Gerti Drassl

Gerti Drassl





Der Theaterstar brilliert im TV

Eigentlich ist sie sonst ja auf den großen Theaterbühnen zwischen Wien und ihrer Heimat Südtirol zu Hause. Für die Serie "Vorstadtweiber", eine Koproduktion von ORF und ARD (ab Dienstag, 5. Mai, 20.15 Uhr), schlüpft Gerti Drassl nun in die Rolle der schrulligen Maria Schneider, die sich vom biederen Püppchen zur gewieften Kämpferin für ihre Rechte entfaltet. Ein Gespräch mit der 37-Jährigen über Sex-Toys als Film-Requisiten, Schnür-Korsetts als Gesellschafts-Phänomene und Baby-Pausen für Schauspieler-Mütter.

teleschau: Als angepasste Hausfrau, die plötzlich ganz andere Seiten von sich zeigt, ist Maria Schneider der heimliche Star unter den "Vorstadtweibern". Woran glauben Sie liegt das?

Gerti Drassl: Vermutlich weil sie eine enorme Wandlung durchmacht, so facettenreich ist und voller Überraschungen steckt.

teleschau: Wie sieht die Wandlung aus?

Drassl: Lange Zeit versucht das graue Mäuschen, ihr bürgerliches Dasein aufrechtzuerhalten. Bis ihr klar wird, wie sehr sie getäuscht wurde. Welchen Preis sie für ihr Vorzeigeleben bezahlen musste, welche Bedürfnisse brachlagen. Die will sie jetzt wieder beleben. Sie sucht Intimität in den Armen eines Callboys, lässt aber zugleich nichts unversucht, ihren Ehemann zurückzugewinnen.

teleschau: Wobei einmal Strapse und ein Umschnalldildo zum Einsatz kommen. Hatten Sie Schwierigkeiten mit diesen Requisiten?

Drassl: Das war schon eine aufregende Szene. Zumal ich im Hinterkopf hatte, dass das im Hauptabendprogramm ausgestrahlt wird. Sprich: Kinder werden es sehen, genauso wie die Stammtischrunde meines Vaters.

teleschau: Was waren sonst Herausforderungen an dieser Figur?

Drassl: Die massive innere Verwandlung. Und die immer größer werdende Diskrepanz, von dem was in ihrem Inneren vorgeht und dem, was sie nach außen hin zeigt. Das war ein spannendes Maskenspiel.

teleschau: Haben Sie irgendwo persönliche Parallelen zu Maria Schneider entdeckt?

Drassl: Wenige. Die extreme Fassade und das Aufrechterhalten derselben, das ist mir fremd. Wobei ich das Gefühl habe, dass dieses Phänomen in unserer Gesellschaft zunimmt. Wir sind in einer Präsentierwelt angekommen, viele stecken sich selbst in ein Korsett. Bei Maria wurden die Schnüre so lange zugezogen, bis sie gerissen sind. Ein weiterer Unterschied: Um zu ihrem Recht zu kommen, geht sie ungewöhnliche und oft umständliche Wege, ich bin da vergleichsweise direkt.

teleschau: Gibt's denn gar keine Gemeinsamkeiten?

Drassl: Doch, die Sehnsucht nach Liebe und nach einer glücklichen Partnerschaft. Aber ich denke, die wohnt jedem von uns inne. Was uns zudem verbindet, ist die Lust auf Süßes. Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, dass man mit einem Stück Malakofftorte alle Probleme aus der Welt schaffen kann, aber ich esse ebenfalls für mein Leben gern.

teleschau: In Österreich lief die Serie Anfang des Jahres und war ein enormer Quoten-Hit. War das absehbar?

Drassl: Nein, im Gegenteil. Wir sind nicht gerade mit Pauken und Trompeten an den Sendestart gegangen. Die Kritiken vorab waren ziemlich hart. Erst als die Zuschauerzahlen immer weiter in die Höhe schnellten, hat sich das Blatt gewendet.

teleschau: Anfänglich wurde der Serie Klischeehaftigkeit vorgeworfen. Können Sie das nachvollziehen?

Drassl: Schon, aber ich sehe das anders. Der Autor hat einmal gesagt, er habe sich an den Shakespearschen Königsdramen orientiert, dem kann ich einiges abgewinnen. Lügen, Betrug, Intrigen, Mord, die menschlichen Abgründe treten allesamt gehäuft auf.

teleschau: Schätzen Sie, dass das Format in Deutschland ähnlich gut ankommen wird?

