Oliver Wnuk

Oliver Wnuk





Schauspiel, vom Aussterben bedroht?

In der empfehlenswerten bissigen Familienkomödie "Bloß kein Stress" (Donnerstag, 30.04., 20.15 Uhr, ZDF) spielt er mal wieder eine tragende Nebenrolle. Da ist Oliver Wnuk der konkurrierende Nachbar. Einer, bei dem im Gegensatz zu den von Katharina Wackernagel und Fritz Karl gespielten Hauptcharakteren in Sachen Job, Beziehung und Kinder "alles super läuft". Oliver Wnuk kennt man aus vielen solcher Rollen aus der vorderen zweiten Reihe - die bekannteste ist Ulf Steinke aus "Stromberg". Doch der 39-jährige Wuschelkopf, Lebensgefährte von Yvonne Catterfeld, hat noch andere Talente. Er ist Autor und führt Regie. Dazu macht sich der Wahlberliner aus Konstanz Gedanken über die Zukunft seines Berufes. Folgt man Oliver Wnuks durchaus plausiblem Szenario, wird man zumindest Schauspieler wohl bald nicht mehr brauchen.

teleschau: Ihr Film "Bloß kein Stress" nimmt den modernen Konkurrenzkampf von Familien mit Kindern aufs Korn. Kennen Sie das Problem?

Oliver Wnuk: Nein, eigentlich nicht. Meine Familie ist ja nicht so eine Art von Vorzeigefamilie, sondern eine Vorzeige-Patchworkfamilie. Das funktioniert nach eigenen Regeln.

teleschau: Trotzdem hat man den Eindruck, dass Familien heutzutage meist ungeheuer gestresst sind - was auch der ironische Titel des Films ausdrückt. Gibt es einen Weg, dieses lästige Lebensgefühl abzuschütteln?

Wnuk: Es gibt da einige Strategien, denke ich. Eine der wichtigsten ist, mehr im Moment zu leben. Wir Freiberufler haben ja keinen Nine-To-Five-Job, was mir mehr intensive Zeit mit meinen Kindern schenkt. Natürlich klagen viele Freiberufler über die fehlende Sicherheit in ihrem Leben. Andererseits haben wir es manchmal auch wieder ein bisschen besser als Angestellte. Bei denen kann es richtig eng werden, wenn mal ein Kind krank wird oder ähnliche Komplikationen auftreten. Schauspieler oder Sängerin können auch mal ein Kind zur Arbeit mitnehmen oder beruflich mit ihnen auf Reisen gehen, sofern der Partner dabei ist, um zu helfen. Das alles empfinde ich als Riesenluxus. Man kann schwierige Umstände als Herausforderungen begreifen anstatt sie Probleme zu nennen.

teleschau: Kann man von Kindern lernen, mehr im Moment zu leben?

Wnuk: Auf jeden Fall. Es ist seltsam, dass wir uns viele Momente dadurch kaputt machen, dass wir viel zu sehr an die nächsten Schritte denken. Die meisten Probleme relativieren sich ohnehin von selbst, wenn man ein wenig Zeit ins Land ziehen lässt. Ob das nun Stress in der Schule ist oder ähnlich nicht existenzielle Angelegenheiten. Das meiste ist doch nur eine Momentaufnahme. Die wenigsten Probleme, über die sich viele Leute täglich wahnsinnig aufregen, sind wirklich langfristig relevant.

teleschau: Sie haben mit Ihrer Freundin Yvonne Catterfeld einen einjährigen Sohn. Was ist das Wichtigste, das Sie bisher von ihm gelernt haben?

Wnuk: Ich habe schon ganz viel von meinen Kindern gelernt. Bei ganz kleinen Babys finde ich immer wieder faszinierend, wie sehr sie tatsächlich im Hier und Jetzt sind. Wenn man ihnen ein Spielzeug, von dem sie begeistert sind, wegnimmt, haben Sie das binnen eines Augenblicks vergessen. Geweint wird erst später, wenn wir ein Ich-Bewusstsein entwickelt haben und nach und nach Dinge anhäufen, mit denen wir uns identifizieren. Ein größeres Kind weint, wenn man ihm sein Spielzeug wegnimmt. Später identifizieren wir uns vielleicht mit unserem Auto und weinen oder schreien, wenn da jemand den Lack zerkratzt.

teleschau: Warum häufen wir so viele Objekte an, wenn wir uns doch damit angreifbar machen?

