Martin Gore

Martin Gore





"Die Welt befindet sich im Chaos"

Als Depeche Mode im März vergangenen Jahres ihre Welttournee beendeten, hatte Gitarrist und Songschreiber Martin Gore zwei Optionen: Entweder bis zum nächsten Album der Band nichts tun oder sich anderweitig ausprobieren. Er entschied sich für Letzteres. Das Ergebnis ist sein neues Solowerk "MG", ein atmosphärisches, elektronisches und beizeiten ziemlich experimentelles Instrumentalalbum. Im Interview spricht der 53-jährige Brite über modische Fehltritte, Science-Fiction und Zukunftsängste.

teleschau: Herr Gore, wenn man Ihren Lebenslauf genau betrachtet, könnte man schlussfolgern, dass Sie schon immer aus der Reihe tanzten: Sie trugen Röcke und Nagellack, als es für Männer noch tabu war, und wurden Vegetarier, bevor es alle taten. Sind Sie ein Trendsetter, oder waren Sie einfach immer außer Mode?

Martin Gore: Ich würde gerne behaupten, dass ich ein Trendsetter war, aber das ist schwer zu sagen. Die Übergänge sind da ja fließend (lacht). Wenn ich heute Fotos von damals sehe, frage ich mich schon manchmal, warum ich mich so anzog. Aber gleichzeitig gefällt mir die Idee, dass ich Grenzen überschritt und Dinge anders machte.

teleschau: Anders ist auch Ihr neues Album "MG": Es ist komplett instrumental. Hatten Sie dieses Mal nichts zu sagen?

Gore: (Lacht) Das würde ich nicht sagen. Musik und Gesang bilden eine großartige Symbiose, aber Musik alleine kann genauso kraftvoll sein. Ich finde es toll, den Leuten lediglich einen Titel und die Musik hinzuwerfen. Oft ist das schon genug, um sie auf eine Reise in ihre eigene Fantasie zu schicken.

teleschau: Zum Beispiel mit der "Europa Hymn" - ein Abgesang auf Europa?

Gore: Ich sage es mal so: Ich hatte das Gefühl, dass Beethovens Europahymne etwas zu fröhlich für das moderne Europa sei. Es bräuchte ein paar mehr Moll-Akkorde.

teleschau: Sie leben mittlerweile in Amerika. Vermissen Sie Ihre Heimat England manchmal?

Gore: Das tue ich. Zum einen, weil Familie und Freunde dort leben. Ich habe nicht viele Freunde in Amerika. Dazu vermisse ich ganz banale Dinge wie Fußball. Ich bin großer Arsenal-Fan und habe nach wie vor eine Dauerkarte, aber ich kann froh sein, wenn ich es ein- oder zweimal im Jahr ins Stadion schaffe. Und nicht zuletzt gibt es eine Art europäische Sensitivität, die mir in Amerika fehlt. Amerikaner - nicht alle, aber die meisten - sind so super-optimistisch. Manchmal vermisse ich den europäischen Pessimismus.

teleschau: Eine gewisse Portion Pessimismus könnte man auch Ihrem Album attestieren: Die Songs klingen düster und futuristisch.

Gore: Genau das war mein Ziel. Ich hatte beim Schreiben eine Science-Fiction-Landschaft vor dem inneren Auge.

teleschau: Sind Sie Science-Fiction-Fan?

Gore: Der größte Science-Fiction-Fan bin ich nicht. Ich habe in meinem Leben vielleicht ein oder zwei Science-Fiction-Bücher gelesen, aber tatsächlich habe ich erst kürzlich eine Menge der alten Science-Fiction-Filmklassiker geguckt. Hauptsächlich, weil ich einen zwölf Jahre alten Sohn habe und er im perfekten Alter für solche Streifen ist. Es ist toll, sie mit ihm zu schauen, weil ich sie praktisch durch seine Augen sehe und spüre, wie sie ihn begeistern.

teleschau: Das heißt am Wochenende gibt es im Hause Gore Popcorn und "Star Wars"?

