Günter Grass

Günter Grass





Er war ein Mann der Geheimnisse

Einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart ist tot. Günter Grass starb am Montagmorgen im Alter von 87 Jahren in einer Klinik in Lübeck, wie der Steidl Verlag mitteilte. In die Film- und TV-Geschichte geht der Autor vor allem dank der Verfilmung seines Romans "Die Blechtrommel" ein. Günter Grass' Geschichte über den kleinen Oskar Matzerath brachte Regisseur Volker Schlöndorff 1980 einen Academy Award ein. Schlöndorff sorgte mit dem gleichen Stoff 2010 noch einmal für Furore, als er nach drei Jahrzehnten die für ihn vollständige Fassung seiner "Blechtrommel" in den deutschen Lichtspielhäusern präsentierte.

Günter Grass vorurteilsfrei zu mögen, fiel nicht immer allen Deutschen leicht. Zu angriffslustig, zu wortmächtig, gelegentlich zu rechthaberisch wirkten seine öffentlichen Äußerungen und sein dezidiertes Eintreten für die SPD. Mit seinem längst weltberühmten Debüt-Roman "Die Blechtrommel" von 1959, der 1979 von Volker Schlöndorff kongenial verfilmt wurde, sorgte Grass mit nur 32 Jahren für eine große Überraschung und einen handfesten Skandal auf dem Buchmarkt. Sein eigenwilliges Zeitporträt über das Danzig der Nazi-Zeit, das der am 16. Oktober 1927 in Danzig geborene Grass als Junge selbst erlebt hatte, wird gleichzeitig beklatscht und verteufelt.

Bis zu Schlöndorffs Meisterwerk galt die Romanvorlage von Grass als unverfilmbar. Ein Problem stellte dabei vor allem die kleinwüchsige Hauptperson dar, deren Verkörperung dann durch den damals zwölfjährigen David Bennent große Anerkennung fand. Der Regisseur stellt mit seinem Film aus der Sicht eines sich verweigernden wütenden Kindes dar, wie sich der Faschismus langsam anbahnt und immer weitere Kreise zieht. Dieses, so Schlöndorff, "sehr deutsche Fresko" ist wegen seiner historischen Einbettung und zugleich surrealen Überhöhung nach wie vor sehenswert. Die Szene, in der David Bennent Katharina Thalbach Brausepulver von der Leiste leckt, wurde Jahrzehnte nach der Erstaufführung Gegenstand eines Gerichtsprozesses im amerikanischen Oklahoma, weil hier angeblich ein Minderjähriger Oralsex mit einer erwachsenen Schauspielerin hatte. Die Kritik bescheinigte dem Regisseur zu Recht eine "opulente Bestseller-Verfilmung voller sinnlicher Kraft".

Günter Grass blieb hingegen die breite Anerkennung seiner literarischen Verdienste lange vorenthalten. Doch spätestens, seitdem er 1999 etwas überraschend doch noch den Nobelpreis erhielt, dem ihm viele Verehrer bereits deutlich früher zuerkannt hätten, wandelte sich sein Status vom gelegentlich unbequemen Moralisten zur lebenden Legende. Die Filmemacherin Dagmar Wittmers hatte ihn noch vor nicht einmal einem halben Jahrzehnt in seinen Künstlerklausen besucht und widmete ihm 2011 ein sehr menschliches, warmherziges Porträt, das in der renommierten ARD-Reihe "Deutschland, deine Künstler" ausgestrahlt wurde. Milde, altersmilde wirkte da der große Künstler, der als Protagonist der Avantgarde-Vereinigung "Gruppe 47" so progressiv auftrat und als Redenschreiber für Willy Brandt Kante zeigte, als ihn die Autorin in seinem Atelier in Behlendorf besuchte. Der vielseitig talentierte Künstler, der sich lange Zeit eher als Zeichner, Grafiker oder Bildhauer verstand, kehrte zu den eigenen Anfängen zurück, arbeitete um und wirkte dabei sehr bedächtig. 1963, vor über einem halben Jahrhundert, erschien zum Beispiel sein Roman "Hundejahre". In den vergangenen Jahren saß Grass wieder über Kupferstichen, mit denen er sein Werk von damals neu illustrierte.

Natürlich kam auch dieses ARD-Porträt nicht umhin, Grass' ganze Geschichte zu erzählen: Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in Danzig wollte Grass dem "kleinbürgerlichen Mief", wie er sagt, rasch entfliehen und meldete sich mit nur 15 Jahren freiwillig zur Marine. Über seine genaue Militärlaufbahn ließ er seine viele Leser und das deutsche Feuilleton dagegen lange im Unklaren: Erst 2006, beim Erscheinen seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel", erwähnte er wie beiläufig, dass der engagierte Kämpfer für die Sache der Linken Mitglied der Waffen-SS gewesen war. Dass er darüber so lange schwieg, irritierte seine Fangemeinde zutiefst. Er habe damals aus der Enge der Familie herauskommen wollen und sich deshalb freiwillig gemeldet, erkärte Grass damals der "FAZ". "Ich habe mich gemeldet, mit 15 wohl, und danach den Vorgang vergessen", sagte er im Interview.

Bereits in dem ZDF-/ARTE-Filmporträt "Der Unbequeme - Der Dichter Günter Grass" (2007) nahm er dazu Stellung: "Wenn man mir jetzt diese Funktion, das Gewissen der Nation zu sein, abspricht, habe ich nichts dagegen. Ich habe das nie gewollt. Ich habe mich immer als engagierter Bürger und als jemand geäußert, der seine Lektionen begriffen hat, die ihm erteilt worden sind in sehr jungen Jahren", so Grass in dem Film, den Nadja Frenz und Sigrun Matthiesen anlässlich der Veröffentlichung seines umstrittenen Buches "Beim Häuten der Zwiebel" gedreht hatten.

Lutz Marmor, ARD-Vorsitzender und NDR-Intendant, würdigte Günter Grass am Montag in einer Stellungnahme als "Autor, Denker, Intellektueller": Er habe "die Literatur im Nachkriegs-Deutschland geprägt wie wenige andere. Er war ein überzeugter Demokrat, der viele Debatten angestoßen und zahlreiche Kontroversen geführt hat. Der ARD war er auf vielfältige Weise verbunden. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie."

Quelle: teleschau - der mediendienst