The Voices

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Die fabelhafte Welt des Jerry Hickfang?

Um es vorwegzunehmen: Die mit Spannung erwartete Killergroteske "The Voices" eignet sich nicht für Menschen, die mit makaber-tiefschwarzem Humor wenig anfangen können. Im Mittelpunkt des starbesetzten neuen Werks der iranisch-französischen Comiczeichnerin und Regisseurin Marjane Satrapi ("Persepolis") steht ein schizophrener Mörder. Man muss wohl auch selbst einen gewissen Hang zur Schizophrenie besitzen, um an diesem verwunderlichen Genre-Mix aus blutigem Slasher-Film, oberflächlichem Psychodrama und grotesker Komödie Gefallen zu finden.

Der Zuschauer sieht die Welt durch die Augen des zunächst aalglatt und durchschnittlich wirkenden Jerry Hickfang. Darsteller Ryan Reynolds erinnert in dieser Rolle zuweilen an den großen Komiker Jim Carrey. Im pinkfarbenen Overall geht er übertrieben gut gelaunt seiner Arbeit in einer Badewannenfabrik nach, als befände er sich in einer ähnlich fabelhaften Welt wie einst "Amélie". Doch Jerry ist, wie sich allmählich herausstellt, hochgradig schizophren.

Schon bald macht der Zuschauer Bekanntschaft mit seinen titelgebenden Stimmen: der seines Hundes Bosco und seines Katers Mr. Whiskers, die in Jerrys gespaltenem Gewissen sprechen können - und im Original von Reynolds selbst kongenial vertont wurden. Dabei symbolisiert der besonnene Hund das Gute in Jerry, während der extrem manipulative Kater sein "Herrchen" häufig beleidigt und dessen diabolische Seite darstellt. Die absurden Wortwechsel zwischen den beiden Haustieren gehören sicherlich zu den Höhepunkten des Films.

Mr. Whiskers bringt Jerry auch davon ab, die von seiner gerichtlich zugeteilten Psychotherapeutin Dr. Warren (Jackie Weaver) verschriebenen Pillen einzunehmen. Schluckt er die Psychopharmaka doch einmal, passiert etwas, das den schockierten Zuschauer in wenigen Szenen recht eindrucksvoll nachdenklich stimmt: Die Tiere verstummen, die comicartigen Farben verblassen, eine entsetzliche Einsamkeit lastet plötzlich auf Jerrys Zuhause, das nunmehr unglaublich verwahrlost und morbide wirkt.

Doch Drehbuchautor Michael R. Perry ("Paranormal Activity 2") und Regisseurin Satrapi, die "The Voice" in Berlin und den Babelsberg-Studios drehte, treiben das Szenario noch weiter auf die Spitze - und leider auch darüber hinaus. Denn in Jerry schlummert das Potenzial eines Norman Bates. Zum Ausbruch kommt es, als sich der Junggeselle in seine hübsche, doch an ihm gänzlich desinteressierte Kollegin Fiona (Bond-Girl Gemma Arterton) verliebt.

Zu dumm von ihr, dass sie Jerry bei ihrem ersten Date skrupellos versetzt. Als er Fiona spät in der Nacht zufällig auf der Straße im Regen aufliest, eskaliert die Situation derart, dass sich spätestens an dieser Stelle die Geister der Zuschauer scheiden werden: in diejenigen, die kopfschüttelnd aus dem Kino stürzen und jene, die von diesem bizarren Genre-Mix eigentümlich fasziniert sind. Einen sprechenden Frauenkopf im Kühlschrank später, dürfte die nachgelieferte platte Erklärung für Jerrys Krankheit aber auch letzteren einen Dämpfer versetzen.

Schon bald wird die unscheinbare Lisa (bezaubernd wie immer: Anna Kendrick) Jerrys nächstes Opfer, und die eigenwillige Inszenierung verliert endgültig ihren Reiz. Das Lachen bleibt fortan nicht mehr nur im Halse stecken, allein der bloße Gedanke daran erscheint erschreckend pietätlos - was vom musicalartigen Abspann noch einmal unterstrichen wird. Mit leichtem Bedauern stellt man fest, dass ein paar Genrewechsel weniger einfach mehr gewesen wären.

Quelle: teleschau - der mediendienst