Wnuk: Diese Objekte sind ja nur Hilfsmittel, mit denen wir meinen, uns einen Identifikationsrahmen geben zu können. Wir wollen erkannt, verstanden und geliebt werden. Das Ego in uns fühlt sich tendenziell dauerhaft bedroht und kämpft dabei stets ums Überleben. Man kann das sehr gut beobachten, wenn zum Beispiel jemand unsere Meinung nicht akzeptiert oder sie schlecht redet. Dann verhalten wir uns oft unverhältnismäßig. Wie ein wütendes kleines Kind. Je älter ich werde, desto mehr versuche ich, die Identifikation über außen bleiben zu lassen. Wer loslassen kann und mehr im Moment lebt, ein bisschen so wie ein Baby (lacht) - vermeidet eine Menge überflüssigen Stress. Für mich ist das eine sehr anspruchsvolle Lebensaufgabe.

teleschau: Ist bei Yvonne Catterfeld und Oliver Wnuk momentan eine Art Kinder-Auszeit angesagt?

Wnuk: Nein, das kann man nicht sagen. Wir sind dieses Jahr eher ein reisender Zirkus. Erst war ich mit Yvonne für "Sing meinen Song" in Südafrika, das war für mich sehr schön und entspannend (lacht). Jetzt kommen auch bei mir einige neue Sachen. Für die Band "Revolverheld" gebe ich den "Host" bei einem MTV Unplugged Konzert - eine Art Kneipenphilosoph. Dann kommen ein Kinofilm und zwei Fernsehfilme.

teleschau: Sind Sie mit der Band befreundet?

Wnuk: Wir kennen uns ganz gut - über meine Schreibarbeiten, sag ich mal. Der Pressetext zu ihrem letzten Album stammt von mir. Außerdem habe ich für den Frontmann Johannes Strate Regie bei einem Musikvideo geführt.

teleschau: Sie schrieben auch schon zwei Romane. Können Sie sich nicht entscheiden, wohin Sie Ihre künstlerische Energie lenken?

Wnuk: Ach, ein Stück weit mache ich diese ganzen Sachen sicher, weil ich auf alles Lust habe und keine Notwendigkeit darin sehe, mich entscheiden zu müssen. Warum soll ich mich beschränken? Ich bin eben ein kreativer Kopf. Dazu kommt, dass ich es für unklug halte, in der heutigen Zeit nur auf die Schauspielerei zu setzen.

teleschau: Fühlen Sie sich wie ein Zehnkämpfer, der alle Disziplinen der Leichtathletik recht gut beherrscht, der sich aber in keiner Einzeldisziplin das ganz große Ding zutraut?

Wnuk: Völliger Quatsch. Wenn ich mir nicht das ganz große Ding zutrauen würde, wenn ich nicht von dem überzeugt wäre, was und wie ich es mache, würde ich niemanden damit belästigen wollen. Außerdem muss ein Zehnkämpfer in kürzester Zeit mit all seinen Disziplinen auftreten. Wenn ich ein Buch schreibe, schreibe ich ein Buch. Das dauert bekanntlich eine Weile. Auch wenn ich einen Film drehe, bin ich einige Wochen oder Monate voll auf diese eine Sache konzentriert. Ansonsten bin ich auch sehr kampfeslustig, wenn es darum geht, gegen die Klammer hinter meinem Namen anzugehen - in der dann vielleicht "lustiger Schauspieler" steht.

teleschau: Nervt es Sie, nur als der Typ aus "Stromberg" wahrgenommen zu werden?

Wnuk: Das entspricht nicht meiner Wahrnehmung. Aber abgesehen davon kann man, bei der Vielzahl der Kollegen, froh sein, überhaupt wahrgenommen zu werden.

teleschau: Sie fühlen sich also privilegiert?

Wnuk: Ja, klar. Ich hatte immer gleich viel Arbeit, obwohl schon wieder Tausende diplomierter Schauspielern neu dazugekommen sind, seit ich die Schauspielschule verlassen habe. Ohnehin müssen wir froh sein, weil wir die vielleicht letzte Schauspielergeneration sind, die überhaupt noch in dieser Art und Weise arbeiten darf.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Wnuk: Momentan sieht es ja danach aus, als müsse man den Job in Zukunft zum Teil mit YouTube-Stars teilen und die Leinwand gegen den Computerbildschirm eintauschen. Der "User" könnte zum Caster der Zukunft werden. Im Netz gibt es Jugendliche, die haben Millionen Follower. Die verdienen fünfstellig im Monat. Bei Veranstaltungen wie den "VideoDays" sieht man 15- oder 16-Jährige, die durch Schmink-Tutorials berühmt geworden sind. Diese Kids machen mittlerweile die größten Hallen des Landes voll. Da kommen 15.000 Leute in die O2-Arena. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Produzenten solche Kids mit dieser gewaltigen Fanbase für ihre Projekte besetzen. Wer weiß, vielleicht ist das ja auch eine große kulturelle Bereicherung.

teleschau: Jugendliche haben eben andere Stars als die Erwachsenen. War das nicht schon früher so?

