutete die Band sozusagen eine zweite Lebenshälfte ein, die mit dem nun erscheinenden "Roten Album" fortgeführt wird. Auf der bereits zweiten namenlosen Platte der Hamburger ist ein durchaus intimer Bereich der zentrale Ereignisgegenstand: die Liebe. Gar "ein Lexikon der Liebe" sei bei ersten Skizzen das erklärte Ziel gewesen, wie Sänger und Songschreiber Dirk von Lowtzow im Interview verrät. Wer jetzt aber befürchtet, mit romantischer Gefühlsduselei umspült zu werden, darf aufatmen. Denn damit haben Tocotronic wahrlich nichts am Hut.

An einem der ersten Frühlingstage des Jahres steht Dirk von Lowtzow in seiner Wahlheimat Berlin zum Interview bereit. Der Empfang ist freundlich, fast warm. Von Lowtzow lässt sich noch schnell einen Espresso aus der Maschine. Ein wacher, fokussierter Blick begleitet seine Ausführungen in den folgenden Minuten, hin und wieder streicht er sich durch die silber melierte Haartolle, die Stimmung ist heiter. "Wir haben das nicht so von langer Hand geplant, das kann man ja auch gar nicht", nimmt der zweifache Studienabbrecher Bezug auf die Frage nach der Entwicklung der Band. "Aber es ist schön, wenn es so wirkt und wenn man über die 22 Jahre, die es uns gibt, einen bestimmten Weg sehen kann. Sonst wäre es ja beliebig und auch irgendwie langweilig."

Ausgehend von einigen Texten und Grundharmonien, die sich von Lowtzow im stillen Kämmerlein ausdachte, habe sich das Thema Liebe im Verlauf der Arbeit an dem Album irgendwann einfach abgezeichnet: "Anfangs gab es die Idee zu versuchen, verschiedene Aspekte von Liebe zu beschreiben, so ein bisschen wie ein Lexikon der Liebe", erklärt der 44-Jährige. "Auch der Gedanke, die Fragestellung unseres letzten Albums 'Wie wir leben wollen' zu präzisieren und den Detailbereich Liebe näher zu betrachten, spielte eine Rolle."

Musikalisch setzen Tocotronic die Liebe dabei wahlweise nüchtern-reduziert ("Prolog"), klanggewaltig ("Ich öffne mich"), folkrockig ("Rebel Boy") oder verspielt (Hidden Track) in Szene. Textlich macht es die Ironie möglich, auch zuckersüße Wortspielereien wie in "Die Erwachsenen" oder im Hidden Track zu verkraften. Die Sexualität als ein Element von Liebe eröffnet sich dem feinsinnigen Hörer dabei in zahlreichen Allegorien. Mit expliziten und ordinären Bildern, wie heute im Pop durchaus üblich, wollten Tocotronic ihre Fans offensichtlich nicht langweilen. Doch ist es nicht auch ganz schön mutig, derart offen mit so persönlichen Themen umzugehen? "Es ist mir tatsächlich nicht immer leicht gefallen, die Stücke zu schreiben und sie den anderen Bandmitgliedern zur Diskussion zu stellen. Da braucht man sehr großes Vertrauen", bestätigt von Lowtzow. "Aber ich würde sagen, das ist in der Band schon gegeben und deshalb gibt's uns auch so lange."

Das Schöne an so einem Tocotronic-Album ist ja, dass die wunderbar rätselhaften Texte einem beim wiederholten Hören immer neue Bedeutungsebenen aufzeigen. Doch als ein Gesamtkunstwerk, das Phasen einer Liebesbeziehung beschreibt, sei das "Rote Album" nicht zu deuten: "Die Gruppierung der Stücke ist eigentlich nicht als Geschichte aufzufassen. Das bemisst sich doch eher nach musikalischen Kriterien", erklärt der gebürtige Offenburger. "Wobei die Art, wie wir die Lieder präsentieren, natürlich immer so ist, als würden wir sagen, 'Baue aus diesen Stichworten eine Geschichte'."

Überhaupt sei man gewillt gewesen, bewusst Raum für eigene Ideen zur Liebe zu lassen: "Wir wollen keine Definitionsmacht ausüben und ein Verständnis von Liebe vorgeben, weil uns das zu autoritär wäre", so von Lowtzow. "Aber wir wollen uns schon abgrenzen gegenüber gesellschaftlichen oder medialen Stereotypen im Sinne einer Heteronormativität."

Die Ansicht, Heterosexualität sei die Norm, ist Tocotronic also eindeutig zuwider. Und so bleibt festzustellen, dass die Pauker der Hamburger Schule ihre aufrührerischen Zeiten wohl hinter sich haben, sie aber stets meinungsstark bleiben werden - und sogar im Thema Liebe politisch sind. Von Lowtzow setzt nach: "Vielleicht ist so ein Stück wie 'Haft' auch eine Idee, eine Verbundenheit zu beschreiben, die nicht so verklärt ist wie der Begriff der Liebe. Es ist eine sehr Brechtsche Idee, Liebe als Kameradschaft oder Genossenschaft zu begreifen, wo die Taten zählen und wo sich die Frage stellt: 'Halten wir denn zusammen in schwierigen klassenkämpferischen Situationen?'"

Zum linken Kontext passend taucht in dem Song auch eine Zecke auf ("Ich hafte an dir wie eine Zecke an einem Tier") - für die bekannterweise linkssozialisierte Band "als strategische Affirmation und auch ein bisschen als Witz gedacht", wie von Lowtzow schmunzelnd zugibt. Vor diesem Hintergrund erhellt sich auch, dass die rote Farbe des Albumcovers neben der Liebe möglicherweise noch eine weitere, eher politische Bedeutung transportiert. So viel zur Vielschichtigkeit der Bedeutungsebenen. Mal ganz davon abgesehen, dass mit dem 1. Mai der internationale Tag der Arbeiterbewegung als Stichtag für die Veröffentlichung gewählt wurde ... Mit einfacher Gefühlsduselei hat dies bestimmt nichts zu tun.

Quelle: teleschau - der mediendienst