Andrea Sawatzki

Andrea Sawatzki





Das verwundete Vorbild

Als Frankfurter "Tatort"-Kommissarin Charlotte Sänger war Andrea Sawatzki einst Deutschlands dünnhäutigste Ermittlerin. Äußerst feinnervig, wenn auch komödiantisch zeigte sie sich zuletzt in der ZDF-Filmreihe "Bella". Tatsächlich spielt kaum jemand die weibliche Verunsicherung in der Lebensmitte so überzeugend wie Andrea Sawatzki. Auch dieses Talent machte die Ehefrau von Kollege Christian Berkel zu einer der beliebtesten deutschen TV-Darstellerinnen. In der Komödie "Es kommt noch besser" (Donnerstag, 07.05., 20.15 Uhr, ZDF) spielt die 52-Jährige eine Chefsekretärin, für die nach der Insolvenz ihres traditionsreichen Arbeitgebers ihre Welt zusammenbricht.

teleschau: In "Es kommt noch besser" spielen Sie eine ziemlich untypische Arbeitslose ...

Andrea Sawatzki: Untypisch, wenn es um das deutsche Klischee eines Arbeitslosen geht. Tatsächlich kann es natürlich jeden treffen. Und in einem gewissen Alter ist es dann eben trotz guter Ausbildung und super Referenzen schwierig, etwas Vergleichbares zu finden. Der Film hieß früher mal "Aus dem Ei gepellt" und das war eigentlich sehr passend. An dieser Chefsekretärin Ina hat mir gefallen, dass sie eine Entwicklung der Öffnung durch diese Krise durchmacht. Dass sie erkennt: "Aha, die Fassade fallen zu lassen, tut eigentlich gar nicht so weh."

teleschau: Es gibt ja dieses alte Psychogramm der Chefsekretärin. Man ist distinguiert, aber streng zu sich selbst und zu anderen.

Sawatzki: Ja, es gab diesen Typ in den Vorzimmern der Macht. Es gibt ihn vielleicht immer noch hier und da. Das sind Frauen, die dulden keinen Widerspruch. Ihr Umgangston ist höflich, aber bestimmt. Die Weltsicht dieser Frauen ist konservativ und hat viel mit Loyalität zu tun. Alles läuft für sie in geordneten Bahnen. Und dann passiert diese Katastrophe: Insolvenz des Unternehmens, Arbeitslosigkeit - etwas Unvorstellbares!

teleschau: Ist es für eine Frau um die 50 ein denkbar schlechter Zeitpunkt, dass so etwas passiert: Job weg, Mann weg?

Sawatzki: Ja, ich denke - schlechter kann der Zeitpunkt kaum sein. Mit 52, so alt sind Ina und ich ja auch, ist man zu alt und zu teuer für den Arbeitsmarkt. Dazu kommt das Vorurteil, dass wir zu unflexibel und ungebildet in Sachen moderne Technik und Arbeitswelt sind.

teleschau: 50 ist das Alter, in dem man definitiv nicht mehr als jung gilt. War es für Sie schwierig, 50 zu werden?

Sawatzki: Eigentlich nicht. Mein 50. Geburtstag war eigentlich mein schönster. Weil ich ganz viele tolle Geschenke bekommen habe (lacht) und ein großes Fest gefeiert habe. Das Schwierige am Älterwerden ist ja, dass man sich selbst gar nicht so alt fühlt. Ich fühle mich eigentlich viel jünger, als es die Zahl hinter meinem Namen aussagt. Vielleicht ist das ein Überlebenstrick der Natur. Aber es ist schon seltsam: Immer, wenn ich von Leuten lese, die über 50 sind, stelle ich mir jemanden vor, der deutlich älter ist als ich selbst. Und dann erschrecke ich, weil mir einfällt: Huch, ich bin doch selbst schon 52.

teleschau: Gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, wie Menschen zwischen 50 und Mitte 60 von der Gesellschaft wahrgenommen werden, und dem Potenzial, das sie tatsächlich haben?

Sawatzki: Ich finde schon. Was mir oft auffällt ist, dass die Leute meiner Generation und älter eine Spezies Mensch sind, die noch richtig schuften kann. Das hat vielleicht mit Erziehung zu tun. Vielleicht bewege ich mich jetzt aufs Glatteis, und es ist ja auch nur eine persönliche Wahrnehmung, aber ich finde, dass die Leute meiner Generation oft einen sehr langen Atem haben, wenn es darum geht, Ziele zu erreichen. Dazu besitzen wir die Gabe, Dinge wirklich auszuprobieren, bevor wir sie verwerfen. Das sind Qualitäten, die bei den Jüngeren heutzutage nicht allzu verbreitet sind. Dabei können wir in vielen Bereichen von diesen Eigenschaften profitieren.

teleschau: Beneiden Sie die jüngere Generation?

Andrea Sawatzki: In manchen Bereichen nicht, nein. Ich glaube, dass die Jungen das Leben oft falsch einschätzen. Sie glauben, dass es darum geht, möglichst schnell möglichst viel zu erreichen. Dabei kann man sich sehr leicht verlieren. Das hat natürlich auch mit den ganzen technischen Dingen zu tun, die unser Leben heute begleiten. Wer ständig auf sein Smartphone schaut, richtet den Blick nicht mehr auf sich selbst, was für die Entwicklung der Persönlichkeit aber notwendig wäre. Natürlich verzeiht man den Jungen diese Lebensweise. Ich fürchte nur, dass sich Defizite bei der Beschäftigung mit sich selbst erst später auswirken - wenn die Kids von heute älter sind. Die heute 50-Jährigen sind ja noch ziemlich analog aufgewachsen. Sie kennen noch diese Strecken des Leerlaufs.

teleschau: Sie reden von jenen Zeiten, als man wochenlang nicht erreichbar war und dies als völlig normal galt.

Sawatzki: Ja, ich musste daran denken, weil mein großer Sohn - er ist 15 - in den Osterferien erstmals alleine weggefahren ist. Nach Frankreich zu einem Sprachkurs. Was macht man sich da heute für Gedanken, dabei ist er doch immer mit dem Zuhause verbunden? Ich reiste mit 16 per Interrail durch Europa. Da rief ich einmal pro Woche daheim an, das war ja auch sehr teuer. Meine Mutter wusste also eine Woche lang nicht, wo ich bin und wie es mir ging. Heute wäre das unvorstellbar.

teleschau: Sie haben in den "Bella"-Komödien des ZDF ebenfalls eine Frau gespielt, die so ein bisschen altersspezifische Lebenshilfe erteilte.

Sawatzki: Ja, aber diese Reihe ist beendet.

teleschau: Man hat trotzdem das Gefühl, dass man Sie gern für Rollen besetzt, die den Frauen Ihres Alters auch ein bisschen Identifikation und Orientierung geben sollen. Können Sie diese Vorbildfunktion annehmen?

Sawatzki: Ich weiß nicht, ob ich ein Vorbild bin. Bei meinen Lesereisen mit den eigenen Büchern bemerke ich natürlich, dass da vor allem Frauen kommen. Die meisten sind zwischen 40 und Anfang 50, würde ich sagen. Ich fühle mich in diesen Runden, wie soll ich sagen, sehr akzeptiert.

teleschau: Weil das Ganze wie eine Selbsthilfegruppe funktioniert?

Sawatzki: Klar finden die Frauen das schön, dass ich über Dinge schreibe, die sie selbst auch beschäftigen. Und in Filmen beobachte ich, dass ich momentan mehr Angebote für Komödien kriege als beispielsweise für Krimis. Dass in meinen Filmen in letzter Zeit gehäuft die Themen der 50-Jährigen auftauchen, ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Aber es macht natürlich Spaß, sich damit zu beschäftigen. Es sind ja auch meine Themen, die da verhandelt werden.

teleschau: Ihre Frankfurter "Tatort"-Kommissarin Charlotte Sänger war eine dünnhäutige Ermittlerin, wie man sie aus deutschen Krimis bis dahin nicht kannte. Hat man schon damals bereits eine Sensibilität in Ihnen gesehen, die Sie heute zur Identifikationsfigur in Komödien macht?

Sawatzki: Ich habe diese Figur sehr geliebt. Mein Bestreben war, eine Frau zu zeigen, die aufgrund ihrer Kindheits- und Jugenderfahrungen, sie musste sich ja immer um ihre Eltern kümmern, zwar im eigenen Leben nicht so zurechtkommt, sich aber dafür - aufgrund ihrer Sensibilität - sehr gut in andere Menschen hineinversetzen kann. Gleichzeitig hatte Charlotte Sänger natürlich ein großes Aggressionspotenzial, das aber leider nie so richtig gezeigt wurde. Ich finde, die Figur hätte durchaus noch weitergehen können. Ich habe ja immer gedacht, dass Charlotte Sänger am Ende noch ein Verbrechen begeht (lacht). Aber dann hat man das Ende doch anders erzählt. Diese verletzten Figuren, da haben Sie Recht, lassen mich nicht los. In meinem vierten Buch, das im Oktober erscheint, es heißt "Der Blick fremder Augen", erzähle ich auch wieder von einer dünnhäutigen, sensiblen Kommissarin in meinem Alter. Sie sehen, das Thema lässt mich nicht los (lacht).

teleschau: Gibt es einen Grund dafür, dass Sie solche Figuren so gut spielen oder beschreiben können?

Sawatzki: Ich glaube, das liegt einfach an meinem Interesse für Menschen samt ihren ganzen Schichten, die sie umgeben. Ich bin immer auf der Suche nach Figuren, die man entblättern kann, um mehr über sie zu erfahren. Es gibt nicht viele Rollen im Fernsehen, bei denen man solche Prozesse spielen kann. Deshalb bin ich dankbar für alle Rollen, in denen ich es tun darf.

Quelle: teleschau - der mediendienst