Gore: Mit "Star Wars" sind wir schon länger durch. Zuletzt schauten wir uns die "Terminator"-Filme, "Blade Runner" und "Total Recall" an. Am Anfang machte ich mir noch Sorgen, ob er alt genug dafür ist, aber dann sah ich seine Videospiele. "Terminator" ist nichts im Vergleich zu den Spielen, die er spielt!

teleschau: Besorgniserregender ist vielleicht sogar die reale Zukunft. Mit welchem Gefühl blicken Sie in die Zukunft Ihrer Kinder?

Gore: Da bin ich hin- und hergerissen. Einerseits blicke ich der Zukunft mit sehr viel Angst entgegen. Schließlich ist die Gegenwart schon furchtbar genug. Die Welt befindet sich in einem größeren Chaos als je zuvor. Ich bin mittlerweile an dem Punkt, an dem ich die Nachrichten morgens nicht mehr anmachen mag. Ich betrachte sie als meine tägliche Dosis Depression. Manchmal denke ich, dass mit den Menschen von Natur aus etwas nicht stimmt - und das ist nicht gerade die beste Voraussetzung für unsere Zukunft. Andererseits gibt es aber auch Dinge, die ich in sehr positivem Licht sehe.

teleschau: Zum Beispiel?

Gore: Die medizinische Versorgung wird immer besser. Eines Tages können wir bestimmt alles heilen. Kennen Sie Raymond Kurzweil? Einige seiner Theorien gefallen mir, auch wenn sie etwas verrückt sind. Er glaubt zum Beispiel, dass wir im Jahr 2029 unsterblich sein werden und ein Backup unserer Gehirne auf Festplatten speichern können. Das klingt abgehoben, aber Kurzweil hat immerhin Maschinen entwickelt, die Blinden das Lesen ermöglichen. Und das Internet hat er 20 Jahre vor dessen Ankunft vorhergesagt. Er ist also kein kompletter Irrkopf.

teleschau: Würden Sie gerne für immer leben?

Gore: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie das funktionieren soll, wenn alle Menschen auf dieser kleinen Welt für immer leben. Es ist doch gar nicht genug Platz hier und wer entscheidet dann, wer für immer leben darf und wer nicht? Erst mal abwarten, wo uns diese Technologien hinführen.

teleschau: Mit Ihrer Band Depeche Mode sind Sie gewissermaßen bereits unsterblich. Was treibt Sie eigentlich an, Projekte wie dieses Soloalbum zu machen?

Gore: Mit Depeche Mode arbeiten wir mittlerweile in Vier-Jahres-Zyklen. Nach dem Ende unserer letzten Tour hatte ich also die Wahl: Entweder drei Jahre herum sitzen und nichts tun, oder an einem Soloprojekt arbeiten. Von unserem letzten Album hatte ich noch vier oder fünf Instrumental-Songs, die wir nie benutzt haben, die ich aber sehr gerne mochte. Also beschloss ich ein Zuhause für sie zu finden. Wissen Sie, ich gehe sowieso fast jeden Tag in mein Heimstudio und bastle an irgendetwas herum. Mal wird ein Song daraus, mal probiere ich nur neues Equipment aus.

teleschau: Bereitet Ihnen Musik auch nach all den Jahren noch die gleiche Freude?

Gore: Auf jeden Fall. Ich bin nach wie vor stets auf der Suche nach neuer Musik und ich mag alle unterschiedlichen Genres. Meine Leidenschaft für Musik werde ich nie verlieren. Ich war zehn, als ich eine Box mit alten Rock'n'Roll-Platten entdeckte, damit in mein Zimmer verschwand und sie bis zum Umfallen spielte. Ab da war ich süchtig.

Quelle: teleschau - der mediendienst