Drassl: Schwer zu sagen. Sprachlich dürfte dem nichts im Wege stehen. Was den Humor betrifft, glaube ich nicht, dass es eine Frage der Nationalität ist. Ich schätze, es ist vielmehr eine Geschmackssache. In Österreich konnte der Serie ja auch nicht jeder etwas abgewinnen. Vielleicht war sie deshalb ein so großer Erfolg, weil sie durchaus kontrovers diskutiert wurde.

teleschau: Bislang waren Sie eher einem eingefleischten Theaterpublikum bekannt - werden Sie neuerdings auf der Straße angesprochen?

Drassl: Nein, gar nicht. Was vermutlich daran liegt, dass sich Maria auch optisch stark von der Gerti unterscheidet.

teleschau: Das zeigt Ihre Wandlungsfähigkeit - wie haben Sie eigentlich Ihr schauspielerisches Talent entdeckt?

Drassl: Mich hat es von klein an auf die Bühne gezogen. In meiner Kindheit und Jugend habe ich Ballett gemacht und das Rampenlicht gesucht. Leider bin ich irgendwann an meine körperlichen Grenzen gestoßen, es war klar, dass es nicht für eine Profikarriere reichen würde. Ansonsten war ich familiär vorbelastet. Mein Vater hat in seiner Freizeit Theater gespielt. Bei uns in Südtirol hat fast jedes Dorf eine Bühne. Man wächst damit auf. In der Pubertät ist der Wunsch stärker geworden, Schauspielerin zu werden.

teleschau: Also ging es nach dem Abitur sofort ab nach Wien ans Max-Reinhardt-Seminar?

Drassl: Das wäre der Plan gewesen. Leider habe ich die Aufnahmeprüfung beim ersten Anlauf vergeigt.

teleschau: Und es ein Jahr später noch mal versucht ...

Drassl: Ja, wobei ich nicht sofort wusste, ob ich den Mut dafür finden würde. Ich habe an mir und meinem Weg als Schauspielerin gezweifelt. Mich oft gefragt: Will ich das wirklich? Schaffe ich das? Stehe ich das durch? Auf einer Paris-Reise habe ich dann doch den Entschluss gefasst, mich dem ganzen ein weiteres Mal zu stellen.

teleschau: Was war passiert?

Drassl: Ich habe keine Ahnung. Nichts Großes. Vielleicht war es einfach, dass ich mich dort viel mit Kunst beschäftigt habe, ständig in Museen war. Und plötzlich wusste ich, dass ich für mein Ziel kämpfen muss. Egal wie oft ich zu dieser Prüfung antrete, ich würde es schaffen. Zurück in Wien habe ich Schauspielunterricht genommen, mich vorbereitet und wurde genommen.

teleschau: Wie war die Ausbildung?

Drassl: Ich hatte Glück, nicht zuletzt mit meinen Lehrern. Zudem bin ich erstmals in eine Gruppe gekommen, in der jeder das gleiche wollte. Das war ein weiterer Kick: das Ensemble, dieses Miteinander. Das ist bis heute das, was mich am meisten interessiert: das Zusammenspiel. Als Schauspieler bist du nie ein Einzelkünstler, du bist immer Teil eines Teams - mit dem Regisseur, dem Kameramann, den Schauspielkollegen. Was ebenfalls schön war: Ich habe noch während der Ausbildung angefangen, zu arbeiten.

teleschau: Ihr Vater als passionierter Laien-Darsteller war bestimmt stolz ...

Drassl: Ich denke schon. Vor kurzem haben wir erstmals nach vielen Jahren wieder gemeinsam gespielt, am Theater an der Josefstadt in Wien. Er hat als 70-Jähriger auf einer großen Bühne debütiert. Das war ein unvergessliches Erlebnis - und ich war stolz auf ihn.

teleschau: Sie erwarten gerade Ihr zweites Kind, gleichzeitig sind die Dreharbeiten für die nächste "Vorstadtweiber"-Staffel im Gange. Inwiefern beeinträchtigt Sie das?

Drassl: Gar nicht. Mir geht es gut. In meiner ersten Schwangerschaft habe ich mehr oder weniger durchgearbeitet. Das tue ich jetzt auch. Es musste nur das Drehbuch entsprechend adaptiert werden.

Quelle: teleschau - der mediendienst