Wnuk: Ja, mit dem Unterschied, dass die Kids uns Schauspieler aus dem Fernsehen heute gar nicht mehr kennenlernen. Die schauen kein Fernsehen und werden auch später kaum noch damit anfangen, weil sie nicht mehr mit diesem Medium sozialisiert wurden. Mein bester Freund hat einen zwölfjährigen Sohn. Der macht auch etwas bei YouTube und konnte innerhalb eines Jahres 10.000 Follower für sich begeistern. Neulich saßen wir mit ein paar gestandenen Fernsehleuten zusammen und haben uns von diesem Zwölfjährigen YouTube erklären lassen: "Unboxing Videos", "Gaming Videos", "Hang Around-Video" oder so ähnlich. Wenn da irgendwann bald noch ernstzunehmende Inhalte dazukommen, wüsste ich nicht, was das klassische Konzept von Fernsehen in puncto Geschwindigkeit, Produktionskosten, Vielfalt dem entgegenzusetzen hätte.

teleschau: Aber braucht es nicht immer Schauspieler, um eine gute Geschichte zu erzählen? Das Medium, über das erzählt wird, wäre dann doch eigentlich egal ...

Wnuk: Grundsätzlich haben Sie Recht. Am Ende setzt sich Qualität durch. Von wem und wer diese als solche definiert, ist wieder ein anderes Thema. Die Marktmacht der Stars der Jugend ist enorm. Viele unserer deutschen Stars von heute sind ehemalige Moderatoren von MTV und VIVA: Christian Ulmen, Heike Makatsch, Nora Tschirner oder Jessica Schwarz. Die sind auch deshalb zu ihren ersten Rollen gekommen, weil sie damals Idole der Jugend waren. Weil sie eine Frische und individuelle Authentizität an den Tag legten. Man konnte erahnen, dass junge Leute auch ihretwegen ins Kino gehen würden. Aus den oben Genannten sind ja auch allesamt großartige Schauspieler geworden. Die gleiche Entwicklung gibt es jetzt vielleicht wieder. Die ersten YouTube-Stars tauchen nun in Kinofilmen auf, die für ein junges Publikum entwickelt werden. Klar - an einem, der 1,5 Millionen Follower hat, kommt man auf Dauer nur schwerlich vorbei. Keine Tageszeitung, kein Magazin hat heute eine derartige Auflage oder Marktmacht.

teleschau: Könnte das alles nicht auch eine Modeerscheinung sein, die wieder vergeht?

Wnuk: Das glaube ich nicht. Dazu ist das ganze System in sich zu logisch und verführerisch. Bei YouTube bekommen die Jugendlichen ihresgleichen geboten. Idole, die gleich alt sind und auch nicht unfassbar hübsch oder unerreichbar, wie die alten Stars. Das bietet ihnen auch Halt und Orientierung in einer extrem unübersichtlichen Zeit. Ich wollte heute nicht mit einem 15-Jährigen tauschen. Die Geschwindigkeit, das ganze Multi-Tasking, all die Möglichkeiten, grenzenlose Information auf allen Kanälen - ein Wahnsinn. Abgesehen davon musste man früher mindestens ein Virtuose sein, um vielleicht 10.000 Menschen für sich zu begeistern. Heutzutage reicht es aus, wenn ein charismatischer Jugendlicher, dem man gerne anguckt, seine H&M-Tasche bei YouTube auspackt - und es gucken Millionen zu.

teleschau: Unterhaltung durch so etwas wie Schauspielerei wird also aussterben?

Wnuk: Eine Hypothese? Nein. Wenn ich mir diese Dinge, über die ich gesprochen habe, angucke, was ich übrigens sehr interessiert tue, komme ich mir als klassischer Schauspieler zwar vor wie ein Dinosaurier. Dennoch werden uns Theater, Film und anspruchsvolle Fernsehunterhaltung erhalten bleiben. Ich fürchte jedoch, dass sie immer weniger Interessenten finden wird.

teleschau: Gibt es auch etwas, das Ihnen Hoffnung macht?

Wnuk: Als ich mit der Schauspielerei anfing, sagte man mir: "An ein Theater wirst du nicht mehr kommen. Die werden fast alle geschlossen, bis du mit deiner Ausbildung fertig bist." Daran sieht man, dass auch andere reaktionäre Kulturpessimisten vor mir gescheitert sind (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst